_Homepage

Von der Auferstehung mitten am Tag

16.04.2022 • 18:57 Uhr / 8 Minuten Lesezeit
<span class="copyright">Klaus hartinger</span>
Klaus hartinger

Ostern und die Karwoche aus psychologisch-theologischer Sicht.

Barbara Knittel, 81 Jahre alt, ist evangelische Theologin, Psychologin, Psychotherapeutin und Supervisorin. Das sehr bewegte Leben von Jesus beinhaltet für sie Lebensthemen, die auch ihr nicht fremd sind. Natürlich nicht in der Form, wie es die biblischen Geschichten erzählen, aber in Ansätzen. Alleine in den Szenen der Woche vom Palmsonntag bis Ostern sind viele Gefühle, Erfahrungen und Lebensthemen enthalten. „Menschen können dadurch tief in ihrer Existenz erreicht werden. Deshalb ist die Geschichte über die Jahrhunderte so lebendig geblieben“, ist die Theologin und Psychologin überzeugt.
Die Karwoche beginnt bekanntermaßen mit einem freudigen Ereignis, dem Einzug in Jerusalem. „Das Reiten Jesu auf einem Esel durch die Straßen von Jerusalem, das war kein Hoheitszeichen“, sagt Knittel, „dennoch waren die Menschen beeindruckt und sehr ergriffen“. Dass sie sich im Laufe des Prozesses gegen Jesus von ihm zurückgezogen haben, ist für die Psychologin sehr verständlich. „Ich sehe mich auf der Seite dieser Menschen. Vieles in meinem Leben hat mich schon sehr überzeugt, aber ob mich diese Überzeugungen dann in schwierigen Zeiten durchgetragen haben, das ist ein anderes Thema.“ Die Frage, wie weit jemand mit einem Menschen mitgehen kann und wo er zurückweicht, stellt sich in der Erzählung zum Beispiel für Petrus. In seiner Angst und mit dem Gefühl, den Boden unter den Füßen zu verlieren, hat er seine Zugehörigkeit zu Jesus verleugnet. Knittel versteht das und verurteilt ihn nicht.

„Es geht nicht darum, ob ich an Engel glaube, sondern darum, offen zu bleiben für überraschende Erfahrungen.“
Barbara Knittel, Psychotherapeutin und Theologin

Mitmenschlichkeit bewahren

Beim Leidens- und Kreuzweg denkt die Psychologin in diesen Tagen an den Krieg in der Ukraine. Die Geschichte Jesu zeige: Selbst in einer Zeit, in der durch den Krieg so viel auch im Menschen zerstört wird, könne die Mitmenschlichkeit bewahrt werden. „Jesus hat in all der Demütigung und Bedrängnis seine Zugewandtheit zu den Menschen und sein Mitgefühl nicht verloren.“
Als Jesus seinen Kreuz- und Leidensweg ging, war er dem Leiden ausgeliefert, er musste da durchgehen und konnte es von sich aus nicht einfach beenden. Dieses Ausgeliefert-Sein kennen Menschen von heute ebenfalls. „Zudem war der Leidensweg eine tiefe Erfahrung des Scheiterns. Was Jesus in die Welt bringen wollte, haben die meisten nicht gehört und verstanden. Das musste er aushalten und sich selbst und den anderen treu bleiben.“
Obwohl Jesus von seinen Freunden, die ihm nicht beistehen konnten, verlassen worden war, erlebte er eine Verbundenheit, sagt Knittel. „Sie kann sich beim Menschen in dem tiefen Vertrauen widerspiegeln, dass, egal, was passiert und obwohl ich gar keinen Sinn in etwas sehe, vielleicht doch eine Bedeutung darin liegt.“ Jesu Satz „Mein Gott, warum hast du mich verlassen“ ist für Knittel in diesem Zusammenhang zentral: „Er zeigt die Verlassenheit Jesu, aber gleichzeitig wendet er sich an Gott. Obwohl alles so aussichtslos erscheint und Jesus ohnmächtig ist, gibt es noch Vertrauen in ihm.“

