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interview

„Jeder muss seine rote Linie ziehen“

Die Geschichte eines begabten, aber erfolglosen Folkmusikers und seine Abenteuer mit einer Katze erzählen Joel und Ethan Coen in ihrem Film „Inside Llewyn Davis“.

K atzenvideos sind der absolute Spitzenreiter auf YouTube – haben Sie sich davon für Ihren Film inspirieren lassen?

joel coen: Absolut, der Auftritt dieser Katze wird uns einen Blockbuster bescheren! (lacht).

ethan coen: Man macht es eben, weil die Leute diese Videos von süßen Katzen so sehr lieben. Menschen haben ein unglaubliches Verhältnis zu Katzen.

Und die ernste Antwort?

ethan: Die Hauptfigur unterhält zu Menschen ganz komplizierte Beziehungen. Im Unterschied dazu verbindet ihn mit dieser Katze eine sehr einfache Beziehung – sie ist sozusagen das tierische Gegengewicht zur menschlichen Kompliziertheit.

joel: Man denkt sich das beim Schreiben alles so hübsch aus, doch dann wird man beim Drehen mit der harten Realität konfrontiert. Eine Katze vor der Kamera ist alles andere als ein Vergnügen.

Wie groß ist der Katzenjammer für die Coens?

joel: Wir hatten in einem frühen Film bereits mit Katzen gedreht und damals schon unsere einschlägigen Erfahrungen damit gemacht. Aber offensichtlich haben wir unsere Lektion einfach nicht gelernt und es hier wider besserem Wissen wieder getan.

Immerhin hört die Katze auf denselben Namen wie damals George Clooney in „O Brother, Where Art Thou?“ …

ethan: Stimmt, beide heißen „Ulysses“. Wir haben beim Namen der Katze jedoch weniger an Clooney als an James Joyce gedacht. Tatsächlich kann man beide als Avatare derselben Sache sehen.

Wie entwickeln Sie Ihre Stoffe? Wie sieht der Arbeitsprozess der Coen-Brüder aus?

ethan: Wir reden über Dinge, spielen mit Ideen herum oder unterhalten uns über ein Buch oder einen Film. Aus dieser sehr freien Form der Konversation entsteht irgendwann die Idee zu einem Film.

joel: Wenn Sie uns dabei heimlich beobachten würden, kämen Sie niemals auf die Idee, dass hier ein Film entsteht.

Welche Rolle spielt Bob Dylan für diese Geschichte?

joel: Wir wollten keinesfalls einen Film über Bob Dylan machen. Wobei man unseren Titelhelden allerdings auch nicht mit dem Folkmusiker Dave Van Ronk gleichsetzen sollte. Wir interessieren uns nicht für Biografien, sondern für erfundene Figuren.

Ihr Titelheld Llewyn erweist sich als kompromissloser Künstler, der seine Ideale nicht aufgibt – wie wichtig ist Ihnen dieser Aspekt?

ethan: Irgendwann muss jeder einmal seine rote Linie ziehen. Allerdings wird man dabei höchst selten einen Heiligen finden. Auch für Llewyn sehen die Dinge ja etwas komplizierter aus.

Wann hatten die Coens zum letzten Mal das Gefühl, ihre Künstlerhaut zu Markte getragen zu haben?

joel: Wir versuchen schon seit den Studentenzeiten, uns zu verkaufen.

ethan: Aber keiner will kaufen, das ist das Problem. Es verhält sich wie bei diesem Typen im Film: Man verkauft sich so weit, wie man selbst damit noch leben kann. Und so weit, wie es die Welt verlangt. Irgendwo dazwischen muss man seine Linie ziehen.

Ihr Held ist Versager und Talent zugleich – wie sehen Sie dieses Verhältnis?

joel: Jeder weiß, dass es Leute gibt, die unglaublich gut in ihrem Bereich sind, aber dennoch keinen Erfolg haben. Warum ist das so? Diese Frage wollen wir mit diesem Film aufwerfen – ohne dass wir Antworten darauf hätten. Wir fanden das eine spannende Geschichte: Sie handelt von einem Versager. Aber einem Versager, der ziemlich gut ist. Doch allem Talent zum Trotz wird unser Llewyn niemals ein Bob Dylan sein.

Gibt es in all Ihren Filmen die absolut perfekte Coen-Szene für Sie?

ethan: Nein, das lässt sich gar nicht sagen, weil wir unsere Filme niemals rückblickend bewerten. Wenn ein Film abgedreht ist, ist er abgeschlossen. Wir beschäftigen uns nicht mehr damit, weil wir ohnehin nichts mehr verändern könnten.

joel: Ich wüsste auch keine Lieblingsszene. Wenn man gezwungenermaßen einmal seine alten Filme anschaut, entdeckt man nur all die Fehler, die man gemacht hat. Jene Szene, die anders besser gewesen wäre oder jener Schnitt, der umgekehrt effektiver gewirkt hätte. Man sieht die kleinen Schwächen und eventuell auch die größeren.

Sie sind in so vielen Genres sattelfest, wäre ein Film aus dem pornografischen Bereich à la Lars von Trier keine Herausforderung für Sie?

joel: Wir können mit Lars von Trier nicht mithalten. Wir sind langweilig im Vergleich zu Lars.

ethan: Lars von Trier ist uns zu weit voraus. Und er ist fast überall.

Welche Filme schauen Sie selbst gerne an?

ethan: Wir haben vor Kurzem einige Filme von Douglas Sirk gesehen, die waren alle sehr interessant. Kitschig, aber in der richtigen Form und Dosis.

joel: Sirk ist faszinierender Kitsch!

INTERVIEW: D. OSSWALD

Inside Llewyn Davis: 16. und 18. Jänner im Metro Kino Bregenz.

zu den personen

Joel David Coen, geboren am 29.11.1954 in Minneapolis.

Ethan Jesse Coen, geboren am 21.9.1957 in Minneapolis.

Die Brüder haben seit ihrem Spielfilmdebüt mit „Blood Simple“ (1984) bisher 16 Langfilme gemeinsam gedreht. Sie haben damit vier Oscars gewonnen.

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