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„Putin hat uns alles genommen“

09.04.2022 • 20:24 Uhr / 8 Minuten Lesezeit
<span class="copyright">klaus hartinger</span>
klaus hartinger

Die Geschichte einer Flucht.

Einen Tag bevor der Krieg über die Ukraine hereinbricht, feiert Julia Bragin ihren 33. Geburtstag. Sie hat ihre Verwandten und Freunde eingeladen. Die Stimmung ist angespannt, denn der Sicherheitsrat hat soeben den militärischen Ausnahmezustand angekündigt. Jedoch ahnt noch niemand, dass in wenigen Stunden nichts mehr so sein wird, wie es einmal war. Schon in den frühen Morgenstunden des 24. Februar heulen die Sirenen. Erste russische Raketen schlagen in mehreren Landesteilen ein, später folgen Bomben und Panzerschüsse.
Die Familie sucht letztlich Schutz im Keller und verbringt dort mehr als zwei Wochen – in Todesangst. Die Flucht aus der Kriegshölle gelingt nur mit viel Glück. Nach einer 2500 Kilometer langen Autofahrt kommen die Kriegsvertriebenen in Vorarlberg nun erstmals etwas zur Ruhe. Die NEUE am Sonntag hat die Familie im Erstaufnahmezentrum in Nenzing besucht und ihre leidvolle Geschichte aufgeschrieben. Eine Geschichte, die stellvertretend für das Schicksal von Millionen Ukrainern steht.

Vier Generationen

Die Familie Bragin, die aus vier Generationen besteht, kommt aus der schwer umkämpften Hafenstadt Mariupol im Südosten des Landes. So wie der überwiegende Teil der Bewohner sind auch die Bragins russischsprachig. Die beiden Schwestern Julia und Olena (35) lebten mit ihren Männern und den Kindern Eva (9) Milana (7) und Mark (5) in zwei benachbarten Wohnblocks in der Stadt, die Eltern Vadim (61) und Larisa (60) sowie die 84-jährige „Oma“ Vera etwas außerhalb. Bis zum Überfall Russlands führten die Bragins einen kleinen Familienbetrieb und handelten mit Baumaterialien. „Es ging uns gut“, sagt Vater Vadim und kämpft mit den Tränen. „Aber jetzt hat uns Putin alles genommen. Es fühlt sich an, als ob das Leben zu Ende gegangen wäre.“ Die ganze Familie steht noch sichtlich unter dem Eindruck der entsetzlichen Ereignisse. Während die Erwachsenen teilweise wild durcheinanderreden und immer wieder zu weinen beginnen, sitzen die Kinder sehr still auf dem Schoß der Mütter oder lenken sich beim Spielen vom Schrecken der vergangenen Wochen ab. Auch die Dolmetscherin Nataliya Neyer aus Nenzing ringt um Fassung. Die gebürtige Ukrainerin und Mutter von vier Kindern engagiert sich ehrenamtlich im Ankunftszentrum, das vom Asyl-Dienstleister ORS betrieben wird. Sie könne nicht einfach zuschauen und nichts tun, sagt die 44-Jährige, die seit 2002 in Vorarlberg lebt.

