_Homepage

Fischerei im Einklang mit der Natur

09.04.2022 • 12:51 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
<span class="copyright">klaus hartinger</span>
klaus hartinger

Albert Bösch möchte den Fischereibetrieb in Gaißau in der vierten Generation weiterführen.

Die Natur gibt mir die Arbeitszeit vor. Ich arbeite gerne im Einklang mit ihr. In der Hauptsaison bin ich eine Stunde vor Sonnenaufgang auf dem See draußen und lasse mich überraschen, was der Tag bringt.“ Gemeinsam mit seiner Mutter Regula fährt Albert Bösch hinaus auf den See, um die Netze zu kontrollieren und wieder auszuwerfen. Am Nachmittag ist er dann damit beschäftigt, die Fische zuzubereiten, oder er arbeitet im Büro. Sein Arbeitstag könne schon bis zu zehn Stunden dauern, erklärt Bösch.

Veränderte Bedingungen

Jeder Fang ist anders. Und im Laufe der Jahre haben sich die Fischarten im Bodensee verändert. Der Karpfen, der Wels, das Rotauge oder die Brachse sind die Profiteure des Klimawandels, sie konnten sich schnell den neuen Begebenheiten anpassen. Andere Sorten wie das Felchen oder der Barsch werden hingegen weniger.
„Die Brachse galt früher als unbeliebter Fisch, weil sie viele Gräte hat. Ich betone jedoch immer: Es kommt auf die Zubereitung an, damit er ­schmeckt“, so Bösch. Die Brachse zum Beispiel mundet in einem Aufstrich am besten. Mit der richtigen Technik verarbeitet, wird diese Art trotz des intensiven Geschmacks zu einer guten Speise. Dabei wird der Brachse der Y-Grat rausfiletiert und der Fisch ist so grätenfrei. Als Filet wird er anschließend geräuchert und ist auch als Fischsemmel einsetzbar.

Vielfältiges Angebot

Albert Bösch passt sich dem Wandel an, fängt und bereitet diejenigen Fische zu, die es eben im Bodensee gibt. Momentan sind das um die 15 essbare Fischarten. Früher habe er noch eine große Menge Fisch unverarbeitet an einen Großhändler verkauft, heute sei man als Fischer aber mehr gefordert. „Es geht darum, den Fisch nicht nur zu fangen, sondern ihn auch aufwendig zu veredeln. So kommt er daraufhin direkt zum Kunden, der sich immer öfter diesen Service wünscht.“ Ready to cook, ready to eat, so lautet die neue Devise. Auch die Köche, denen Bösch seine Spezialitäten liefert, schätzen diesen Zusatzaufwand. Er arbeitet mit ihnen Hand in Hand und schließt oft langfris­tige Partnerschaften ab. „Meine Abnehmer wissen, dass es auch einmal keinen Fang gibt, weil Schonzeit ist. Auf der anderen Seite müssen sie spontan sein, wenn ich mal mit einem guten Fang heimkomme.“

<span class="copyright">Klaus Hartinger</span>
Klaus Hartinger

Nur Bodenseefisch

Bösch ist stolz darauf, dass seine fangfrische Ware ausschließlich aus dem Bodensee kommt und er nichts anderes zukauft. Nachhaltigkeit, Regionalität und das Leben gemeinsam mit der Natur sind für ihn wichtige Themen. Seit über zehn Jahren ist er auch Obmann des Vorarlberger Berufsfischervereins, der Interessenvertretung in der Landwirtschaftskammer. Der Verein ist auch für die Weiterbildung zuständig. „Ich habe dieses Amt angenommen, weil ich frischen, jungen Wind in die alten Denkmuster bringen wollte“, erklärt Bösch.
In Vorarlberg gibt es aber immer weniger Berufsfischer. Momentan sind es neun, Tendenz fallend. Viele Fischer finden keinen Nachfolger. „Das ist verständlich, da man in diesem Beruf nicht am Freitagmittag Feierabend machen kann. Außerdem ist die Honorierung dieser kleinstrukturierten Landwirtschaft leider nicht immer so gegeben.“ Gab es früher zu viele Fischer rund um den Bodensee, wird die staatliche Begrenzung der Fischereibetriebe derzeit nicht ausgeschöpft.

Durch seine Obmannschaft kommt er immer wieder mit Menschen verschiedenster Institutionen ins Gespräch. Am 2. April traf er sich zum Beispiel mit Interessierten des Slow Food Vereins bei einer Exkursion zum Thema Süßwasserfische.
„Diese Gespräche sind für mich sehr wichtig, da ich dort erfahre, welche Vorurteile es bei der Zubereitung von Randfischarten gibt. Mich interessiert, wo die Probleme sind und welche Lösungen es seitens der Berufsfischer gibt.“ Diese Begegnungen seien für beide Seiten sehr wertvoll, bekräftigt Bösch. Das vieldiskutierte Thema um die Nährstoffsituation des Bodensees beantwortet Albert Bösch so: „Für mich werden nicht alle Dinge richtig bewertet, wenn man behauptet, der Bodensee sei genauso wie im Jahr 1900. Es gibt mittlerweile eine große Uferverbauung, der Rhein wurde begradigt und bringt die Nährstoffe von den Feldern anders in den Bodensee wie früher. Außerdem hat sich in den letzten Jahren die Quagga-Muschel angesiedelt, die eine große Nährstoff-Konkurrentin für die Fische darstellt. Durch Diversifizierung und Veredelung versuchen wir uns den geänderten Bedingungen anzupassen. Bewirtschaftet wird, was im Bodensee an schwimmenden Wirbeltieren lebt.“
Seit zwei Jahren gibt es zusätzlich den Verein Bodenseefisch e.V., in dem sich Fischer, Verarbeiter und Gastronomen gemeinsam engagieren. Durch eine bessere Vermarktung, Werbung und Klarheit, versuchen sie so, auf Randfischarten aufmerksam zu machen und diese vermehrt in den Mittelpunkt zu rücken.

Zweiter Brotberuf

Albert Bösch lebt derzeit aber noch nicht vom Fischen. In seinem Erstberuf ist er studierter Systemtechniker und meist im Büro anzutreffen. In der HTL hat er Maschinenbautechniker gelernt.
Das Fischerpatent hält nach wie vor seine Mutter. Die Facharbeiterausbildung in der Fischerei hat er gemeinsam mit ihr und seinem Bruder absolviert. Die Fischerei ist also wirklich ein Familienbetrieb, bei dem auch seine Lebensgefährtin Ulli und sein Sohn David mithelfen. „Vielleicht wird sie David dann in der fünften Generation weiterführen.“

Der Karfreitag ist ein klassischer Fischtag. „Ich scherze immer gerne mit meinen Kunden und sage: Kommt an allen anderen Tagen, nicht nur am Karfreitag oder am Aschermittwoch! Aus Erfahrung sind an diesen Tagen die Bedingungen fürs Fischen meist schlecht und der Fang rar. Wir haben unterm Jahr auch sehr gute Fische im Angebot.“
Vielleicht finden Fischliebhaber dann einen neuen Fisch, den sie bisher nicht kannten. Denn jeder Fang ist anders.

Du hast einen Tipp für die NEUE Redaktion? Schicke uns jetzt Hinweise und Bilder an redaktion@neue.at.