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„Der Karfreitag hat eine wichtige Bedeutung“

14.04.2022 • 18:38 Uhr / 8 Minuten Lesezeit
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KLAUS HARTINGER

Interview. Die Pfarrerin von Bludenz, Christiane Assel, spricht über den stillen Tag.

Der Karfreitag hat für die Protestanten eine besondere Bedeutung. Warum ist das so?
Christiane Assel:
Der Karfreitag hat eine wichtige Bedeutung für uns, weil er an den ungerechten Kreuzestod Jesu erinnert. Das mahnt auch uns in der Gegenwart. Wie viele Menschen werden unschuldig in Kriegen hingeschlachtet? Der Karfreitag zeigt uns, dass Gott Mensch geworden und empathisch ist mit Menschen, die Ungerechtigkeit erleiden. Er hat es am eigenen Leib erfahren. Ein weiterer Aspekt ist, dass mit dem Tod nicht alles endet. Der Karfreitag führt hin zu Ostern. Jesus ist durch den Tod ins Leben gegangen und nimmt uns auf diesem Weg mit, wenn wir sterben. Bei Joannes 14 heißt es: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.“ Jesus hat sich selbst als guter Hirte bezeichnet, wir folgen diesem.

Welche Rolle spielt Ostern in den evangelischen Kirchen?
Assel:
Ostern spielt eine wesentliche Rolle, denn ohne Ostern gäbe es keine christlichen Kirchen. Wenn die Jünger nicht irgendetwas erlebt hätten – manche sprechen von Ostererscheinungen –, gäbe es kein Christentum. Ich treffe immer wieder Menschen, die mir erzählen, dass sich ein verstorbener Angehöriger nochmal von ihnen verabschiedet hat. Wer bin ich, dass ich ihnen sage: Das stimmt nicht? Und auch Jesus hat sich von seinen Jüngern verabschiedet. Das ist der Weg ins Leben: ­Hinabgestiegen in das Reich des Todes, am dritten Tage auferstanden von den Toten. Der Karfreitag und Ostern gehören immer zusammen. Jesus ist den Weg der Liebe bis ans Kreuz gegangen. Für uns Christinnen und Christen ist er Messias und Erlöser.


Die Diskussion um den Tag ist ja in Österreich besonders präsent.
Assel:
Das hat den Grund, dass er hier kein gesetzlicher Feiertag ist und dass man den Minderheitenkirchen diesen genommen und ihn in einen sogenannten persönlichen Feiertag umgewandelt hat. In Deutschland ist der Karfreitag ein „stiller Tag“, das heißt Geschäfte und Diskotheken sind geschlossen. Es gibt natürlich auch Leute, die dagegen sind. Aber ich würde behauten, dass die Mehrheit das akzeptiert. Es gibt auch ein Gespür dafür, dass man so einen Tag braucht, an dem man auch der Menschen gedenkt, die heutzutage unter Krieg und Verfolgung leiden.

Wie lange sind Sie schon Pfarrerin?
Assel:
Ich bin seit dem 1. September 1997 im Dienst, da hatte ich in Lindau meinen Antritt als Vikarin. Ordiniert wurde ich dann im Jahr 2000. In Bludenz bin ich seit dem 1. März 2021.

Ist es eigentlich einfach, als Pfarrerin von Deutschland nach Österreich zu wechseln?
Assel:
Nicht wirklich. Es sind zwei komplett unterschiedliche Systeme. Ich bin bayerische Kirchenbeamtin und habe mich hier in der Gemeinde beworben. Als ich dann die Zusage hatte und auch die Bestätigung aus Wien da war, habe ich in München um Beurlaubung angesucht.

