Die Wanderung der Könige

Amelie, Kim, Leonie und Lena sind in Bings, Radin und Grubs dieser Tage als Sternsinger unterwegs und sammeln dabei Spenden für Hilfsorganisationen. Die Aktion der Katholischen Jungschar feiert heuer 60-jähriges Bestehen.

Rubina Bergauer

In der Sakristei der Bingser Kirche herrscht Aufregung –
die Kopfbedeckung von Melchior wird noch vermisst. Eine eilig angerufene Mama bringt schließlich das gesuchte Kleidungsstück vorbei: Jetzt können die vier Mädchen von Felicitas Franz geschminkt werden. Denn Amelie (10), Kim (8), Leonie (12) und Lena (9) sind heute und morgen in Bings, Radin und Grubs als Sternsinger unterwegs. Ihren Rundgang starten die Kinder samt Begleitperson nach dem Gottesdienst um 9.30 Uhr vormittags. Drei bis vier Stunden werden die Acht- bis Zwölfjährigen im Dienste der guten Sache unterwegs sein. Bei jedem Wetter.

In den besuchten Haushalten werden die quirligen Mädchen den Bewohnern ein Lied und ein kleines Gedicht vortragen, bevor sie weiter ziehen. „Nervös bin ich dabei gar nicht mehr. Das macht mir Spaß“, erklärt Amelie. Aber nach einer langen Runde sei sie froh, wieder ins Warme zu kommen. „Der Weg nach Grubs ist schon etwas anstrengend, vor allem, wenn es eisig ist und viel Schnee liegt. Das dürfte heuer zwar nicht der Fall sein, aber das bedeutet auch, dass wir den Rückweg nicht wie sonst per Rodel zurücklegen können“, schildert Gabriele Marte.

Ein kleines Abenteuer

Die Bingserin koordiniert die Aktion bereits seit einigen Jahren. Die zweifache Mama ist auch im Pfarrgemeinderat und dem Familienliturgie-Team tätig. Ihre jüngste Tochter ist selbst bei den Sternsingern dabei. „Als ich diese Aufgabe übernommen habe, hätte ich nicht gedacht, welche Bereicherung das ist. Die Menschen warten regelrecht auf die Heiligen Drei Könige und freuen sich, wenn wir an die Tür klopfen. Viele suchen das Gespräch mit uns, da erlebe ich oft eine Sehnsucht, sich mitzuteilen“, berichtet die sportliche Frau und lächelt. Einige würden auch die Gelegenheit nutzen, das Haus mit Weihrauch reinigen zu lassen. „Da marschieren wir mit dem kleinen Kessel dann durch alle Räume. Andere haben es wiederum lieber, wenn der Weihrauch draußen bleibt“, berichtet Marte und lacht.

Neun Mädchen und fünf Burschen im Alter zwischen sechs und 13 Jahren sind in Bings und Umgebung mit jeweils einer Begleitperson als Sternsinger unterwegs. Wie es gelingt, so viele Kinder zum Mitmachen zu bewegen? „Viel läuft über Mundpropaganda. Für die Mädchen und Buben ist es ja auch ein kleines Abenteuer“, erläutert Marte. Und Felicitas, die eben damit fertig geworden ist, den letzten „König“ zu schminken, fügt hinzu: „Wir suchen auch über das Pfarrblatt, in der Volksschule oder unter Bekannten nach Interessierten.“ Die junge Frau aus Bludenz engagiert sich seit nunmehr zwölf Jahren für die Sternsinger-Aktion. „Ich sehe das als meinen Beitrag für die Gemeinde und als Wahrung einer Tradition“, erklärt sie. Ihre Schwester Cindy Frohner studiert mit den angehenden Sternsingern die Lieder ein.

Selbst die Kleider der Heiligen Drei Könige sind von Hand gefertigt. „Meine Mama hat diese noch bei einer Bekannten in Auftrag gegeben, da die alten Kostüme einfach schon zu abgetragen waren. Jetzt haben wir einheitliche Kleider in unterschiedlichen Größen für all unsere Könige“, schildert Felicitas und lässt ihren Blick über die aufgehängten, farbigen Mäntel streifen.

Magier aus dem Osten

Das Sternsingen geht auf die Erwähnung der Magier oder Sterndeuter aus dem Osten im Matthäus-Evangelium zurück. Aus den Sterndeutern wurden im Laufe der Zeit die heute bekannten Heiligen Drei Könige mit den Namen Caspar (persisch: „Schatzmeister“), Melchior (hebräisch: „Mein König ist Licht“) und Balthasar (babylonisch: „Schütze sein Leben“). Die Ursprünge des Sternsingens liegen vermutlich in den theatralischen Dreikönigsspielen im Mittelalter. Die bekannten Kreidezeichen, die die „Könige“ über Hauseingängen hinterlassen, sind nicht die Initialen ihrer Namen, sondern ein lateinischer Segensspruch: Christus mansionem benedicat (Christus, segne dieses Haus).

Im Winter 1954 organisierte die Katholische Jungschar dann zum ersten Mal Sternsingen in der heutigen Form, um Spenden für eine Hilfsaktion aufzutreiben. Die Begeisterung in der Bevölkerung übertraf alle Erwartungen. So feiern die Sternsinger 2014 bereits ihr 60-jähriges Bestehen. Die gesammelten Spenden gehen nach wie vor an Hilfsprojekte weltweit. Aktuell werden Organisationen zur Unterstützung von Mädchen in Nairobi, Bauernfamilien in Nepal und die indigenen Völker in Brasilien, für die sich auch Bischof Erwin Kräutler verstärkt einsetzt, unterstützt.

Berührende Momente

Für Gabriele Marte ist die Aktion auch eine Möglichkeit, den Glauben lebendig zu gestalten und mit Leuten in Kontakt zu treten: „Ich gehe gerne in die Kirche, denn der Glaube gibt mir Kraft und Zuversicht. Vielleicht können das auch die Sternsinger vermitteln. Einmal haben die Kinder ihre Lieder einer betagten, bettlägerigen Frau vorgetragen. Es war deutlich zu spüren, wie sehr sie sich über diese Begegnung freute. Das sind sehr berührende Momente.“

Sternträger Amelie, „Caspar-Kim“, „Melchior-Leonie“ und „Balthasar-Lena“ finden noch weitere gute Seiten. „Die Leute schenken einem oft Süßigkeiten“, kommt es wie aus einem Mund. Und nach den anstrengenden zwei Tagen können sich alle beteiligten Kinder und Begleitpersonen bei einem gemeinsamen Essen im örtlichen Gasthaus stärken. „Da gibt es dann Schnitzel mit Pommes“, verrät Lena in einem begeisterten Tonfall.

„Die Menschen haben eine Sehnsucht, sich mitzuteilen.“ Gabriele Marte

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