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So ein Lustenauer Zigeuner

Der Lustenauer Mundart-Musiker Wolfgang Verocai (59) startet am 5. Februar mit seinem Programm „Zigünarnacht“ eine Themen-Konzertserie mit acht Auftritten. Nomen ist dabei Omen, weil es ihm die Musik und die Lebensweise der Zigeuner angetan haben.

Hannes Mayer

Eigentlich sind Wolfgang Verocais früheste Erinnerungen an die Zigeuner bzw. ihre südländische Rhythmen alles andere positiv. Fünzig Jahre ist es her, seit Verocai mit dem Gitarrespielen begonnen hat. In der Musikhauptschule. Doch statt wie erhofft die neuesten Hits von den Rolling Stones oder den Beatles zu erlernen, bringt die Lehrerin ihm und seinen Klassenkameraden Flamenco-Klänge bei. „Wie mich das angekotzt hat“, erinnert sich der heutige Liedermacher. Und doch umspielt ein Lächeln seine Lippen, als er davon spricht. Sein Blick schweift in die Ferne, für einen Augenblick verabschiedet sich der 59-Jährige wohl in eine andere Welt. Oder besser gesagt – in eine andere Zeit. Mit einem Zug an seiner Zigarette holt er sich Sekunden später wieder langsam zurück in die Gegenwart und fügt unaufgeregt an: „So sehr ich diese Lieder damals als Kind gehasst habe – sie haben doch etwas in mir bewirkt.“

Als Gymnasiast macht er sich mit Freunden auf nach Spanien. Seine Kumpel bleiben der Mädchen wegen in Barcelona und campen. Verocai reist nach Granada und fährt trotz einer schweren Stirnhöhleneiterung nach Sacramento in die Berge, um zu sehen, wie die andalusischen Zigeuner in Höhlen leben. Dort wird er von einer Zigeunerbande überfallen und am Hals in Ketten gelegt. Nach solch einem Erlebnis hätte wohl jeder genug von den Zigeunern gehabt. Nicht so Verocai. Ein halbes Leben später hat er ein Bühnenprogramm mit dem Motto „Zigeunernacht“ zusammengestellt – oder eben „Zigünarnacht“, wie die Lustenauer sagen.

Der Swing in der Stimme

Wie überhaupt der Abend eine Mischung aus südländischen Rhythmen und dem Lustenauer Dialekt ist. Denn so, wie es der Zuhörer gewöhnt ist, singt Vero­cai auch in „Zigünarnacht“ ausschließlich im Lustenauer Dialekt. Eine Kombination, die im ersten Augenblick nach Gulasch mit Pudding klingt. Der Liedermacher klärt auf: „Beim Lustenauer Dialekt fehlt teilweise die zweite Lautverschiebung. Dadurch haben viele Wörter drei Laute, was hervorragend zu vielen Musikstilen passt. Mit dem Lustenauer Dialekt hast du einen Swing in deiner Stimme.“ Verocai verschweigt aber auch nicht, dass er von den Luste­nauern quasi als Dialektbotschafter verpflichtet wurde. „Ich selbst sehe mich nicht als Botschafter, aber erstaunlicherweise haben viele Menschen zu mir gesagt: ‚Dass du mir ja Luschnouarisch singst, wenn ich dich im Radio höre‘. Den Menschen bedeutet es etwas, dass ich Dialekt singe.“ Verocai lacht. Es ist ein Lachen, das etwas Verlegenheit in sich trägt, aber ebenso Stolz. Stolz wohl auch deshalb, weil sein Heimatdialekt auch außerhalb von Lustenau gut ankommt – wie zum Beispiel seine Radiohits beweisen.

