interview

„Alles andere als ein Sieg ist erst mal eine Niederlage“

Neo-Trainer Boris Becker zieht nach dem Viertelfinal-Aus seines Schützlings Novak Djokovic eine erste Zwischenbilanz.

Wie geht man nach so einer Niederlage nach Hause? So deprimiert, wie man es als Spieler war?

Boris Becker: Ehrliche Antwort: Ja! Ich habe bis fünf, halb sechs kein Auge zugetan. Aber jedem aus dem Team ging es so. Wenn man mit Haut und Haaren und Herzblut dabei ist, mitleidet und weiß, wie knapp das Spiel war, dann ist man emotional sehr aufgewühlt und muss das erst mal verarbeiten.

Hätte Novak Djokovic etwas anders machen müssen?

Becker: Den letzten Punkt gewinnen. Aber man muss Stan Respekt zollen. Er war für seine mentale Schwäche bekannt, aber auch dank seines Trainers Magnus Norman hat er sich in diesem Bereich enorm gesteigert. Er war einfach besser und hat in den entscheidenden Momenten mutiger gespielt. In bestimmten Phasen hat man gemerkt, dass Novak das letzte Quäntchen Energie, das letzte Quäntchen Magie gefehlt hat.

Wie kann man in den entscheidenden Momenten von außen Hilfe leisten?

Becker: Sobald das Spiel losgeht, ist es schwer von außen Einfluss zu nehmen. A ist es nicht erlaubt, und B ist man zu weit weg. Die Hausaufgaben müssen früher gemacht sein. Klar gibt es kleine Zeichen. Ein paar Möglichkeiten hat man immer.

Würden Sie sich mehr Einfluss wünschen?

Becker: Für mich stellt sich die Frage: Ist es nicht Zeit, dass auch das Tennis den Trainer auf der Bank erlaubt, damit er direkter, schneller und besser eingreifen kann? Das würde der Qualität des Spiels helfen, das würde sicher auch den Spielern helfen. Ich wäre dafür, aber es gibt auch andere Meinungen, die ich respektiere. Man sieht das im Fußball, Basketball, Boxen. Das würde die Bedeutung des Trainers noch mehr erhöhen.

Waren Sie überrascht von der Aufmerksamkeit, die das Duo Becker/Djokovic auf sich gezogen hat?

Becker: Wir waren alle überrascht davon. Schon in Abu Dhabi lief die CNN-Schlagzeile ununterbrochen. Ich meine: Es gibt wichtigere Dinge auf der Welt als Djokovic/Becker. Wir haben ja nicht die Welt verbessert oder irgendetwas Wegweisendes entdeckt. Es ist nur eine neue sportliche Partnerschaft entstanden. Allerdings: Das Medienecho durch ‚Beckovic‘ war für das Tennis gut. Auch den Spielern bringt es viel. Mehr Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit bringt in der Regel mehr Verträge, es ist also gut fürs Geschäft.

Im Rückblick: Wie waren die zwei Wochen in Australien für Sie persönlich?

Becker: Herausfordernd, anstrengend im positiven Sinne, weil es vor Ort ein Fulltime-Job ist. Es ist nicht nur die Arbeit auf dem Platz, es ist auch die Vorbereitung vor jedem Match. Es geht darum, die Gemütsschwankungen eines Spielers zu kontrollieren. Wann ist er wie drauf? Wann ist er aufnahmefähig? Wann hat er Angst? Wann hat er zu viel Selbstvertrauen? Dann habe ich natürlich die anderen Spieler studiert, die Stimmung in der Umkleidekabine ist ganz spannend. Wer ist Chef im Ring, wer nicht?

Und wer gewinnt jetzt in Melbourne?

Becker: Ich sage, Roger Federer gewinnt.

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