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„Inklusion ist ein Mehrwert für alle“

09.04.2022 • 19:33 Uhr / 9 Minuten Lesezeit
Nicole Klocker-Manser, Obfrau von Integration Vorarlberg, bei der Ausstellung.<span class="copyright">Klaus Hartinger</span>
Nicole Klocker-Manser, Obfrau von Integration Vorarlberg, bei der Ausstellung.Klaus Hartinger

Ziel von Integration Vorarlberg: Menschen mit Beeinträchtigung sichtbar machen und ins Leben integrieren.

Eine kleine, feine und informative Sonderausstellung ist zurzeit im Frauenmuseum Hittisau zu sehen: „Blickwechsel“ von Integration Vorarlberg. In Videos erzählen Väter und vor allem Mütter über inklusive Lebenswege ihrer Kinder mit Behinderung. Die Themen spannen sich von der Diagnose über den Alltag bis hin zu Visionen und Wünschen für mehr Inklusion (mehr Infos über die Ausstellung im Artikel unten). Die Frauen aus den Videos sind entweder Pionierinnen des Vereins Integration Vorarlberg oder Mütter jüngerer Kinder, die nun im Vereinsvorstand tätig sind.
Die Ausstellung entstand zum 30-jährigen Jubiläum von Integration Vorarlberg im Vorjahr. Damals wurde sie im Wirkraum Dornbirn gezeigt. Ursprünglich sollten die Interviews als interne Dokumentation erstellt werden, doch als sie fertig waren, war dem Vorstand klar: „Diese Botschaften müssen unbedingt hinaus, wenn wir wollen, dass Inklusion gelebte Normalität wird“, sagt Nicole Klocker-Manser, Obfrau von Integration Vorarlberg. Das ist nämlich das große Ziel des Vereins: gelebte Inklusion.

Auszüge aus der UN-Behindertenrechtskonvention. <span class="copyright">Hartinger</span>
Auszüge aus der UN-Behindertenrechtskonvention. Hartinger

Mit Kindern gewachsen

Die Aufgaben des Vereines sind mit den Mitgliedsfamilien gewachsen: Zuerst wurde für ein Angebot im Kindergarten gekämpft, dann für die Volks- und schließlich für die Mittelschule. Danach habe es für die Kinder jedoch wieder nur einen Weg gegeben: die Werkstätte. „So hat sich dann der Spagat Arbeitsplatz entwickelt“, erzählt Nicole Klocker-Manser. Dieser begleitet Menschen mit hohem Unterstützungsbedarf auf dem Weg der beruflichen Integration.
Jetzt ist ein wichtiges Thema das Wohnen. „Wir sind mit dem Land und dem Gemeindeverband in Gesprächen, damit wir beim gemeinnützigen Wohnraum einen Fuß in die Tür bekommen für WGs oder betreutes Wohnen“, informiert Nicole Klocker-Manser. Das weitere wichtige Thema ist die Freizeit: „Wir möchten, dass unsere Kinder mit einer Assistenz bei einem Verein dabei sein können oder altersgerecht auch mal eine Veranstaltung besuchen oder einen Ausflug machen können ohne uns Eltern.“

Das Kind ist uns vom Leben gegeben worden, und wir haben diese Aufgabe angenommen.

Nicole Klocker-Manser,
Obfrau Integration Vorarlberg

Auch wenn sich in den vergangenen 30 Jahren einiges bei der Integration getan hat, so fehle es immer noch an Begegnungen und Berührungspunkten mit Menschen mit Beeinträchtigung. Vielfach haben nicht-beeinträchtigte Menschen nie Kontakt mit ihnen – auch deshalb, weil sie im öffentlichen Leben selten zu sehen sind. Dabei wären diese Berührungspunkte so wichtig, denn ohne sie werden Menschen mit Beeinträchtigung oft vergessen und nicht mitgedacht, so Klocker-Manser. Ein Zweck der Ausstellung sei deshalb, Anknüpfungspunkte zu schaffen.

Mehr Verständnis

Gleichzeitig solle die Ausstellung das Verständnis für die betroffenen Eltern fördern: „Wir haben den Ruf, dass wir schwierig sind und so viel wollen. Ich glaube, wenn man diese Videos sieht, kann man mehr Verständnis für unsere Situation und unsere Wünsche entwickeln“, sagt die Mutter einer Tochter mit Beeinträchtigung. „Wir wurden nicht gefragt, ob wir ein Kind mit Beeinträchtigung möchten. Das Kind ist uns vom Leben gegeben worden, und wir haben die Aufgabe angenommen. Wir betreuen, organisieren, pflegen, kämpfen und unterstützen andere. Obwohl man selbst vielleicht müde ist.“ Aber, es gebe so wichtige Institutionen wie Integration Vorarlberg, die begleiten, stützen und ermutigen. Zudem: Wie in den Videos ebenfalls zu sehen ist, gibt es in den Familien auch Leichtigkeit. „Es ist nicht immer alles schwer.“

Thema für alle

Abschließend kommt Klocker-Manser auf die gesamtgesellschaftliche Verantwortung bei der Inklusion zu sprechen. Ihr Wunsch ist, dass Familien nicht immer wieder aufs Neue für bestimmte Dinge kämpfen müssen, zum Beispiel das zusätzliche Kindergarten-Jahr in manchen Gemeinden. Auch wünscht sie sich, dass Menschen mit Behinderung bei den alltäglichsten Themen wie Bildung, Wohnen, Arbeit und Freizeit mitgedacht werden. Klocker-Manser ist überzeugt, dass Inklusion Mehrwert für alle bringt: Wer mit Menschen mit Beeinträchtigung zu tun habe, könne von ihnen lernen, im Hier und Jetzt zu leben und zu entschleunigen. Deshalb entlaste eine inklusive Gesellschaft auch die nicht-behinderten Menschen in einer Welt, in der viele unter dem Druck, immer funktionieren zu müssen, (fast) zerbrechen würden.