<span class="copyright">Klaus Hartinger</span>
Klaus Hartinger

Sie kommen aus Franken, einer protestantischen Mehrheitsgesellschaft: Wie groß ist der Kulturschock, wenn man ins katholische Vorarlberg zieht?
Assel:
Es ist sehr spannend. Ich höre immer wieder, dass Menschen, die hier evangelisch sind, Verletzungen mit sich tragen, dass sie beispielsweise schon in der Schule Außenseiter waren und was sie sich von Katholiken alles anhören mussten. Das kenne ich alles gar nicht. Für mich ist der Umgang mit römisch-katholischen Kollegen etwas Selbstverständliches. In der evangelischen Kirche gibt es viele Pfarrerinnen, das ist bei uns nichts Außergewöhnliches. Was ich aber merke, ist, dass es in Vorarlberg etwas Außergewöhnliches ist. Ich bin hier ein bisschen eine Exotin. Kürzlich hatte ich einen Trauergottesdienst in einer katholischen Kirche, da wurde mir dann auch ein Ministrant zugeteilt. Das fand ich echt nett, aber ich bräuchte den ja gar nicht. Bei uns gibt es keine Ministranten. Aber ich hab mir etwas überlegt, um ihn einzubinden. Er hat dann die Liedblätter verteilt und das Kreuz getragen.

Wie funktioniert die Kooperation mit der katholischen Kirche?
Assel:
Die funktioniert hier gut, vor allem in Bludenz, aber auch in Lech. Ich bin dort am Karfreitag auch zu Gast. Dort haben wir um 17 Uhr einen Abendmahlsgottesdienst. Und auch mit den Altkatholiken hatten wir letzten Sonntag einen Gottesdienst mit dem emeritierten Bischof Johannes Okoro. Das war sehr schön. Aus seiner Sicht hat dabei auch eine Wandlung stattgefunden, die gibt es bei uns ja nicht. Ich habe die Liturgie gesungen, er hat einen Segen gesprochen, und ich habe das Abendmahl eingesetzt, das war aus altkatholischer Sicht voll gültig.

Gibt es auch unversöhnliche Haltungen in der Gesellschaft?
Assel:
In der älteren Generation manchmal. Da tut es mir leid, wie streng die Leute manchmal erzogen wurden und was manche als Sünde betrachten. Einige haben sich davon freigemacht, andere aber nicht.

Kämpft die evangelische Kirche auch mit Mitgliederschwund?
Assel:
Es gibt bei uns Austritte, es sind aber nicht so viele, und wir haben auch Eintritte.

Ehemalige Katholiken?
Assel:
Ja, genau. Das hat meis­tens mit der katholischen Sexualmoral zu tun, aber auch mit Themen wie der unbefleckten Empfängnis Mariens. Es geht auch um den Missbrauch. Das kommt natürlich auch in der evangelischen Kirche vor, aber man hat das Gefühl, dass es auf der katholischen Seite beinahe einen Flächenbrand an Enthüllungen gibt. Das tut mit auch sehr leid. Und es ist wie gesagt nicht so, dass bei uns so etwas nicht vorkommt, da darf man auch nicht selbstgerecht sein.

In Österreich gibt es die eher ungewöhnliche Trennung der evangelischen Kirchen AB und HB, Lutheranern und Reformierten.
Assel:
Daran musste ich mich auch gewöhnen. Ich finde es aber auch schön, denn ich habe väterlicherseits lutherische und hugenottische Wurzeln. Meine Mutter ist freikirchlich aufgewachsen. Ich war auch Gastpredigerin bei den Reformierten in Erlangen.

Wo sind die größten Unterschiede zu Deutschland?
Assel:
Die Kirchenstruktur in Deutschland geht auf das landesherrliche Kirchenregiment zurück. Das heißt, der Landesfürst war, ähnlich wie die Queen, Oberhaupt der Kirche. In Österreich gab es hingegen früher Verfolgungen und Geheimprotestantismus. Es wurden Bibeln geschmuggelt. Das sind Dinge, die können wir uns in Deutschland gar nicht vorstellen. Wir sind so selbstverständlich evangelisch aufgewachsen, wir haben auch keine Märtyrergeschichte. Die Einheimischen haben da schon einiges mitgemacht. Ich kenne auch Pfarrgemeinden, wo heute noch zu den Protestanten gesagt wird: Ungläubige bekommen keine Eucharistie. Im Großen und Ganzen funktioniert die Zusammenarbeit aber gut, etwa bei Beerdigungen. Sehr viele Familien sind ja gemischt konfessionell, da kann dann auch Weihwasser am Grab stehen, was wir sonst nicht verwenden. Kürzlich hatten wir gemeinsam einen ökumenischen Friedensgottestdienst, damit habe ich bei den Katholiken offene Türen eingerannt.

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