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Form und Funktion „des Schönen“

07.04.2022 • 19:02 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
<span class="copyright">Klaus Hartinger</span>
Klaus Hartinger

Stefan Sagmeister widmet sich im vorarlberg museum mit „Beauty“ den Schönheiten der Welt.

Stefan Sagmeisters Werke liegen zwischen Werbung und Kunst. Der gebürtige Vorarlberger Grafikdesigner und Typograf verbindet die Schönheit der Dinge mit praktischem Nutzen und erkundet den funktionellen Charakter des Schönen. Im Gegensatz zu den bisherigen Ausstellungen im vorarlberg museum erfolgt in „Beauty“ von Sagmeister und der Designerin Jessica Walsh, die beide in den USA leben, ein Blick von außen. Perspektive und Positionswechsel seien wichtig, um Dinge besser erfassen zu können, sagte Museumsdirektor Andreas Rudigier bei der gestrigen Pressekonferenz.
In „Beauty“ heben Sagmeister und Walsh die vom Menschen gemachte Schönheit in unserer alltäglichen Welt hervor und machen deutlich, welchen Einfluss diese Ästhetik auch bei scheinbar belanglosen Objekten hat. So glaubt Sagmeister, dass sich die Schönheit unserer Lebenswelt darauf auswirkt, wie wir uns fühlen und benehmen. Beweise dafür liefert er in den Ausstellungsobjekten.

Objektivität des Schönen

Sag­meister begreift Schönheit nicht als subjektive Empfindung und will mit seiner Ausstellung auch „die Schönheit im Auge des Betrachters“ bekämpfen. Er ist davon überzeugt, dass sich die Empfindung des Ästhetischen durchaus mit Beurteilungskriterien wie Farbe, Form, Umriss, Material und Oberflächenbeschaffenheit objektivieren lässt. Ein Zeichen dafür sind die Ergebnisse der Abstimmungen, welche in Sagmeisters Ausstellungen und Shows als interaktive Elemente einbezogen sind. Die Besucherinnen und Besucher werden aufgefordert, ihre persönliche Einschätzung abzugeben.
Insgesamt wird dabei als Lieblingsfarbe Blau und Lieblingsform der Kreis am häufigsten angegeben. Braune Rechtecke werden als am wenigsten ästhetisch empfunden. Daher findet Sagmeister es „dumm“, „braune Schachteln in die Landschaft“ zu stellen, und kritisiert damit die Architektur „in der Zeit des Funktionalismus“ zwischen 1950 und 2000.

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Positiver Aspekt

Diese Kritik lässt sich auch in der Auswahl der Ausstellungsstücke erkennen. So werden öffentliche Räume und Orte vor und nach ihrer farblichen und künstlerischen Umgestaltung gezeigt. Bekräftigt wird dabei auch der positive Aspekt für die Menschen. Für Sagmeister ist nicht nur die Ästhetik an sich wichtig, sondern er denkt immer auch mit, welche Rolle die Schönheit in der Welt einnimmt.
Sagmeister & Walsh möchten zeigen, wie das Schönheitsempfinden schon von Anfang der Menschheitsgeschichte an bei der Herstellung von Gegenständen eine wesentliche Rolle spielte. Beispielsweise sei die Symmetrie von steinzeitlichen Steinbeilen rein aus Schönheitsgründen gemacht, ist Sagmeis­ter überzeugt. Sehen kann man auch, wie sich die verzierten und schwungvollen Gläser von 1500 bis 2000 zu simplen und heute üblichen Gläsern entwickelten. Weiters wird gezeigt, wie ästhetische Ansätze in der Internetsicherheit funktionieren, wie sich Farben durch künstliches Licht verändern, und durch eine Virtual-Reality-Brille können Besucher Designskulpturen bauen.

Schönheit im Grafikdesign

In Videoclips nehmen zerfließende bunte Schriftzüge immer wieder neue Formen an und geben Einblick in Sagmeister grafische Designs. Damit möchte der Grafikdesigner der Meinung von Kollegen entgegenwirken, dass die Schönheit im Design von der breiten Masse nicht wahrgenommen werde.
Sagmeister & Walshs Ausstellung zum Thema Schönheit findet zum fünften Mal statt und wurde vom MAK in Wien und vom Museum Angewandte Kunst in Frankfurt am Main entwickelt. Drei Viertel der ursprünglichen Ausstellungsobjekte wurden an die Räumlichkeiten im vorarlberg museum angepasst. Einzelne Details wurden verändert, und die lokale Sammlung des Museums wurde in die Ausstellung einbezogen.
1993 eröffnete Stefan Sagmeis­ter in New York seine Agentur Sagmeister Inc., die er von 2012 bis 2019 zusammen mit der Designerin Jessica Walsh unter dem Namen Sagmeister & Walsh führte. 2018 gestaltete er den österreichischen Beitrag für die Architekturbiennale Venedig. Er lebt und arbeitet in New York City.

April bis 16. Oktober 2022. www.vorarlbergmuseum.at

Sieglinde Wöhrer

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