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„Sie starben alle blond und wunderschön“

15.04.2022 • 18:44 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
<span class="copyright">ANJA KÖHLER</span>
ANJA KÖHLER

„To all tomorrow’s parties“ gibt Eindrücke in die Persönlichkeiten von Warhols Superstars in der Factory.

Der Vorhang ist noch geschlossen. Die Figur der Nico (Maria Lisa Huber) spricht mit anderen Nicos in tiefgreifenden Fragmenten über ihr Leben, ihre Persönlichkeit und ihr Wirken. Mehrere Nicos stehen im Zentrum. Nico als Model, Nico als Kunstprojekt, Nico in den Trümmern der Nachkriegszeit, Nico als gescheiterte Mutter, Nico als Star. Hinter dem Vorhang zeigt sich die Band in Umrissen und spielt Iggy Pop und The Velvet Underground.

Nicos Erinnerung

Bei der Premiere von „To all tomorrow’s parties“ am Donnerstagabend tauchten die Zuschauer ein in die Welt von Andy Warhol (Ines Schiller) und seinen erschaffenen Superstars. Gezeigt werden die vom Leben gebrochenen Personen Nico, Edie Sedgwick, Candy Darling und Valerie Solanas.
In ihrer Erinnerung verwandelt sich Nico in die anderen Figuren und zeigt Szenen aus der Vergangenheit der Superstars und dem Leben in Warhols Factory. Neben Warhol und Nico spalten sich auch die anderen Figuren in ihre verschiedenen Persönlichkeiten auf und werden jeweils von mehreren Darstellern gleichzeitig verkörpert.


Träume, Grenzerfahrungen und Abgründe ihres Factory-Daseins werden in Szene gesetzt und mit viel Musik und Emotionen dargestellt. Die Figuren sprechen in eine Kamera und ihre Gesichter werden auf eine Leinwand übertragen, wodurch ein größeres Naheverhältnis zum Zuschauer erreicht wird.
Warhol macht seine Kunstobjekte zu Superstars. Zusammen bewegen sie sich durch ein Leben, das von Drogen, Sex und Exzessen durchdrungen wird. Alle müssen sie sich in der von Männern geprägten Welt der Unterhaltungsindustrie durchsetzen, was nicht immer gelingt.

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ANJA KÖHLER


Die Dialoge schwanken zwischen banalem Gerede in Alltagssituationen und tiefgründigen Existenzfragen. Durch immer wiederkehrende Gefühlsausbrüche werden Identitätskrisen und die Ausbeutung der Branche auf die Bühne gebracht. Thematisiert werden auch die zu künstlerischen Werken gemachten Konsum­artikel von Andy Warhol.
Nach den ersten Szenen öffnet sich der Vorhang und das Bühnenbild mit imitierter Silberfolie wird beleuchtet. Das Sofa, ein großer rosafarbener Stoffsack, fällt von oben herab und wird von einigen Superstars besetzt, die sich eine von Warhols Raviolidosen teilen.
Die Figuren gehen von einer Person in die andere über und verwandeln sich von Nico zu Warhol. Vier von Schmerzen geplagte Warhols krümmen sich auf der Bühne und inszenieren die von Krankheit durchzogenen Phasen des Künstlers. Die Warhols werden weniger, am Ende der Szene bleibt nur einer übrig.

Filmindustrie

Die Figur der bekannten Transgender-Persönlichkeit Candy Darling (Sebastian Schulze) wird vom Filmbusiness verschlungen. Eine Candy Darling singt. Eine zweite Candy verwandelt sich in Edie Sedgwick, die den Zuschauern in der Luft eine Aerial-Silk-Performance bietet.
Edie lässt sich in das Leben der Factory hineinsaugen, wird von den verstörenden Ereignissen ihrer Vergangenheit in Form von zwei Galeristen eingeholt. Beeinflusst von Substanzen findet sie sich nur schwer zurecht.
Vivienne Causemann überzeugt in ihrer Rolle als Edie Sedgwick auch musikalisch mit gewaltiger Stimmkraft. Die Band spielt Songs von Bob Dylan, David Bowie und Brian Eno, während ein onanierender Hase und zwei Kunstwerke die Bühne übernehmen.


Die radikal-feministische Valerie Solanas (Katharina Uhland) schreit nach ihrem Manuskript und fordert die Abschaffung der Männerwelt.
Die Darsteller verschwinden im Boden, Valerie schießt, Warhol stirbt. Er versucht, das sich ausbreitende Blut abzuwischen. Edie und Nico tauchen auf und bemalen auch Warhols Gesicht mit Blut. Candy hält die Farbe.
Nach seiner Inszenierung von „Antoinette Capet“ bringt der Regisseur erneut starke Frauenpersönlichkeiten ins Vorarlberger Landestheater.
Die Nicos werden gespielt von Maria Lisa Huber, Vivienne Causemann, Ines Schiller, Sebastian Schulze und Katharina Uhland.
Neben den Superstars steht auch die Musik von The Velvet Underground und Nico im Zentrum. Die Band mit Marcel Girardelli (Bass), Martin Grabher (Schlagzeug & Synthesizers), Andreas Paragioudakis (Piano, Kretisch, Laute & Lyra, Hermonium, Melodica), Oliver Rath (Gitarren, Synthesizers) und Yenisey Rodriguez (Cello) liefert den Soundtrack mit hauptsächlich Songs von Nico und The Velvet Underground.

Infos und Spielplan: landestheater.org

Sieglinde Wöhrer

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