Vom Schandfleck zum Kultur-Bijou

In Rorschach eröffnete eine neue Club- und Konzert­location ihre alten Tore: Das Treppenhaus, 459 Jahre alt, bietet Kaffee, Konzert und Lektüre.

barbara camenzind

Rorschach – gastliche Hafenstadt“. So wurde man früher durch ein großes Schild an der von Osten einfallenden Churer Strasse empfangen. Ein fixer Sprayer ersetzte in einer Nachtaktion das Wort „gastlich“ durch „garstig“, und dem aufmerksamen Besucher wird auffallen: Die paar Kursschiffe, von denen sich Rorschach seinen Zunamen ableiten will, stehen in keinem Verhältnis zur stolzen Vergangenheit als äbtischer Korn- und Tuchhandelsplatz. Die SBB lässt heute Schnellzüge vorbeidonnern, man wartet an Bahnschranken und geht an geschlossenen Lokalen vorbei. Eine Stadt im Dornröschenschlaf?

Neue Impulse

Immerhin pilgern zirka 600 Studierende jeden Morgen in die „heiligen Hallen“ der pädagogischen Hochschule und bemühen sich, nach dem absolvierten Stundensoll schnells­tens wieder aus dem Städtchen zu verschwinden. In den Wirtshäusern der Stadt ist – ausgenommen im Café „La Vela“ mit der preisgekrönten Pasticceria – eher die Generation 50 plus anzutreffen. Es ist ruhig geworden in der Hafenstadt.

Veränderungen werden aber durchaus sichtbar: Der Glaspalast des neuen Würth-Group-Standortes am See mit seiner internationalen Kunstausstellung mag zwar als beeindruckendes Einfallstor am Hauptbahnhof und an der Parkanlage Neuseeland gelten, steht aber noch wie ein erratischer Block in der Landschaft. Die Verbindung zum Städtchen ist nur im Ansatz spürbar. Im östlichen Teil Rorschachs, an prominenter Lage zwischen Rathaus, katholischer Pfarrkirche und dem Polizei­posten steht seit 459 Jahren ein imposantes Treppengiebelhaus mit wechselvoller Geschichte. Das älteste Haus Rorschachs, einst als Pfarrhof erbaut, so erfährt man vom Rorschacher Journalisten und Lokalhistoriker Otmar Elsener, wurde in den 30er-Jahren „unsachgemäß restauriert“. Der Treppengiebel, vorher nicht vorhanden, wurde aufgepfropft und gilt seither als Wahrzeichen des östlichen Stadtplatzes. Einst beherbergte das Haus den ersten Kolonialwarenladen, dann eine Tierhandlung, dann verlotterte es über viele Jahre. Vor Kurzem erwarb der Unternehmer Urs Räbsamen das Haus und einige Überlegungsrunden später – mit der Stadt, der Bibliothek und dem Kulturverein Treppenhaus – konstituierte sich ein Projekt, das seit Anfang Jänner bestechend gut funktioniert. Der Kulturverein, bestehend aus ehemaligen Mitgliedern der Kulturbrauerei Mariaberg, die vor einigen Jahren ihre Türen schließen musste, freut sich, im neu gestalteten Treppenhaus ein Kaffeehaus, eine Bar und ein Konzertlokal betreiben zu können.

In den oberen Stockwerken installiert sich die Stadtbibliothek Rorschach-Rorschacherberg sowie die Ludothek. Schon kurz nach der Eröffnung geht es zu und her wie im Bienenhaus. Die findigen Angestellten hatten einen „Kuchen-Contest“ ausgeschrieben, Backfreaks aus der Region beliefern die Bar mit regionalen Köstlichkeiten. Morgens stehen Kinderwagen im Lokal, es gibt eine Spielecke. Mit seiner spartanisch-freundlichen Einrichtung (ob das denn schon fertig umgebaut sei, fragten einige Gäste) wirkt es urban und verhilft dem brötigen Charme der umgebenden Stadt zu neuer Leichtigkeit. Hier lässt es sich gut sein.

Tag der offenen Tür

Die Präsidentin Eleonora Farinello ist zufrieden mit dem Einstand ihrer Kulturstätte. Zusammen mit Booker Niklaus Reichle und dem restlichen Team schaffen sie einen Ort, an dem sich Kaffeehaus-, Bar-, Musik- und Buchkultur mischen. Die Gigs im Februar sind sorgfältig ausgesucht: Sky White Tiger aus den USA verzaubert am 14. Februar mit seinen Synth-Sound-Girlanden die alten Mauern, zusammen mit den Elektrovirtuosen Tutti Frutti. Wer eher auf Garagenrock steht, wird am 22. Februar auf die Franzosen Magnetix treffen und kann vorher am Tag der offenen Tür das ganze Haus besichtigen. Die Eintrittspreise sind mit 15 Franken durchaus Vorarlberg-kompatibel. Die Vielfalt des Kulturlokals lässt den Eindruck aufkommen, dass sie eben tatsächlich gastlich ist, die sogenannte Hafenstadt.

Infos: www.treppenhaus.ch

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