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Wer Krieg führt, kann nicht in der Illusion des Friedens leben

26.03.2022 • 21:07 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Wer Krieg führt, kann nicht in der Illusion des Friedens leben
2014 noch brannte in Russland das Olympische Feuer. GEPA

Essay. Gedanken über Krieg und Frieden, über die Kraft des Sports als friedliches Gegeneinander im Miteinander.


Es ist so schnell dahingesagt: In der Ukraine herrscht Krieg. Aber es ist so schwer zu erfassen, was das bedeutet. Zumindest für die vielen von uns, die den Zweiten Weltkrieg nicht miterlebt haben und keine Geflüchteten sind. Krieg bedeutet, dass Menschen andere Menschen umbringen, dass geschossen wird, dass Bomben fallen, dass Panzer rollen, dass heulende Sirenen vor Angriffen warnen, dass geplündert und geschändet wird, dass es keine ruhige Minute mehr gibt. Krieg heißt, unschuldige Menschen sterben, nur, weil sie eine andere Nationalität oder einen anderen Glauben haben, oder einfach nur, weil der Staat, in dem sie leben, Bodenschätze hat, die andere haben wollen. Krieg ist das Verlangen, andere zu zerstören, fremde Besitztümer zu erobern, die Gier danach, über die Besiegten zu herrschen. Krieg ist die größte Niedertracht der Menschheit. Krieg ändert das Schicksal von Generationen. Millionen von Familien würden heute ein anderes Leben führen, wenn es die Weltkriege mit ihren vielen Millionen Opfern nicht gegeben hätte. Kinder und Kindeskinder wären geboren worden, die durch den Lauf der Zeit nie das Licht der Welt erblickten.

Ohne die Weltkriege hätte es nicht die Kriegstraumata gegeben, die jahrzehntelang, offen, oft aber unterschwellig, Generationen geprägt haben. Durch einen nicht enden wollenden Schockzustand, durch eine Abstumpfung der Sitten, durch eine nicht aufgearbeitete Vergangenheit, durch emotional distanzierte Väter, durch Kinder, die ohne Vater aufwuchsen, durch Mütter, die funktionieren mussten, um die Kinder großzuziehen. Und diese Kinder gaben eines Tages ihre Prägungen an ihre Kinder weiter.

Das alles hat nichts mit Sport zu tun – und doch hat der Sport gerade zu Kriegszeiten eine enorme Kraft; und deshalb auch eine enorme Verantwortung. Sport ist der friedliche Wettstreit von Athleten aus allen Ländern dieser Welt, bei dem Herkunft, Hautfarbe, Glauben, sexuelle Orientierung keine Rolle spielen. Zumindest beim Wettkampf an sich. Der Beste gewinnt. Wie der dunkelhäutige Amerikaner Jesse Owens 1936 bei den Sommerspielen in Berlin vor den Augen von Adolf Hitler, der auf der Tribüne des Berliner Olympiastadions innerlich tobte, als Owens in 45 Minuten fünf Weltrekorde aufstellte und letztlich vier Goldmedaillen gewann.

Um Owens nicht zum Sieg gratulieren zu müssen, entschied sich Hitler dazu, keinem der Sieger zu gratulieren. Denn das Internationale Olympische Komitee verlangte von Hitler, alle gleich zu behandeln. Das ist das Wesen des Sports. Es gibt Regeln, die für alle gelten. Für blutrünstige Diktatoren eine Horrorvorstellung.

Sport kann Brücken schlagen. Dennoch ist es richtig, russische Vereine und Verbände zu sperren. Denn es ist das Wesen dieser Welt, dass eine Aktion eine Reaktion auslöst. Zumal sportliche Erfolge den Nationalstolz schüren. Bei russischen Siegern würde sich Putin womöglich gar noch in seiner Weltsicht bestätigt fühlen, dass Russland über allen steht. Nein, wo Licht scheint, fällt ein Schatten, wo ein Schatten fällt, ist kein Licht. Durch ihren Krieg haben die Russen ihr Recht auf einen friedlichen Wettstreit verwirkt. Im Grunde ist das gar keine Sanktion der restlichen Welt, sondern eine Entscheidung der Russen höchstselbst: Wer Krieg führt, kann nicht gleichzeitig in Frieden leben. Diese Illusion würde der Sport aber vermitteln. In der Antike waren während den Olympischen Spielen Waffen- und Kampfhandlungen untersagt.
Es hat schon seinen Grund, warum die Olympischen Spiele der Kriegsjahre 1916, 1940 und 1944 nicht durchgeführt wurden. Ein friedliches Miteinander wäre in diesen Zeiten unmöglich gewesen. Auch die Fußball-WM wurde 1942 und auch 1946 nicht ausgetragen, obwohl 1946 der Weltkrieg bereits vorüber war; doch der Krieg, da ist dieses Bild wieder, warf lange Schatten.

Sport hat auch die Kraft der Versöhnung. Als Deutschland 1954 Fußballweltmeister wurde, bekam die Welt erstmals wieder einen anderen, einen versöhnlichen Blick auf Deutschland, und auch die Deutschen selbst konnten ein erstes Mal wieder zaghaft Stolz auf sich empfinden. 1950 war Deutschland noch von der Fußball-WM ausgeschlossen, das Vergessen und Vergeben dauert eben.
Natürlich stellt sich die Frage, was ein russischer Fußballer dafür kann, dass Diktator Putin, der friedlich nicht absetzbar ist, einen Krieg beginnt. Aber da greift die Definition dessen, was eine Nation ist. Eine Nation bezeichnet ein Kollektiv von Menschen, die gemeinsame Merkmale wie Sprache, Tradition, Sitten, Bräuche oder Abstammung haben. Die zugeschriebenen kulturellen Eigenschaften gelten als Nationalcharakter eines Volkes. Eine Nation erweist sich als ein Konstrukt, das wirksam wird, indem Menschen nach den Regeln dieses Konstrukts handeln.

Anders ausgedrückt: Jede Demokratie hat die Machthaber, die sie mehrheitlich wählt, man könnte auch sagen, die sie verdient. 1960 wählten die Amerikaner mit John F. Kennedy einen Mann zum Präsidenten, der zwei Jahre später den Dritten Weltkrieg verhinderte. 1968 wiederum wählten sie Richard Nixon, der die Friedensverhandlungen mit Vietnam untergrub, um im Wahlkampf Frieden versprechen zu können, der erst sieben Jahre später kam. Was zeigt: Nationen verändern sich.

Und ja, zu Putins Anfängen hatten die Russen sehr wohl noch die Wahl. Wenn also Putin jetzt in den Krieg zieht, ziehen die Russen solange als Kollektiv mit ihm in den Krieg, solange sie das Volk, die Nation von Putin sind. Denn es ist ja nicht Putin höchstselbst, der morden lässt. Es sind die Soldaten, Menschen wie du und ich, die töten – und erst indem sie Putins Befehle ausführen, geben sie ihm die Macht, Krieg zu führen. Jeder Konflikt hat seine Gründe, aber kein Mord ist begründbar – und schon gar kein Angriffskrieg.
Deshalb hat sich Russland selbst aus der Welt des Sports ausgeschlossen. Denn all seinen Schwächen, Ungerechtigkeiten und finanziellen Auswüchsen zum Trotz ist der Sport immer, na ja, fast immer eines geblieben: ein Symbol für das friedliche Gegeneinander im Miteinander.

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