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Harmoniesüchtiger Provokateur

19.04.2022 • 18:04 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Harmoniesüchtiger Provokateur

Hermann Nitsch ist im Alter von 83 Jahren gestorben.

“Nicht nur Farbe, sondern auch Blut” heißt eine Sammlung von Texten des Kunsthistorikers Wieland Schmied. Das Thema ist erahnbar: Hermann Nitsch und seine Kunst. Der Titel nennt zwei Hauptingredienzien eines Werks, das aber als Ganzes aus wesentlich mehr Zutaten besteht. Zutaten materieller und geistiger Natur. Womit nicht (nur) der Wein gemeint ist, dem Nitsch sein Leben lang als Produzent und Konsument zugetan ist: “Ich will kein Plädoyer für den Alkohol halten, aber man ist oft für Augenblicke besser, als man ist”, sagte er einmal.
Schon der junge Gebrauchsgrafiker, der unter anderem am Wiener Technischen Museum jobbte, hatte ein tiefgehendes Interesse für Philosophie, Geschichte, Mystik und Religionen. Später sagte er: “Ich war alles. Ich war Napoleon, ich war Christus, ich war Nietzsche, ich war Schopenhauer, und ich werde alles sein, was da noch kommt.”
Was aus der breiten Befassung, natürlich auch mit der Kunst der Zeit entstand, war eine andere Form der Malerei, die in Gestalt von Performances und Inszenierungen aus den Ateliers ausbrach. Jackson Pollocks “action painting” oder Georges Mathieus spektakuläre Auftritte gaben zweifellos Anstöße. Aus diesen entwickelte Nitsch etwas gänzlich Eigenständiges. Und wurde neben Günter Brus, Otto Mühl (vulgo Muehl) und Rudolf Schwarzkogler zum wichtigsten Protagonisten des Wiener Aktionismus. Als Einziger blieb er dessen Ausgangsideen sein ganzes Werk lang treu.

2021-05-18_Hermann Nitsch Prinzendorf by Akos Burg
Hermann Nitsch vor seinem Schloss in PrinzendorfSonstiges

Orgien Mysterien Theater (O. M. Theater) nannte der Künstler sein Lebensprojekt, das bereits Ende der 1950er-Jahre begann, Gestalt anzunehmen: “Das O. M. Theater stellt den Versuch des unbedingten Gesamtkunstwerks dar. Drama, Lyrik, Epik, Malerei und Musik vereinen sich zu einem 6 Tage dauernden Fest der Existenzverherrlichung.” Die künstlerischen Zutaten stammten allesamt vom Meister selbst. Die sogenannten “Schüttbilder” wurden zum Markenzeichen des Allrounders.
Mehrmals kann Nitsch auf Schloss Prinzendorf in Niederösterreich, das er 1971 erstand, seine Visionen in der vollen Länge von sechs Tagen realisieren, immer wieder gibt es kürzere Versionen des fast immer heftig umstrittenen Events. Umstritten, weil geschlachtete Tiere in den Kunstritualen zum Einsatz kamen, umstritten, weil religiöse Requisiten verwendet wurden, etwa Messgewänder. Nitsch, der “Tierquäler” und “Blasphemiker”, war für viele empörte Schlagzeilen gut.


Und seine Aktionen waren Anlass für Aktionen wider den Aktionismus. 1981 lud ein Rechtsextremist vor dem Grazer Kulturhaus eine Fuhre Mist ab, um zu zeigen, was er von der dort gezeigten Kunst hielt. Das traf den im Grunde harmoniesüchtigen Künstler, der sogar einem Treffen mit dem Mistlieferanten zustimmte, um diesen von seinen humanen und humanistischen Absichten zu überzeugen. Den Kern dieser Absichten beschrieb Nitsch in einem Interview in der Kleinen Zeitung anlässlich seines 80. Geburtstags so: “Für mich hat die Kunst eine altruistische Funktion, weil sie für alle Menschen da ist.”


Jedenfalls, auch das weiß Nitsch, schadeten die Aufregungen seiner Karriere nicht. Und letztlich entging der “gewaltlose Anarchist” (Nitsch über Nitsch) den Umarmungen der Kulturindustrie und ihrer Institutionen nicht. Und genoss diese auch. Diverse Gastprofessuren machten Studierende mit dem Universum des Wieners bekannt, ab 1989 lehrte er bis zur Emeritierung an der Frankfurter Städelschule Interdisziplinäre Kunst.

Das Museum in Mistelbach

2007 wird das Hermann Nitsch Museum in Mistelbach (Niederösterreich) eröffnet, ein Jahr später das Museo Archivio Laboratorio per le Arti Contemporanee Hermann Nitsch in Neapel. In einer Stadt, in der Farbe und Blut nicht weniger innig, barock und oft gewalttätig ineinander verschränkt sind als in den Arbeiten des Künstlers. 2009 folgte die Gründung einer Stiftung, der Nitsch Foundation.
Die Liste der zahlreichen Ausstellungen in vielen der wichtigsten Museen der Welt und der Beteiligung an großen Präsentationen (1972 und 1982 etwa an der documenta) ist imposant, beeindruckend auch die Liste jener Sammlungen, in welche Nitsch-Werke aufgenommen wurden. Dazu kamen Ausstattung und Regiearbeiten im Bereich der Oper. Ein später Höhepunkt: 2021 fließen in Bayreuth – Gesamtkunstwerker traf Gesamtkunstwerker – bei einer halbszenischen Aufführung von Richard Wagners “Walküre” nach Nitschs Choreografie die Farben. Nicht nur Rot, aber nur Farben, kein Blut. Ein hochdramatisches Exempel der Harmoniesucht.

Für ein gewaltiges und in Summe bei aller Vielfalt erstaunlich geschlossenes Werk blieb die Anerkennung in Form von bedeutenden Preisen nicht aus. Lassen wir den Künstler nochmals mit einem Statement aus der Kleinen Zeitung zu Wort kommen: “Ich habe das Leben bejaht, und dabei ist es geblieben. Ich sage Ja zur Schöpfung. Ich sehe das große Ereignis Natur, an dem ich teilhaben will.” Das Wissen um den Tod als unabdingbaren Teil dieses großen Ereignisses war nicht zuletzt eine Triebfeder der Arbeit von Hermann Nitsch. Montagabend ist er im Alter von 83 Jahren gestorben.

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