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Im Notfall mit Händen und Füßen reden

23.04.2022 • 19:18 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
<span class="copyright">klaus hartinger</span>
klaus hartinger

Deutschkurs für ukrainische Flüchtlinge von der AK. Sie sind wertvoller Beitrag zur Integration.

Doris Chikhaoui, Kursleiterin eines Deutschkurses des Berufsförderungsinstituts (BFI) in Feldkirch, steht vor einer Klasse mit ca. 15 Teilnehmenden und liest laut und langsam aus einem Buch vor: „Ich heiße Liah und komme aus dem Libanon. Wie heißt du und woher kommst du?“ Dann schaut die Sprachlehrerin zu ihren Schülern und fordert sie auf: „Markiert das E von ‚Ich heiße‘ und ‚Ich komme‘ und das St von ‚Du heißt‘ und ‚Du kommst“‘. Eindeutig, hier stehen Verben und ihre Konjugation am Stundenplan.


Die Schüler dieser Klasse sind – mit Ausnahme einer Rumänin – Kriegsvertriebene aus der Ukraine. Heute erhalten sie die vierte Stunde des Deutschkurses für Beginner, A1. Angeboten wird er von der Arbeiterkammer (AK). Normalerweise werden die Deutschkurse für Geflüchtete aus der Ukraine über den Österreichischen Integrationsfonds (ÖIF) organisiert (nähere Infos unten). Es kann jedoch dauern, bis die Flüchtlinge daran teilnehmen können. Um den Menschen ein leichteres und besseres Ankommen zu ermöglichen, habe die Arbeiterkammer über das BFI rasch Deutschkurse organisiert, so AK-Präsident Hubert Hämmerle. Außerdem werde dadurch ein substanzieller Beitrag zur Integration geleistet. Rund 100 ukrainische Kriegsvertriebene büffeln derzeit Deutsch in einem dieser Kurse. Kursorte sind in Dornbirn, Feldkirch und Bregenz.

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Verben konjugieren

Im Kurs in Feldkirch steht mittlerweile eine Übung an. Die Verben „kommen“, „leben“, „heißen“ und „sein“ sollen in der ersten, zweiten und dritten Form Plural aufgeschrieben werden. Die Köpfe sind über die Bücher gebeugt, Kursleiterin Doris Chikhaoui geht durch die Klasse, bleibt hier mal stehen und hilft, beugt sich dort einmal über ein Buch und lobt „Ja, so ist es richtig“. Eine Teilnehmerin dreht sich zu der Frau, die hinter ihr sitzt, um und spricht leise mit ihr, eine dritte steht auf und kommt zu den beiden. Gemeinsam beratschlagen sie, wie diese Verben konjugiert werden. Es ist recht still in der Klasse; wenn etwas zu hören ist, sind es deutsche Worte oder Ukrainisch, Englisch sehr selten.


Dabei können die Teilnehmenden Englisch, sie haben es in der Schule gelernt, wie Doris Chikhaoui in der Pause erklärt. Sie versucht ganz bewusst, Englisch außen vor zu lassen – selbst wenn bei Kursbeginn einige der ukrainischen Flüchtlinge kein einziges Wort Deutsch gesprochen haben. Mithilfe von Händen und Füßen funktioniere die Verständigung irgendwie immer, so Chikhaoui, und wenn es doch einmal gar nicht mehr gehe, verwende sie Englisch. Englisch ist übrigens der Grund, weshalb die Teilnehmenden, deren Sprache in Kyrillisch geschrieben wird, die lateinische Schrift bereits beherrschen.


Doris Chikhaoui hat schon vielen Menschen die deutsche Sprache beigebracht. Dass in einer Klasse mehr oder weniger nur eine Nationalität vertreten ist, sei sehr selten. Auch gebe es keinen Unterschied zu anderen Kursen, in denen keine oder nur sehr wenige Kriegsflüchtlinge sind: „Wir reden in der Stunde nicht darüber, was sie erlebt haben und was mit ihnen passiert ist“, sagt Chikhaoui. Der Fokus liege ganz auf dem Erwerb der deutschen Sprache. Darin würden sich die ukrainischen Vertriebenen sehr engagiert zeigen: „Sie sind motiviert und lernen zu Hause“, erzählt die Kursleiterin.
Nach der Pause geht die Paukerei weiter. Es wirkt wie ein normaler Sprachkurs. Dabei mussten diese Menschen von einem auf den anderen Tag ihre Heimat verlassen, Schreckliches auf der Flucht erleben und sich jetzt in einem fremden Land, deren Sprache sie noch nicht kennen, zurechtfinden. Eine Situation, in der sich niemand wiederfinden möchte.

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