Am 5. Februar also beginnt Verocai mit seiner „Zigünarnacht“-Konzertserie. Ein Tross von acht Personen begleitet ihn dabei: zwei Musiker, zwei Techniker und zwei Flamencotänzerinnen. Just diese Tänzerinnen waren es unter anderem auch, die Vero­cai zu diesem Themenabend inspiriert haben. „Mich hat es unbeschreiblich gereizt, die beiden Damen vom Flamenco-Verein Jaleo auf der Gitarre zu begleiten.“ Und tatsächlich: Der Konzertabend enthält eine Nummer, bei der Verocai die Tänzerinen solo begleitet. Ein solches Themenkonzert hat Verocai übrigens bereits 2013 schon einmal gespielt. In Götzis Am Bach. Es wurde ein denkwürdiger Auftritt. „An diesem Abend ist eine unbeschreibliche Energie zwischen mir und dem Publikum entstanden“, schwärmt der 59-Jährige. Durch einen großen Zufall gibt es von diesem Abend nicht nur einen Mitschnitt, sondern sogar Videoaufnahmen, sodass Verocai eine CD und eine DVD davon veröffentlicht hat, die sinnigerweise schlicht „Zigünarnacht“ heißen. „Die Bezeichnung ‚Zigeuner‘ ist politisch nicht korrekt“, betont Verocai mit Nachdruck. „Aber ich setzte den Begriff ja unter Anführungszeichen, dann geht’s mit einem Auge-Zudrücken. Außerdem darf man als Lustenauer dieses Wort schon in den Mund nehmen.“ Weil den Lustenauern nachgesagt wird, dass sie von den Zigeunern abstammen. Ob dem so ist, verrät der „s’ Läobo ischt ko Schoggi“-Interpret übrigens im Laufe des Konzertabends anhand vieler zusammengetragener Geschichten.

Der Duft der Freiheit stinkt

Das Zigeunerleben hat Verocai jedenfalls, wie eingangs angedeutet, immer schon fasziniert. Ihm imponiert, wie dieser Menschenschlag in den Tag hinein lebt und sich nicht dem Diktat der heutigen Konsumwelt unterwirft. Was aber nicht bedeutet, dass Verocai ein naiver Sozialromantiker ist. „Was nach dem Duft der Freiheit riecht, stinkt in Wirklichkeit oft nach Elend. Gerade in Osteuropa geht’s den Zigeunern beschissen. Sie wissen oft nicht, was sie morgen essen.“

Und doch schlägt er ab Sommer einen vom Grundgedanken her ähnlichen Weg ein. Verocai gibt seinen Beruf als Lehrer auf und wird Profimusiker. Weil er einfach zu wenig Zeit für seine geliebte Musik findet und sich nicht sein Leben lang fragen will, wie es gewesen wäre, wenn er Profimusiker geworden wäre. Seine Ambitionen sind groß. Er will mit Kindern Musik machen, bei Festivals auftreten, für andere Interpreten Lieder schreiben und produzieren, für Anlässe buchbar sein, und er will eine neue CD aufnehmen. Möglicherweise sogar mit Titeln auf Deutsch oder Englisch. Angst davor, dass ihm das seine Fans als Dialektbotschafter übelnehmen könnten und ihm Kommerzialisierung vorwerfen – so wie einst bei Peter Cornelius – nein, die hat er nicht. „Peter Cornelius hat sehr viele wunderschöne Lieder geschrieben. Die Vorwürfe kamen wohl deshalb, weil seine Musik vielleicht etwas zu schlagermäßig arrangiert worden sind. Aber vom Schlager bin ich weit entfernt.“

Das beweist Verocai mit seiner Konzertserie „Zigünarnacht“. Olé.

Termine Zigünarnacht

5. Februar, 20 Uhr: Löwensaal, Hohenems; 26. April, 20 Uhr: Thalsaal, Thal bei Sulzberg; 7. Mai, 20 Uhr: Reichshofsaal, Lustenau; 29. August, 20 Uhr: Sunnahof Tufers, Göfis; 26. oder 27. August, 20 Uhr: Theater im KOM. Weitere Termine folgen.

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