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Die NEUE wird 50 Jahre alt

30.04.2022 • 19:20 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
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Wolfgang Burtscher

Ehemaliger ORF-Landesdirektor Burtscher war bei Gründung dabei.

E s ist ein Jubiläum zu begehen. Vor 50 Jahren, am 2. Mai 1972, erschien die erste Ausgabe der „Neue Vorarl­berger Tageszeitung“. Als einer von damals (bis Oktober 1973) gestehe ich: Das war ein riskantes Unterfangen. Die Vorarbeiten gingen Jahre zurück. Motiv war einerseits die Unzufriedenheit der ÖVP mit ihrem Parteiblatt „Volksblatt“ und dessen Leserschwund (zuletzt 6000 Abos). Das erfolgreiche Eintreten der „VN“ für den Pfändertunnel und gegen die von ÖVP-Landeshauptmann Keßler unterstützte Unterflurtrasse mit dem Verlust des Bregenzer Bürgermeistersessels im Mai 1971 gab den letzten Anstoß. „Parallel dazu kam aus Kreisen der Wirtschaft der Gedanke auf, das ausgeprägte Monopol der ‚VN‘ zu durchbrechen“ (Andrea Thurnher in einer Diplomarbeit).

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Gründer

Einer der Motoren war der Korrespondent der „Salzburger Nachrichten“ Wise Köhlmeier, der mit dem späteren Herausgeber Hubert Säly und Hypobank-Direktor Max Hämmerle versuchte, Startkapital aufzutreiben. Zwölf Millionen Schilling durch einige Dutzend Gesellschafter wie Franz Rauch: Das war von Anfang an zu wenig. Köhlmeier war einer von drei (!) Chefredakteuren, dazu Walter Zeiner von der Wochenzeitschrift „Volksbote“ (Innsbruck) und als einziger Tageszeitungs-Profi in der Chefredaktion der knapp vor Erscheinen von den „VN“ abgeworbene Bertram Burtscher. In der Zehn-Personenredaktion saßen also drei Häuptlinge und sieben Indianer. Säly selbst war kein gelernter Zeitungsmann. Weiteres Manko: Bei uns will man die Zeitung zum Frühstück. Dafür hatte die „VN“ schon damals ein perfektes Austrägersystem, an das die NEUE nicht herankam, sondern auf Kiosk-Verkauf und bisweilen auf Straßenkolportage setzte. „Zum Frühstück“ heißt auch: Wissen, wer gestorben ist. Säly hätte die Todesanzeigen – noch heute eine Cashcow der „VN“ – umsonst abgedruckt, wenn er sie denn nur bekommen hätte. Doch die Bestatter spielten da nicht mit. Inserate zu keilen war schwer, weil man mit einer Startauflage von 23.000 mit den damals circa 100.000 der „VN“ nicht mithalten konnte und deren Chefredakteur Franz Ortner, ich formuliere zurückhaltend, fremdgehende Inserenten nicht gern gesehen hätte. Mit Ortner wollte es sich niemand verscherzen.

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50 Jahre NEUE

Die NEUE begeht ihr rundes Jubiläum zunächst mit einem Blick in die Vergangenheit: Mit welchen Berichten und Recherchen hat die Zeitung das Land in den letzten fünf Jahrzehnten geprägt? Die NEUE zeigt Spannendes, aber auch Skurriles aus dem Archiv. Am kommenden Sonntag: Reporterlegende Alfons J. Kopf.

Alternativen

Punkten konnte die NEUE mit Alternativen. Paradebeispiel: Die Wien-Korrespondentin Ute Sassadeck mit innenpolitischen Themen, die die „VN“ nicht hatten. Ute wurde 1975 von den „VN“ abgeworben. Im Sport versuchte Helmut „Blacky“ Schwarz vom früheren „Volksblatt“, mit Berichten bis zu den untersten Fußball-Ligen Neues zu bieten. In der von mir verantworteten Kultur bekam die alternative Szene Raum. Während die „VN“ die damals sakrosankten Festspiele hochleben ließen, bekam in der NEUE das Gegen-Festival „Randspiele“ Doppelseiten. Für die Zeitung schrieb fast das „Who is who“: Michael Köhlmeier, Ulrich Gabriel, der geniale Texter Franz Bertel, Kurt Greussing, die Musikexperten Gerold Amann oder Hubert Marte. Doch es blieb die Unterfinanzierung. „Das Blatt konnte seine finanzielle Sicherstellung nicht erreichen, auch weitere Zuschüsse der Gesellschafter vermochten die finanziell prekäre Lage nicht zum Besseren wenden“ (die Medienforscherin Susanne Dermutz in „Anders als die Anderen?“, fink’s Verlag). Die besten Zeiten erlebte die NEUE nach 1975 durch die 50-Prozent-Übernahme durch die „Kleine Zeitung“ (Styria-Verlag) mit Umstellung auf Klein­format. Laut Media-Analyse standen 1984 den 166.000 „VN“-Lesern immerhin 116.000 NEUE-Leser gegenüber. Der Rest ist Geschichte. Bis 1990 hatte die Styria alle Anteile aufgekauft und stieß jetzt 74 Prozent an Eugen A. Russ ab, 1992 auch den Rest.
Was wünsche ich der NEUE von heute? Dass es sie weiter geben möge. Auch wenn beide Zeitungen heute in einer Hand sind: Die Kollegen und Kolleginnen beweisen täglich, dass eine zweite Print-Stimme dem Land guttut. Alles Gute zum Geburtstag!

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