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„Schmerzen habe ich den ganzen Tag“

09.04.2022 • 23:54 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Ante Esegovic schaut ohne Wehmut zurück auf seine Karriere. <span class="copyright">Hartinger</span>
Ante Esegovic schaut ohne Wehmut zurück auf seine Karriere. Hartinger

Ante Esegovic wird seine Handballkarriere im Sommer mit 26 Jahren beenden. Der Bregenzer spricht über seine Verletzungen, das Nationalteam und darüber, welchem Mitspieler er viel zu verdanken hat.

Die Entscheidung, Ihre Karriere nach dieser Saison zu beenden, wurde in den vergangenen Tagen publik. War dieser Schritt unausweichlich?
Ante Esegovic:
Im Oktober 2020 habe ich mir das Kreuzband im rechten Knie gerissen, die Reha im Anschluss war im Vergleich mit den drei zuvor gefühlt die beste. Denn auch das linke, schon drei Mal operierte Knie hat sich damals gut angefühlt. Ich war körperlich so stark wie vielleicht noch nie. In die neue Saison bin ich gut gestartet, aber irgendwann haben die Schmerzen im linken Knie begonnen. Zwischenzeitlich bin ich dann verletzt ausgefallen, weil ich mir den Meniskus eingeklemmt hatte. Gefühlsmäßig habe ich immer gewusst, was mein Problem ist, weil ich schon einmal einen Knorpelschaden hatte. Ich wollte es aber zunächst nicht wahrhaben und es mir auch nicht ärztlich bestätigen lassen. Bis ich dann Gewissheit brauchte und bekam. Am Anfang der Saison hatte ich mich schon einmal mit dem Karriereende auseinandergesetzt, aber als die neuen Probleme dazukamen, stand die Entscheidung endgültig fest.

Wie lautet die Diagnose?
Esegovic:
Knorpelschaden im linken Knie, schon wieder.

Esegovic hat in den vergangenen sechs Spielen über 60 Tore erzielt. <span class="copyright">Sams</span>
Esegovic hat in den vergangenen sechs Spielen über 60 Tore erzielt. Sams

Könnte man diesen ein weiteres Mal beheben?
Esegovic:
Ich bekomme im Herbst eine Knorpeltransplantation. Theoretisch könnte ich danach wieder spielen, aber das werden die Operationen vier und fünf im linken Knie sein, und irgendwann ist es genug.

Stand das Karriereende nach den vorangegangenen Verletzungen schon einmal im Raum?
Esegovic:
Nach der ersten Verletzung überhaupt nicht. Sie kam zwar zum völlig falschen Zeitpunkt, weil ich damals extrem fit und sportlich am Durchstarten war. Die anderen Operationen waren unangenehm, aber es gab damals keinen riesigen Schaden. Natürlich macht die Reha keinen Spaß, und mental ist es fordernd, aber nach den Comebacks hat es meist gut funktioniert. Deshalb war ein Karriereende nie ein Thema.

Inzwischen absolvieren Sie die Polizeischule. Dieses zweite Standbein hatten Sie damals noch nicht.
Esegovic:
Ja, damals gab es für mich nur Handball, Handball, Handball.

Sie haben zuvor Ihre Schmerzen angesprochen. Wie sehr spüren Sie diese aktuell?
Esegovic:
Schmerzen habe ich immer, den ganzen Tag lang. Egal ob beim Stiegensteigen oder bei anderen Bewegungen. Die Alltagsschmerzen sind erträglich, aber nach großen Belastungen wie hartem Training oder intensiven Spielen schwillt das Knie an, das tut schon weh. Aber das ist Teil des Sportlerlebens.

Wo sehen Sie sich in fünf Jahren?
Esegovic:
Im regulären Polizeidienst, dort will ich meinen Weg machen.

Werden Sie dem Handballsport verbunden bleiben?
Esegovic:
Handball wird immer ein Teil von mir sein. Im September wird man mich sicher in der Halle sehen. Was genau ich in Zukunft noch mit dem Thema Handball zu tun haben werde, weiß ich jetzt noch nicht. Im Sommer werde ich erst mal den Handball in die Ecke legen, ab Herbst fiebere ich dann auf der Tribüne mit. Die Teamkollegen bleiben ja meine Freunde.

