EXPERTEN-ANALYSE
Ein Bild aus goldenen Zeiten: Die neun Vorarlberger Olympiasieger, 2009 versammelt in Lech.
Stehend v.l.: Hubert Strolz (Kombination, 1988), Patrick Ortlieb (Abfahrt, 1992), Egon Zimmermann (Abfahrt, 1964), Trude Jochum-Beiser (Kombination 1948, Abfahrt 1952), Hubert Hammerer (Schießen, 1960), Edith Rhomberg-Zimmermann (Silber Abfahrt, 1964) und Othmar Schneider (Slalom, 1952). Hockend v.l.: Toni Innauer (Skispringen, 1980), Mario Reiter (Kombination, 1998) und Anita Wachter (Kombination, 1988).
Foto: Reinhard Mohr, Roland Paulitsch
Olympia und die harte Wirklichkeit
Die unnötige Empörung hat sich gelegt, an den in Österreich bei allen Katastrophen obligatorischen Runden Tischen wurde das angebliche Desaster ausgiebigst zerpflückt. Dabei konnte sich doch außer einem anerkannt ahnungslosen Sportminister niemand über die Bilanz der österreichischen Sportlerinnen und Sportler in London allen Ernstes wundern oder gar aufregen. Gut – eine oder zwei Medaillen wären sich im günstigen Fall vielleicht ausgegangen, aber was hätte das wirklich geändert? Und wie kommen ausgerechnet die Topsportler des Landes dazu, als Versager und Touristen hingestellt zu werden? Junge Frauen und Männer, denen es unter enormen Entbehrungen gelungen ist, dem leistungsfeindlichen, verfilzten österreichischen Sportsystem ein Schnippchen zu schlagen und mit der Weltspitze wenigstens in Kontakt zu treten.
Ländle-Sicht
Was die Ergebnisse der fünf Vorarlberger Sportlerinnen und Sportler in London betrifft, haben sich die heimischen Sportjournalisten – aus oben angeführten Gründen völlig zu Recht – in olympischem Fairplay geübt. Dabei könnte man es belassen, hätte es nicht eine bemerkenswerte öffentliche Stellungnahme des Sportservice Vorarlberg (namentlich von Sport-Landesrat Siegi Stemer und Martin Kessler*) gegeben – in etwa des Inhalts, dem österreichischen Sportwesen wäre Genesung gewiss, würde man sich das Vorarlberger System zum Vorbild nehmen. Das ist angesichts der Faktenlage eine mutige Ansage.
- Kein einziger der immerhin 17 österreichischen Top-10-Plätze in London ging nach Vorarlberg.
- Mindestens vier der fünf Vorarlberger Olympiastarter haben seit Jahren mit dem heimischen Sportsystem bestenfalls am äußersten Rande etwas zu tun, setzen ihre Trainingsschwerpunkte (zum Teil auch ihren Lebensmittelpunkt) ganz woanders.
- Seit den beiden Olympiamedaillen von Wolfram Waibel jun. 1996 in Atlanta hat sich bei Sommerspielen nicht ein Vorarlberger in einem Einzelbewerb unter die besten zehn kämpfen können – der jetzt für Deutschland startende Niederösterreicher Matthias Steiner zählt wohl kaum.
- Nur unwesentlich besser, und das stimmt besonders nachdenklich, ist die Bilanz bei Winterspielen seit der letzten Olympiamedaille von Mario Reiter (Gold in Nagano 1998).
- Insgesamt ist Vorarlberg nun schon bei sieben aufeinander folgenden Olympischen Spielen medaillenlos, so eine lange Durststrecke gab es zuvor nie.
Der Rest ist Ankündigungspolitik, noch dazu für eine recht ferne Zukunft. Gute Systeme brauchen im Sport 15 Jahre, bis sie wirken, heißt es jetzt. Also will man im Skisport für Olympia 2018 wieder stark aufgestellt sein, im Sommer 2020 und 2024. Angesichts der menschlichen Vergesslichkeit bieten solche Vorlaufzeiten immerhin Gewähr, dass die derzeit Verantwortlichen nie mehr mit lästigen Fragen rechnen müssen. Ihre Nachfolger werden neue Ziele formulieren.
Unfairness
Zuallererst sollte man die Relationen im Auge behalten, um die Leistungen der Sportlerinnen und Sportler mit Olympianiveau entsprechend würdigen zu können. Vergleiche sind problematisch, aber hat Vorarlberg Opernsänger von Weltgeltung? Sind unsere erfolgreichsten Betriebe weltweit im Umsatzranking der Top-100-Konzerne präsent? Niemand verlangt solches, nur unsere Sportler sollten von Olympischen Spielen absolute Spitzenplätze heimbringen, wo mit allen erlaubten und unerlaubten Mitteln um die prestigeträchtigen Medaillen gekämpft wird – und mit Milliardenbudgets.
Ausnahme Klien
In Vorarlberg gibt es – vielleicht mit Ausnahme von Christian Klien – aktuell keinen Einzelsportler, der wirklich Geld verdienen kann, von einer Absicherung für die Zukunft gar nicht zu sprechen. Julian Knowle und Tamira Paszek? Möglicherweise, dann sollte man aber mit einrechnen, wie viel die beiden – ohne Sicherheitsnetz und ausschließlich auf eigene Faust, mit dem System hat das rein gar nichts zu tun – in den vergangenen Jahren investiert haben, welch enorme Summen der laufende Betrieb mit eigenem Trainer, Physiotherapeut etc. verschlingt. Ein Grund für öffentliches Mitleid ist das natürlich noch lange nicht. Jeder kann im Leben frei wählen, was er tut. Also entscheiden sich die meisten Talente mit 18 konsequenterweise fürs Studieren oder Arbeiten – und gehen dem Sportsystem, das gerne Medaillen sehen würde, verloren.