Gelingen und Scheitern, Freuden und Sorge

Videoboxen, das Herzstück der Ausstellung.<span class="copyright">hartinger</span>
Videoboxen, das Herzstück der Ausstellung.hartinger

Der Schwerpunkt der Ausstellung sind 5 Video­boxen mit 10- bis 20-minütigen ­Videos zu den Themen Diagnose, Familienalltag, Blickwechsel, Integration/Inklusion und Visionen und Wünsche. Sieben Mütter und zwei Elternpaare berichten.
Die Mütter und die Väter erzählen vom Gelingen und Scheitern, von Freuden und Sorgen, von Stützen und Stolpersteinen, vom „ganz normalen Wahnsinn des Alltags von Familien mit Kindern mit Beeinträchtigungen“, wie es auf dem Flyer zur Ausstellung heißt. Bei manchen Sätzen kullert eine Träne oder bricht eine Stimme, bei anderen wird gelacht. Stets aber erzählen die Eltern authentisch, sehr offen und mit großer Liebe zu ihrem Kind. Dass diese Frauen Kämpferinnen sind, ist ebenfalls zu spüren.

Inklusion zugesagt

Der zweite Teil der Ausstellung besteht aus Fahnen, die am Eingang zum Frauenmuseum hängen. In einfacher Sprache sind darauf Auszüge aus der UN-Behindertenrechtskonvention abgedruckt, wie zum Beispiel „Jeder Mensch darf arbeiten“, „Alle Menschen sind gleich viel wert“ oder „Inklusion ist ein Menschenrecht und kein besonderes Bedürfnis“. Österreich hat 2008 die UN-Behindertenrechtskonvention ratifiziert und damit zugesagt, Inklusion von Menschen mit Behinderung in allen gesellschaftlichen Bereichen zu ermöglichen.
Luka Jana Berchtold hat die Ausstellung kuratiert, die operative Umsetzung lag bei Judith Bechtold, die Videos stammen von Hanno Mackowitz.

Die Ausstellung „Blickwechsel“ ist bis 1. Mai im Frauenmuseum Hittisau zu sehen. Öffnungszeiten: Dienstag bis Donnerstag, 10 bis 17 Uhr.

Auszug aus Videobox „Diagnose“

Erste Mutter: „Ich habe viel ge­weint. Aber mein Mann sagte, das ist trotzdem unser Paul. Im Nachhinein weiß ich, ich habe viel um das getrauert, was nicht sein wird. (…)“ Zweite Mutter: „Mein Mann sagte ‚Wir als Familie packen das‘, und ich habe mich verkopft, was ist, wenn sie nicht schreiben und lesen und die Kulturtechniken lernen kann.“ Dritte Mutter: „(…) Ich habe gefühlt zwei Wochen lang geweint. Ich habe in meinem Studium eine Lehrveranstaltung besucht über Eltern, die eine Diagnose bekommen. Ich dachte: Reiß dich zusammen, du weißt ja, was passiert. (…)“ Vierte Mutter: „Und der hat uns das Gesicht gezeigt und gesagt: ‚Leben wird sie‘. Dr. Neunteufel (Gynäkologe, Anm.) sagte, man könnte es auch so sagen: Ich begleite dieses Kind, so lange zu leben ihm bestimmt ist.“

Raus aus der Blase

Dass die Ausstellung „Blickwechsel“ im Frauenmuseum gezeigt wird, ist für den Verein Integration Vorarlberg sehr wichtig. „Dadurch kommen wir aus der Blase heraus“, sagt Obfrau Nicole Klocker-Manser. Sonst erreicht der Verein mit seinen Projekten meist Menschen, die schon mit der Thematik zu tun haben. Stefania Pitscheider Soraperra, Direktorin des Frauenmuseums, betont, dass die Ausstellung sehr gut zum Frauenmuseum passt: „Wir verstehen uns als gesellschaftlich agierende Kulturinstitution. Es geht uns darum, Zusammenhänge sichtbar zu machen, in dem Projekt von Integration Vorarlberg sind viele Frauen involviert.“ Zudem sei dem Frauenmuseum das Thema Integration sehr wichtig.

Stefania Pitscheider Soraperra, Direktorin des Frauenmuseums. Hinter Fahnen der Ausstellung. <span class="copyright">Hartinger</span>
Stefania Pitscheider Soraperra, Direktorin des Frauenmuseums. Hinter Fahnen der Ausstellung. Hartinger

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