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In Schutt und Asche

Die Heimatstadt der Familie, das einst florierende, international geprägte Mariupol am Asowschen Meer, liegt mittlerweile in Schutt und Asche. Auch die Häuser, in denen die Bragins lebten, gibt es nicht mehr. Auf den Handyfotos sind nur noch verrußte Betongerippe zu sehen. „Das waren Phosphorbomben“, sagt Julia. Sie erzählt von Nachbarn, älteren Menschen, die nicht wegkonnten und wahrscheinlich in ihren Wohnungen verbrannten.
Natürlich hat die Familie auch mitbekommen, dass sich die russischen Truppen und prorussischen Separatisten mittlerweile ganz auf die Eroberung ihrer Heimatstadt konzentrieren. Mariupol, das vor dem Krieg rund 440.000 Einwohner zählte, ist von strategischer und auch symbolischer Bedeutung. Die Stadt liegt zwischen den zwei von Separatisten kontrollierten Gebieten im Donbass und der 2014 von Russland annektieren Halbinsel Krim. Ihre Einnahme würde den Russen einen Landkorridor und die Kontrolle des Asowschen Meeres ermöglichen. 2014 und 2015 scheiterten Versuche, die Stadt zu erobern. Seither wurde der Druck auf Mariupol systematisch erhöht. „Putin nimmt jetzt Rache“, meint Vadim Bragin. Der Familienvater durfte das Land verlassen, weil er älter als 60 Jahre ist. Sein Sohn und die Schwiegersöhne mussten bleiben, um für die Ukraine zu kämpfen.
Die geflüchtete Stadtverwaltung von Mariupol geht aktuell davon aus, dass bereits Zehntausende Zivilisten getötet worden sind. Zudem wirft die Ukraine den Angreifern vor, Tausende Bewohner nach Sibirien verschleppt zu haben, auch von Leichenverbrennungen zur Vertuschung von Kriegsverbrechen ist die Rede. Rund 100.000 Bewohner sollen unbestätigten Angaben zufolge derzeit noch in der Stadt ausharren. Ohne Strom, Heizung und Wasser. Mehrere Versuche, die verbliebenen Einwohner zu evakuieren, scheiterten.
Auch die Bragins hofften vergeblich darauf, gerettet zu werden. Mehr als zwei Wochen verbrachten sie im Keller und fürchteten um ihr Leben. Olena erinnert sich, wie eines ihrer Kinder zu ihr sagte, dass es schnell einschlafen wolle und sich einfach denke, es sei Silvester. Unter Tränen zitiert sie die Worte einer Mutter, die ebenfalls im Keller Schutz suchte und von ihrem Kind gefragt wurde, was denn passiere, wenn sie von einer Bombe getroffen würden. „Keine Angst, das geht sehr schnell und tut nicht weh.“

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Apokalyptisch

Olenas jüngere Schwester Julia war die erste, die nach einer Woche zum ersten Mal wieder aus dem dunklen Keller ins Freie trat. Der jungen Frau bot sich ein apokalyptisches Bild. „Ich konnte nicht glauben, was ich da sah, alle Häuser waren zerstört, verbrannte Leichen lagen zwischen Autowracks auf der Straße.“
Die Familie rechnete damit, dass irgendwann auch eine Bombe auf ihr Haus fällt. „Die Kellerwände bebten von Tag zu Tag stärker“, erzählt Vadim Bragin. Weil sie nichts mehr zu verlieren hatte, entschloss sich die Familie, die Flucht zu wagen. „Unser großes Glück war, dass die Autos noch intakt waren“, sagt der Familienvater. Spontan schlossen sich die Bragins einem Konvoi an. Alles musste sehr schnell gehen. Es blieben nur zehn Minuten, um das Wichtigste zusammenzupacken. Die Fahrt aus der Stadt war gefährlich und nervenaufreibend. „Es wurde überall geschossen, wir mussten mehrmals umkehren“, erzählt Julia. Auch Julias Mutter Larisa erinnert sich an die bangen Minuten. „Immer wieder mussten wir Leichen ausweichen, die auf der Straße lagen. Es war einfach schrecklich.“
Gemeinsam mit anderen Flüchtenden schlug sich die Familie bis ins 230 Kilometer entfernte Saporischschja durch. Auf dem Weg dorthin gerieten sie immer wieder in russische Kontrollen. Einige Familien aus dem Konvoi durften nicht weiterfahren. Was mit ihnen geschehen ist, weiß niemand. Ende März erreichten die Bragins schließlich die Grenze zur Slowakei. Von dort aus steuerte die achtköpfige Familie zunächst München an. Die deutsche Stadt sei in der Ukraine sehr populär, wegen des Fußballklubs, erklärt Dolmetscherin Nataliya Neyer. Doch München war den Bragins einfach zu groß. „Wir hatten Angst dort, wir wollten irgendwo hin, wo es ruhig ist“, erzählt Julia. So kam die Familie schließlich nach insgesamt 17 Tagen Flucht am 1. April in Nenzing an. „Wir sind sehr dankbar, dass wir hier so gut aufgenommen wurden“, sagt Larisa Bragin. Mittlerweile hat die Familie das Aufnahmezentrum verlassen. Sie wohnen nun in Bregenz, betreut von der Caritas.

Sehnsucht nach dem Garten

Wann und ob sie jemals wieder in ihre Heimat zurückkehren können, wissen die Bragins nicht. Die 84-jährige Vera, von den anderen liebevoll „Babuschka“ (russisch für Oma) genannt, leidet ganz besonders unter der Entwurzelung. Ihr ganzes Leben hat sie im Donbass verbracht. Sie sehnt sich nach ihrem kleinen Häuschen mit dem Garten, wo sie fleißig Gemüse anbaut. Heuer aber habe sie nur den Knoblauch ansäen können, klagt sie und wischt sich die Tränen aus dem Gesicht.

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