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Mit Parkbänken gegen den Rassismus

30.04.2022 • 19:50 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
<span class="copyright">klaus hartinger</span>
klaus hartinger

Der Verein „jugendornbirn“ stellt fünf außergewöhnliche Sitzbänke in Dornbirn auf.

Unsere Aufgabe ist es, gegenüber den Jugendlichen, mit denen wir arbeiten, Hoffnung und Zuversicht auszustrahlen und auch zum Beispiel im Hinblick auf den Krieg in der Ukraine nicht in Endzeitstimmung zu verfallen“, sagt Elmar Luger, Jugendkoordinator der Stadt Dornbirn und im Vorstand von „jugendornbirn“.
„Die Jugendlichen beziehen die Kriegssituation häufig auf sich selbst und fragen sich: Wohin flüchten wir, wenn bei uns Krieg ist?“ Luger sitzt nachdenklich in seinem Büro oberhalb der Dornbirner Jugendwerkstätten und spricht über vermeintliche Selbstverständlichkeiten und dass man Demokratie lernen muss, auch und gerade als junger Mensch. Im Mai 2019 hat der stadtnahe Verein jugendornbirn dazu eine Befragung unter knapp 700 Jugendlichen aus Dornbirn durchgeführt und an der Fachhochschule unter Prof. Frederic Fredersdorf auswerten lassen. Ein Ergebnis dabei: Respekt, Wertschätzung und Chancengleichheit ist aus Sicht der Jugendlichen ein hohes Gut. Sie wollen ohne Rassismus miteinander leben.

Ein Platz, der keiner ist

„Wir haben uns gefragt: Was tun wir mit diesem klaren Statement? Wie können wir es für alle sichtbar machen?“, erzählt Luger. Zunächst präsentierten sie die Auswertung im Jugendausschuss, dann im Stadtrat. Dann kam Corona, „die Möglichkeiten der Beteiligung, auch im Jugendbereich, lagen am Boden“. Im vergangenen Jahr wurde der Prozess neu angestoßen, und Luger machte eine Entdeckung in den Weiten des Internets: Er stieß bei der Arbeiterwohlfahrt in Bayern auf eine Sitzbank aus Holz, deren Lehne einen Platz weit über die Sitzfläche hinausreichte. Auf diesem Stück Lehne sollte später bei der Dornbirner Variante „Kein Platz für Rassismus“ stehen.
Ein Platz, der kein Platz ist, der aber die restlichen Sitzenden zum Reden anregen kann: Es steht außerdem auf der Bank, dass sie in den Dornbirner Jugendwerkstätten gemacht wurde, ein QR-Code an der Lehne führt zur Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, zur Auflistung der Menschenpflichten, zur Jugendstudie, zu den „Menschenrechten in drei Minuten“ sowie dem Antirassismus-Song von Alicia Keys mit „Holy war“.

Tischlermeister Günther Zechner stellt mit Samuel Lässer und Jeerasak Mahnic die Bänke her.<span class="copyright">KLAUS HARTINGER</span>
Tischlermeister Günther Zechner stellt mit Samuel Lässer und Jeerasak Mahnic die Bänke her.KLAUS HARTINGER

Aus der Werkstätte

Es sind Bänke, die kommunizieren, die klar Stellung beziehen und die auf ihr Sitzenden ebenfalls dazu auffordern. „Mittlerweile stehen nicht nur fünf Bänke in Dornbirn, sondern auch eine in Schwarzach vor der Mittelschule. Es ist eine raumgreifende Idee, und wir freuen uns über jeden, der so eine Bank aufstellen will. Wir wollen die Bänke bei Veranstaltungen aufstellen, zum Beispiel bei der Schülerfachtagung, und Vereinen anbieten“, so Luger.
Er geht hinunter in die Holzwerkstatt. Hier, in einer der Dornbirner Jugendwerkstätten, einem sozialen Unternehmen für arbeitslose junge Menschen, entstehen die Bänke. Tischlermeister Günther Zechner stellt stolz seine Mitarbeiter vor. Samuel Lässer, 24 Jahre alt, und Jeerasak Mahnic, 20, erzählen vom Zuschneiden, dem Aushobeln, dem Schleifen, dem Lackieren, den Bohrungen. Alle sind erstaunt, dass die Bänke seit dem Aufstellen noch nicht dem Vandalismus anheimgefallen sind. Offensichtlich nehmen die Menschen, die auf sie treffen, ihre Botschaft ernst. Christian Weiskopf, Vereinsobmann von „jugendornbirn“ unterstreicht die gesellschaftliche Bedeutung der Aktion: „Dem Verein jugendornbirn ist es wichtig, dass Themen, welche den Jugendlichen ein großes Anliegen sind, im öffentlichen Raum sichtbar gemacht werden.“
Weiskopf hat eine Begegnung mit seinen Schülerinnen organisiert. Sie besuchen den Zweig „Gesundheit, Schönheit und Soziales“ des Dornbirner Poly und sind zwischen 14 und 16 Jahre alt. Kurzerhand hat der Lehrer noch einige Buben aus den Metallwerkstätten dazugeholt. Gemeinsam geht es zu einer der Bänke, die an der Ach steht. Eine der Jugendlichen ist Russin. Sie habe Diskriminierung erst jetzt am eigenen Leib erfahren, erzählt sie. Im Zuge des Angriffs auf die Ukraine seien die Bankomatkarten der gesamten Familie gesperrt worden. „Meine Eltern hatten um die zehn Termine, um die Karten wiederzubekommen.“ Ein Bub erzählt, seine Eltern seien Serben, er hat schwarze Haare und eine dunkle Hautfarbe. Als Kind hätten ihn seine Mitschüler „Zigeuner“ genannt und gehänselt. Er habe sich schlecht gefühlt, aber niemanden damit belasten wollen. Was sagt er, nach seiner Heimat gefragt? „Ich komme aus Serbien, bin aber hier aufgewachsen.“

„Wir haben uns gefragt: Was tun wir mit diesem klaren Statement? Wie können wir es für alle sichtbar machen?“
Elmar Luger,
Jugendkoordinator der Stadt Dornbirn

Was Rassismus ist?

Davon haben die Schüler eine klare Vorstellung. „Das ist wie Mobbing.“ „Rassismus lernt man.“ „Oft sind ältere Omas oder Opas rassistisch. Sie sagen zum Beispiel im Bus: ,Immer die Ausländer!‘ Dann stellen wir sie zur Rede, sagen, dass wir hier aufgewachsen sind und perfekt Deutsch können.“ Der serbische Schüler erzählt, er heiße Leonardo König. Sein Vater habe den Namen von Andjelkovic in König ändern lassen, bevor er eine Firma eröffnet habe. Was fünf Bänke in Dornbirn ändern können? „Ich glaube, leider zu wenig“, sagt eine Schülerin, die anderen pflichten ihr bei.

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