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Scheinehen als Mittel zum Überleben

05.04.2022 • 18:19 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
<span class="copyright">Daniel Furxer</span>
Daniel Furxer

Die aktuelle Ausstellung „verfolgt, verlobt, verheiratet“ des Frauenmuseums Hittisau.

Hilda Monte, geboren 1914 in Wien, schließt sich schon als junges Mädchen dem Internationalen Sozialistischen Kampfbund an und engagiert sich politisch. 1938 heiratet sie den homosexuellen Arthur William Oldag und bekommt so die britische Staatsbürgerschaft.
Hilda Monte ist Jüdin und schützt sich durch diese Scheinehe vor dem NS-Regime. 1945 wird sie in Feldkirch-Tisis an der Grenze zu Liechtenstein erschossen. Sie war während des Zweiten Weltkriegs weiterhin politisch aktiv, führte Kurierdienste für den amerikanischen Geheimdienst aus und hatte bei ihrer letzten Mission speziell Vorarlberg im Blick.

Scheinehe

Dieses Frauenportrait ist eines von 13, die bis 30. Oktober im Frauenmuseum Hittisau betrachtet werden können. Das erste Mal wurde diese Ausstellung im Jüdischen Museum Wien präsentiert. Nun zeigt sie auch in Vorarlberg einen bisher nicht beleuchteten Aspekt des Nationalsozialismus.
Engagierte, mutige, jüdische Frauen wagten vor dem Zweiten Weltkrieg den Schritt in eine Scheinehe, um ihrem Tod zu entgehen. Gegen Bezahlung oder aus Solidarität wurden sie von Männern mit ausländischem Pass geheiratet. Viele jüdische Frauen überlebten dadurch den Holocaust. Oft jedoch mit schmerzhaften Verlusten, da viele ihrer Verwandten in KZs getötet wurden. Die wenigsten dieser Frauen sprachen nach dem Krieg darüber; aus Scham.

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Daniel Furxer

Schweigen gebrochen

Elisa Springer war eine, die ihr Schweigen brach. Sie heiratete 1939 einen italienischen Juden und konnte lange Zeit untertauchen. Sie wurde jedoch verraten, ins KZ Auschwitz und später nach Bergen-Belsen deportiert. Nachdem sie die Konzentrationslager überlebt hatte, heiratete sie aus Liebe den Italiener Guglielmo Sammarco.
Erst einige Jahrzehnte später brach sie ihr Schweigen und erzählte ihr Schicksal auch öffentlich an Schulen. Die italienische TV-Dokumentation, die man teilweise im Museum ansehen kann, zeigt diese Schreckenserfahrungen. „Uns war es sehr wichtig, diese Frauengeschichten in unser Museum zu bringen“, so Direktorin Stefania Pitscheider Soraperra. „In Zeiten des zunehmenden Antisemitismus wollen wir ein klares Zeichen setzen und Frauengeschichten erzählen, die immer noch marginalisiert werden. In Anbetracht des Ukraine-Kriegs haben diese jüdischen Frauen- und Fluchtschicksale leider eine ungewollte Aktualität erlangt.“

Erinnerungsstücke

Sabine Apostolo und Irene Messinger kuratierten diese aufschlussreiche Ausstellung, die von der Architektin Gabu Heindl sowie dem Grafikbüro Toledo i Dertschei einfühlsam gestaltet wurde.
Die Portraits und die kurzen Lebensschilderungen werden durch sorgfältig ausgewählte Erinnerungsstücke wie ein Gemälde, ein Porzellanservice oder ein Bühnenkostüm ergänzt.
Stella Kadmon, eine der 13 Frauen, war Kabarettistin und gründete in Wien ihr eigenes Theater. Andere übten ebenfalls künstlerische Berufe aus und waren dadurch europaweit gut vernetzt. Diese Vernetzungen und auch zionistische oder links gerichtete politische Organisationen machten es den Frauen leichter möglich, eine Scheinehe zu arrangieren.

Heirat mit Risiken

Durch die Ehen wurden sie aber teilweise sexueller Repression ausgesetzt oder gerieten in neue Abhängigkeiten. „Immer wieder schalteten Jüdinnen auch verschlüsselte Annoncen, um so jemanden für eine Heirat kennenzulernen. Da hieß es zum Beispiel ‚Blonde Jüdin sucht wohlhabenden Mann zwecks Ausreise‘“, erzählt Pitscheider Soroperra.
Wie die Ausstellung zeigt, waren diese Scheinehen mit Risiken verbunden, die die jüdischen Frauen in ihrer Notlage bereit waren, in Kauf zu nehmen. Jüdische Männer hatten keine Möglichkeit, diese Überlebensstrategie anzuwenden, da nur der Mann durch Heirat eine Staatsbürgerschaft weitergeben konnte. Erst 1983 wurde dieses Gesetz in Österreich novelliert.

Bis 30. Oktober. Dienstag bis Sonntag, 10–17 Uhr. Informationen: www.frauenmuseum.at

Daniel Furxer

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