Jägerlatein

Das Grauen: Das „Neujahrsbaby“ ist „wie wir“

Manche Dinge werden mir immer fremd bleiben. Dazu gehört natürlich die Knallerei zu Silvester, aber mittlerweile finden ja Gott sei Dank die meisten diesen Unbrauch, das alte Jahr mit Schüssen zu verjagen oder dem neuen ein Lichtermeer am Himmel zu präsentieren, ziemlich dumm.

Was dagegen scheinbar immer noch viele zu begeis­tern scheint, ist das sogenannte „Neujahrs-Baby“. Jetzt finde zwar auch ich es schön, wenn in jener Nacht, die recht willkürlich von wem auch immer auserkoren wurde, den Jahreswechsel zu repräsentieren, ein Kind geboren wird und sowohl das Baby als auch die Mutter wohlauf sind. Dass es aber, seitdem ich mich erinnern kann, die „Nummer 1-Meldung“ der hiesigen Tageszeitungen ist, dass Frau Hinz oder Frau Kunz um 0 Uhr 32 einem gesunden Kind das Leben geschenkt hat, finde ich schon erstaunlich. Wen außer der unmittelbaren Verwandtschaft mag diese Nachricht denn fesseln? Schließlich wird ja auch nicht darüber berichtet, wer als erstes im neuen Jahr gestorben ist, welches Paar 2014 zuerst dem Beischlaf huldigte oder wer die erste Leberwurst des noch jungen Jahres verdrückt hat. Zu Recht nicht, denn all dies ist extrem uninteressant. Dennoch ist das Neujahrsbaby – medial wohlgemerkt – nicht totzukriegen. Mein Vorschlag zur Güte: Berichten wir doch in Zukunft lieber über das letzte im alten Jahr geborene Kind, welches ja ohnehin ein armes Hascherl ist, da es seinen Geburtstag (dies gilt natürlich auch für am 24. 12. Geborene) ein Leben lang mit einem weit etablierteren Fest teilen muss.

Einen anderen Vorschlag möchte ich auch noch anbringen: Ich bitte eindringlichst alle Programm-Macher von kommerziellen Radio- und Fernsehsendern, ihre permanente Eigenwerbung einzustellen. Nach fast jedem Lied muss man sich anhören, dass Herr Mayer aus Innerbraz oder Frau Schmidt aus Hörbranz am liebsten diesen oder jenen Radiosender hört. Auch hier gilt: Wen soll das denn interessieren? Bei einem Buch steht ja auch nicht auf jeder vierten Seite „Karl Schneider aus Wien 10 hat dieser Roman ganz besonders gefallen“. Ein gepflegter, aber durchaus vernehmbarer Aufschrei würde aus den Rachen jener Menschen erklingen, die die schöne Freizeitbeschäftigung des Lesens noch nicht als antiquiert betrachten. Leute, die viel fernsehen, sind da wohl schmerzfreier, denn obwohl der Staatssender gefühlte 500 Mal pro Tag behauptet, er sei „wie wir“, was angesichts des Programms eine unfassbare Anmaßung ist, wird er offensichtlich immer noch gern gesehen. Zumindest ist er nicht so pleite, wie er es nach dieser Werbelinie verdient hätte.

Das Grauen: Der ORF berichtet über das „Neujahrsbaby“ und behauptet, es sei „wie wir“. Das absolute Grauen: So unvorstellbar ist diese Schreckensvision gar nicht!

Raimund Tschako Jäger

Hinweis: Der Inhalt dieser Kolumne muss nicht die Meinung der Redaktion widerspiegeln.

raimund.jaeger@russmedia.com

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