In der aktuellen Saison steht Bregenz Handball so gut da wie viele Jahre nicht mehr. Hat das Ihre Entscheidung erschwert?
Esegovic:
Es hatte keinen Einfluss. Natürlich ist es schön, dass es so gut läuft, wir sind in beiden Bewerben noch vertreten und haben intakte Chancen.

Sie haben elf Spiele im Nationalteam absolviert, zuletzt spielte das ÖHB-Team in Bregenz gegen Estland, Linkshänder wären dringend gesucht. Am Donnerstag geht es gegen Island. Hat Teamchef Ales Pajovic nicht angefragt, ob Sie für ein Spiel aushelfen können?
Esegovic:
Nein.

Ante Esegovic spielt seit 2012 für das Bregenzer HLA-Team. <span class="copyright">Finkel</span>
Ante Esegovic spielt seit 2012 für das Bregenzer HLA-Team. Finkel

Hätten Sie ausgeholfen?
Esegovic:
Wenn man mich gefragt hätte, schon. Aber wenn nichts kommt, kann ich auch nichts machen. Ich habe in den vergangenen sechs Spielen über 60 Tore geworfen, wenn das aus Sicht des Teamchefs nicht reicht, dann ist es so. Im Herbst habe ich einen Lehrgang ohne Länderspiele abgesagt, weil ich Schule hatte. Seitdem habe ich nichts mehr gehört.

Könnten Sie sich ein Abschiedsspiel im Nationalteam vorstellen?
Esegovic:
Es wird sich keines mehr ausgehen. Gegen Island bin ich nicht dabei, und dann findet bis zum Saisonende keines mehr statt. Damit kann ich aber gut leben und habe kein Ego-Problem.


Ihr HLA-Debüt liegt knapp zehn Jahre zurück, 2016 waren Sie Newcomer des Jahres. Was wäre ohne Verletzungen möglich gewesen?
Esegovic:
Wenn ich mich nie verletzt hätte, wäre ich wahrscheinlich nicht mehr in Bregenz. Aber wie weit es gegangen wäre, weiß ich nicht.

Was war das beste Spiel Ihrer Karriere?
Esegovic:
Zu Hause gegen Porto (2016 im Europacup; Anm.). Da habe ich 13 Tore erzielt.

Wer war Ihr stärkster Mitspieler in den vergangenen zehn Jahren?
Esegovic:
Der bekannteste war sicher Espen (Lie Hansen; Anm.). Bester ist schwierig zu beurteilen. Der angenehmste ist Frühke (Lukas Frühstück), mit dem habe ich immer zusammen gespielt. Vorne dabei ist auch Bojan Beljanski, weil ich von ihm gelernt habe, wie man verteidigt. Ihm habe ich viel zu verdanken.

Wer war Ihr bester oder unangenehmster Gegenspieler?
Esegovic:
Schwierig (überlegt). In Österreich war der unangenehmste immer Vytas Ziura. International haben wir unter anderem gegen Skjern mit Henrik Mollgaard gespielt. Da waren schon einige große Namen dabei.

Was war die beste Stimmung, die Sie erlebt haben?
Esegovic:
Das Länderspiel in Dänemark, das war mit Abstand die beste Atmosphäre.

Sprechen wir zum Abschluss noch über die aktuelle Saison. Was zeichnet die aktuelle Bregenzer Mannschaft aus?
Esegovic:
Wir haben mit Mika (Mikhail Vinogradov; Anm.) eine riesige Verstärkung dazubekommen. Wir treffen dadurch aus der zweiten Reihe viel leichter. Dazu spielt Ralf (Häusle; Anm.) eine Mega-Saison, als Mannschaft sind wir enger zusammengerückt, das merkt man am Spielfeld.

Was ist möglich?
Esegovic:
Alles. Wir haben gezeigt, dass wir jeden schlagen können.

Ein Titel mit Bregenz fehlt Ihnen noch. Wie wichtig wäre dies?
Esegovic:
Sehr, dafür brenne ich und werde in den kommenden zwei Monaten alles geben.

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