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Ein Heiliger der Gegenreformation

20.04.2022 • 20:47 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
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roland paulitsch

Eine Ausstellung in Feldkirch geht dem heiligen Fidelis von
Sigmaringen.

Vor 400 Jahren stürzte sich eine aufgebrachte Menge im graubündischen Seewis auf den Mönch und Klostervorsteher im Kapuzinerkloster Feldkirch Fidelis und schlug ihn tot. „… achtzehn bis zwanzig Männer […] stürzten sie sich wutschnaubend auf ihn und versuchten, seinen Kopf mittendurch zu spalten […] Ebenso zerschmetterten die Mörder mit Knüppeln seine Seiten und durchbohrten sie mit Schwertern, daß bei der Brust das Blut nach allen Seiten herausfloß …“, beschreibt eine von P. Hieronymus Gundersheimer gesammelte Zeugenaussage.

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Ein Kriminalfall

Wie es zu diesem gewaltsamen Tod kam, wird in der Ausstellung „Der Fall Fidelis“ im Palais Liechtenstein in Feldkirch beleuchtet. Die heute eröffnete Ausstellung wurde dem Stadtpatron anlässlich seines 400. Todestages gewidmet.
Man wollte die Auseinandersetzung nicht mystifizieren, sondern positivistisch gestalten, sagte der Kurator Hans Gruber in der gestrigen Pressekonferenz. So wurde ein heller Raum gewählt, in dem die Ereignisse des 24. April 1622 wie ein Kriminalfall ausgebreitet werden. Es gibt Fidelis’ Mantel mit Blutspuren als Beweis, ein Schwert als Tatwaffe und Zeugenaussagen aus protestantischer und katholischer Sicht. Begleitet wird das Szenario von Informationen zu historischen und machtpolitischen Hintergründen. Die damaligen Religionskonflikte, welche durch die miserablen wirtschaftlichen Zustände noch verstärkt wurden, führten zu etlichen Gewaltreaktionen und kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen 1618 und 1639.


Neben den geschichtlichen Hintergründen im 16. und 17. Jahrhundert werden in der Ausstellung die wichtigsten Unterschiede zwischen Katholizismus und Protestantismus aufgezeigt. Weiters wird der Lebensweg des 1578 in Sigmaringen als Markus Roy geborenen Fidelis nachgezeichnet.

Widersprüchlich

Fidelis wird in vielen Zeugnissen als warmherziger und sanftmütiger Mensch geschildert, der in Glaubensfragen jedoch penibel auf die Einhaltung religiöser und moralischer Sittlichkeit pochte und auch rigoros handelte. Fidelis sei „keine unumstrittene Persönlichkeit“ gewesen, sagte der Feldkircher Bürgermeister Wolfgang Matt in der gestrigen Pressekonferenz. Man möchte in der Ausstellung „verschiedene Herangehensweisen an die Thematik wirken lassen“.
Einige ausgestellte Reliquien, wie beispielsweise das Messkleid, der Originalschreibtisch, seine handgeschriebenen Briefe und die auf dem Boden markierte Rekonstruktion seiner Mönchszelle machen Fidelis’ Lebensweisen anschaulich. Thematisiert wird auch der Prozess der Heiligsprechung als standardisierter Vorgang, die Sinnfindung und das Nachleben des heiligen Fidelis inklusive seiner Wunder.

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Gruber sagt, es sei „in der heutigen Zeit nicht so einfach, einen Heiligen und Märtyrer zu kuratieren. Er sieht jedoch eine „unglaubliche Aktualität“ in Bezug auf die Polarisierung der Gesellschaft und deren Auswirkungen. Er will in der Ausstellung den hermeneutischen Zugang, die Grundidee, den anderen zu verstehen, zeigen und beschäftigt sich auch mit dem „Verlust des Heiligen in der säkularisierten Welt“. Mit einem großen Teppich, indem die Buchstaben von „ICH“ immer wieder aneinandergereiht ein Muster ergeben, wird ein Versuch gestaltet, das „Ich“ zu transzendieren. Durch Spiegel, Hörstationen und direkten Fragen wie „Wer sagt mir, woran ich glauben soll? oder „Was ist Ihnen heilig?“ wird der Bezug zum eigenen Glauben und zum humanistischen Weltbild hergestellt.


Bis 20. November im Palais Liechtenstein, Feldkirch. Dienstag bis Freitag, 9 bis 17 und Samstag, Sonntag 10 bis 16 Uhr.

Sieglinde Wöhrer

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