Ein Altmeister: hellwach und ehrlich

Vielfältig und doch in sich geschlossen: das SWR Sinfonie-orchester Baden-Baden und Freiburg unter Michael Gielen.

katharina von glasenapp

Eine Programmzusammenstellung, die zunächst seltsam anmutete, erwies sich unter den Händen von Altmeis­ter Michael Gielen als schlüssig und reich an Querverbindungen. In der Pause wurden Unterschriften gegen die geplante Fusionierung der beiden SWR-Orchester gesammelt, und Gielen, über lange Jahre Chefdirigent und nunmehr Ehrendirigent auf Lebenszeit, machte sich einmal mehr zum Sprachrohr für sein Orchester. Trotzdem stand natürlich die Musik im Vordergrund bei diesem Bregenzer Meisterkonzert am Donnerstagabend, Werke, einerseits verbunden durch Gustav Mahler als Komponist und als Bearbeiter, andererseits durch zwei Variationswerke, wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten.

Der Körper des 86-jährigen Dirigenten mag inzwischen gebrechlich sein, sein Dirigat manchmal nur angedeutet, doch der Geist in seinen verbindenden Worten ist hellwach. In großer Besetzung war das SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg aufgeboten, Dvoráks Sinfonische Variationen über ein tschechisches Volkslied ermöglichten es den einzelnen Instrumentengruppen und Solisten, sich vorzustellen: Warme Holzbläser brachten den liedhaften Tonfall, gleißender Glanz, aber auch kammermusikalische Durchsichtigkeit in der Fülle, ein seliger Walzer oder eine brillant gearbeitete Fuge zeichneten das Porträt des Komponisten.

Im Flüsterton

Nur wenige Worte braucht Gielen, um das Wesen der Zwölftontechnik in Strawinskys Variationen in memoriam Aldous Huxley zu skizzieren: „Stellen Sie sich vor, 12 von Ihnen stehen im Foyer und jeder flüstert zur gleichen Zeit einen klugen Satz – niemand wird es verstehen!“ Und wenn Gielen, der Spezialist für Neue Musik, der die Variationen selbstverständlich analysiert und durchleuchtet hat, bekennt, dass er sie nicht versteht, dann mag zwar ein bisschen Koketterie mitschwingen, aber auch eine große Portion Ehrlichkeit. Natürlich bietet er mit den kompetenten Musikern eine spannende Aufführung des rund zehnminütigen Werks, bei der Wiederholung hat sich aber an der verkopften Sprödigkeit des Stücks und an der Unruhe des Publikums noch nichts geändert.

Bei Mahlers „Lieder eines fahrenden Gesellen“ hört man unter Gielen das Moderne der Partitur, aber auch die Naturverbundenheit, die wiederum an Dvorák anschließt. Der amerikanische Bariton Andrew Schroeder war für Peter Mattei eingesprungen. Er wirkte etwas verhalten und isoliert, zwar mit guter Sprache und feiner Kopfstimme singend, jedoch immer etwas distanziert. Im letzten Lied „Die zwei blauen Augen“ zwang ihm Gielen ein extrem langsames, kaum singbares Tempo eines Trauermarsches auf – die Wendung zum „Auf der Straße steht ein Lindenbaum“ erfüllte er mit großer Wärme und Innigkeit.

Gestochen scharf

Auch Robert Schumanns erste Symphonie ist von Liedmelodien durchzogen – „Im Tale geht der Frühling auf“ schmettern die Bläser – in der Fassung, die Gustav Mahler für seine Aufführungen erstellt hatte, klingt das ziemlich aufgebläht, riesig, manchmal fast dämonisch. Trotzdem führt Gielen die Musiker auch zu schlanker Tongebung, zu gro­ßer Innigkeit im langsamen Satz, zu kernigem Tanz im Scherzo. Im Finale kommen die Motive gestochen scharf in ausgewogener Dynamik, und hier angekommen, hat man sich schließlich auch an Mahlers subjektiven Zugang gewöhnt.

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