Tod ins Leben integrieren

Ein weiterer wichtiger Aspekt, den die Passionsgeschichte für Knittel beinhaltet, ist: „Sie kann uns den Mut lehren, dem Tod zu begegnen und ihn nicht als etwas zu sehen, das aus dem Leben hinausgeschoben werden muss. Wir könnten erkennen: Es muss doch mehr als alles geben. So hat es Dorothee Sölle ausgedrückt. Das ist ein paradoxer Satz, der nicht einfach zu erklären ist. Es geht darum, zu merken: Es gibt etwas, das weit über meine Fassbarkeit hinausgeht. Manchmal ahne ich etwas“, sagt Knittel und fügt hinzu: „Es ist nicht leicht, dazu eine klare Sprache zu finden. Wenn man es zu konkret ausdrückt, engt man es ein.“
Klar kann sie aber benennen, dass ein Mensch davon profitiert, wenn er den Tod nicht ausblendet: „Wer sich seiner Endlichkeit bewusst ist, hat einen anderen Blick auf das Leben. Es ist nicht selbstverständlich, dass ich hier bin – ja, es ist eigentlich ein Wunder. Ich merke das am allerdeutlichsten, wenn ich das Schlagen meines Herzens spüre.“
Im Mitgehen mit dem Sterben Jesu schlummere das Neue, führt Knittel einen weiteren Aspekt an. „Wenn ich es zulasse und das Vertrauen nicht ganz verliere, kann im Sterben schon Neues aufbrechen. Das Sterben ist zwar oft schmerzhaft, und ich weiß noch nicht, wie es weitergeht, aber wenn ich das Alte zurücklasse, werde ich frei für Neues.“

Zur Person

Barbara Knittel, Jahrgang 1940, studierte evangelische Theologie. Sie absolvierte zudem ein Psychologie-Studium an der London University und bildete sich in Transpersonaler Psychotherapie weiter. Sie ist Supervisorin und arbeitet als Psychotherapeutin, u.a. mit den Schwerpunkten Angst, Burnout, Partnerschaft, Persönlichkeitsstörung und Traumatherapie. Sie führt in Feldkirch eine psychotherapeutische Praxis.

Mehr Kraft als die Gewalt

Auch die Ostergeschichte selbst erzählt, dass Leid und Schrecken nicht alles ist, sondern dass es eine Auferstehung gibt. Knittel erläutert die Auferstehung mit einer Passage eines Liedes, in dem es heißt: „Manchmal erleben wir mitten am Tag ein Fest der Auferstehung. Stunden werden eingeschmolzen, und das Glück ist da.“ Den letzten Teil des Satzes ergänzt sie jedoch mit: „Es ist neben dem Glück auch ein Staunen, die Verbundenheit zueinander, die Freundschaft, das Einander-Beistehen. Das hat mehr Kraft als all die Gewalt.“
Ostern bedeutet für die Psychologin aber auch: „Meine Aufmerksamkeit richtet sich auf das Unscheinbare, das sehr schön sein kann. Zum Beispiel, wenn ich jetzt sehe, was draußen aus dem Boden wächst. In den vergangenen beiden Pandemie-Jahren ging ich beinahe jeden Morgen spazieren, um zu bemerken: Das Leben ist nicht nur eng, es gibt auch Weite“, sagt Knittel. In der Verengung sehe man nichts anderes als das, was belaste. Um sich zu weiten, brauche es auch nicht viel: zum Beispiel Bewegung in der Natur oder ein Telefonat mit einem lieben Menschen.
Die Ostergeschichte – genauso wie andere Erzählungen der Bibel – enthält Wundersames, das viele Menschen nicht ­glauben können. Ein Beispiel hierfür sind die Engel, die an Jesu Grab standen, oder das leere Grab. „Es geht nicht darum, ob ich an Engel glaube oder nicht. Vielmehr stehen sie dafür, sich offen zu halten für überraschende Erfahrungen“, erläutert die Theologin und Psychotherapeutin.

Verdichtete Geschehnisse.

„Das, was in der Karwoche verdichtet passiert, kann an Lebensereignissen rühren, die sich durch das ganze Leben ziehen“, sagt Knittel. Bei Jesus folgte auf das Feiern mit Freunden beim Abendmahl als Nächstes das Alleine-Sein im Garten ­Gethsemane und tags darauf der Leidensweg und der Tod. Ähnliches kann sich durch ein ganzes Menschenleben ziehen. Da gibt es Jahre im guten Kontakt zu anderen, mit schönen Erlebnissen und Festen. Aber es können auch schwere Zeiten kommen mit ganz anderen Erfahrungen. „Es ist gut, sich offen zu halten“, sagt dazu Knittel. „Ich weiß nicht, was morgen kommt, aber ich kann dazu schauen, dass ich mir in schwierigen Zeiten selbst beistehe und mir Menschen suche, die mir beistehen. Womöglich erfahre ich dann auch einen inneren Beistand.“

Du hast einen Tipp für die NEUE Redaktion? Schicke uns jetzt Hinweise und Bilder an redaktion@neue.at.