Aktuelle Olympiastarterinnen wie Caroline Weber, Barbara Gasser, Livia Lang oder auch Roland Schlosser bringen zum Thema finanzielle Grundsicherheit durch Spitzensport nicht einmal ein gequältes Lächeln zustande. Und unser letzter Olympiasieger Mario Reiter (Nagano, 1998) musste am Kaunertaler Gletscher – von den Systemen unbeachtet und aus allen Kadern geworfen – als Küchenhilfe und Schankbursche arbeiten, um sich sein Training leisten zu können. Als er dann ganz oben am Treppchen stand, waren alle wieder da.
Nie diskutierte Schieflage
Die Verantwortlichen dürfen mit Recht darauf hinweisen, dass sie hoch professionelle Strukturen anbieten. Vorarlberg hat mustergültige Sportstätten und eine vorbildliche Organisation – im Landhaus und im Sportservice. Solange die Sportler selbst aber finanziell im luftleeren Raum agieren, wird das gar nichts nützen. Von 8,24 Millionen, die 2011 in den außerschulischen Sport investiert wurden**, müsste am Ende einfach mehr an Direktförderung wenigstens bei den allerbesten potentiellen Olympiastartern ankommen. Sonst läuft man Gefahr, dass am Ende die Strukturen stimmen, aber nicht die Ergebnisse.
Ungerecht wird das System spätestens dann, wenn Vorarlberger Athleten mit Olympiaformat finanziell am Existenzminimum leben, während höchst mittelmäßige ausländische Sportler im Vorarlberger Fußball, Eishockey oder Handball sehr gutes Geld verdienen können. Und zwar – nur darum geht es – massiv gefördert von der öffentlichen Hand.
Selbst die heimischen Top-Olympiakandidaten (A-Kader) werden mit maximal 600 Euro*** pro Monat abgespeist, in den Mannschafts-Spitzensport aber fließen allein aus dem Landesbudget jährlich deutlich mehr als zwei Millionen****, dazu kommen noch mehrere hunderttausend Euro des landeseigenen Energiekonzerns VKW.
So lassen sich Spieler aus aller Herren Länder selbst in der zweiten Liga des chronisch erfolglosen Fußballlandes Österreich schöne Gehälter auszahlen, obwohl sie international bestenfalls als viertklassig einzustufen sind (sonst würden sie ja nicht auf dieser Ebene spielen).
Im Vorarlberger Corratec-Radteam, das die großen internationalen Rundfahrten gar nicht bestreiten darf, weil die Klasse dafür fehlt, sind von 14 angeführten Fahrern genau zwei in Vorarlberg geboren. Trotzdem sprudeln die Steuergelder reichlich. Und nun verkündet der Dornbirner Eishockey-Club, den es in den vergangenen Jahren wegen seiner höchst erfolgreichen Nachwuchsarbeit sehr zu bewundern galt, dass man mit zwölf Ausländern (und einigen zugekauften Österreichern) ganz oben mitmischen möchte. Mit kräftiger Unterstützung des Landes selbstverständlich.
Wissen die Sport-Verantwortlichen eigentlich, wie weit die genannten Teams vom Weltklasseniveau entfernt sind, das sie ihren Olympiasportlern gerne abverlangen würden? Und wissen sie, dass es in Vorarlberg Profis im Einzelsportbereich gibt, die als Mitglieder des Olympia-Hoffnungskaders ihrem Verband jährlich für das Training in Dornbirn 30.000 Euro (!!!) abliefern und dazu noch alle Reise- und Aufenthaltskosten für die Trainer – für sich selbst natürlich auch – übernehmen müssen, um ihren Sport auf internationaler Ebene betreiben zu können?
Natürlich sind Fußball, Eishockey und Handball in ihrer Publikumswirksamkeit weit über alle anderen Sportarten zu stellen, finden Turn-, Schwimm- oder Leichtathletik-Landesmeisterschaften im Verwandten- und Freundeskreis statt. Aber darf das auch ein Argument sein für diejenigen, die den Spitzensport fördern – und sich letztlich Olympiamedaillen wünschen?
Man kann diese Frage mit Ja beantworten, dann aber sollte man die Olympiapläne schubladisieren, sich auf Arge-Alp-Wettkämpfe konzentrieren und nicht Amateursportler mit weltfemden Erwartungen belasten.
*Aufgabenbezeichnung nicht möglich, da Martin Kessler im Mitarbeiterstab des Sportservice nicht angeführt ist (Quelle: www.sportservice-v.at, Rubrik ‚Unser Team‘)
**Quelle: Amt der Vorarlberg Landesregierung: Presseinformation über den Rechnungsabschluss 2011, Seite 8.
***Quelle: Amt der Vorarlberger Landesregierung, Richtlinien für die Förderung der Sportlerinnen in Olympischen Sportarten, Seite 5.
****Quelle: Amt der Vorarlberger Landesregierung, Rechnungsabschluss 2011, Seite 99.
Adi Fischers Ansichten sind geprägt von diesen vielfältigen Erfahrungen, sie können durchaus von denen der Redaktion abweichen.
Der Autor ersucht um Verständnis, dass aus Gründen der Sprachökonomie im Text nicht beide Geschlechter angeführt sind.








31. August 2012
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