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„Ihr sollt das nicht erleben müssen“

07.05.2022 • 17:42 Uhr / 8 Minuten Lesezeit
Eine Helferin erkundigt sich bei Valentina nach dem Rechten. Daneben sitzt Übersetzerin Oksana Kharchuck-Spiegel. <span style="color: rgba(111, 111, 111, var(--tw-text-opacity)); font-size: 0.75rem; text-transform: uppercase;"><span class="copyright">Philipp Steurer</span></span>
Eine Helferin erkundigt sich bei Valentina nach dem Rechten. Daneben sitzt Übersetzerin Oksana Kharchuck-Spiegel. Philipp Steurer

Ukrainer erzählen von ihrer Flucht beim „Samstag Treff“ in Dornbirn.

Es ist ein verregneter Samstagmorgen, kurz vor 9 Uhr. Noch ist es ziemlich leer in den Räumen des Familienzentrums „Treffpunkt an der Ach“ in Dornbirn. Heute findet wieder ein „Samstag Treff“ statt, der ukrainischen Geflüchteten die Möglichkeit zum Austausch bietet und als Anlaufstelle für Informationen dienen soll. Es riecht nach Kaffee und frischem Gebäck, das auf dem Tisch steht. Mit der Zeit trudeln die ersten ukrainischen Familien ein. Hauptsächlich sind es Frauen mit ihren Kindern. Auch Olena Golembiovska (36) mit ihren drei Söhnen Mykyta (10), Kyrylo (6), Danylo (6). Seit dem 12. März leben sie in Österreich.
Auf die Frage, wie es ihr gehe, antwortet Olena: „Ich fühle mich gut. Anfangs, als wir nach Österreich gekommen sind, hatte ich mit psychischen Problemen zu kämpfen, aber es wird besser.“ Sichtlich angeschlagen von den letzten zwei Monaten berichtet sie vom Erlebten. Teils erzählt sie dabei auf Englisch und teils wird ihr Bericht von Dolmetscherin Oksana Kharchuck-Spiegel ins Deutsche übersetzt.

Kriegsbeginn

Am Tag, als die Invasion Russlands beginnt, ist die 36-Jährige bei sich zu Hause im Ort Vyshneve – etwas südlich von Kiew. Sie will nach ihren Kindern schauen, die draußen im Freien spielen, als sie sieht, wie in der Nähe eine russische Rakete von den ukrainischen Streitkräften abgeschossen wird. „Ich war schockiert, hab nur noch gezittert. Konnte keine Tasse mehr in meinen Händen halten“, meint sie, während ihr die Angst nach wie vor ins Gesicht geschrieben steht. Den ganzen Tag über heulen die Sirenen. Manchmal sogar zwei bis drei Stunden am Stück, berichtet die Ukrainerin.
Familie Golembiovska verlässt die Stadt bereits am zweiten Tag der Invasion. Sie flüchten zur Oma nach Bila Zerkwa. Doch der Krieg holt sie ein. Die Stadt wird ständig bombardiert. Einen Großteil der Zeit verbringen sie im Badezimmer der Oma, da dieses in der Mitte der Wohnung liegt und keine Fenster hat. Keller gibt es keinen.
Nach einer Woche ziehen sie weiter zum Bruder des Mannes in Richtung Westen. Es ist allerdings keine Besserung der Situation in Sicht und sie entscheiden, das Land zu verlassen. Als einer der wenigen Väter einer der Familien beim „Samstag Treff“ durfte Olenas Mann Sergii ebenfalls ausreisen. „Wenn eine Familie drei oder mehr minderjährige Kinder hat, darf der Mann auch gehen“, erklärt sie. Gemeinsam wohnen sie nun in einer Wohnung der Caritas in Dornbirn.

<span class="copyright">Philipp Steurer</span>
Philipp Steurer

Nichts mitgenommen

Von zu Hause mitgenommen haben sie nichts außer das, was sie bei der Flucht am Leib getragen haben. Die Kriegsvertriebenen hatten nach Kriegsausbruch damit gerechnet, nur wenige Tage bei der Oma zu bleiben und danach wieder zurück in ihre Vierzimmerwohnung zu kehren. „Im Kühlschrank steht immer noch Borschtsch, unsere traditionelle Rote-Bete-Suppe“, meint sie mit einem bedrückten Schmunzeln im Gesicht. Dass der Wohnblock, in dem sie gewohnt hatten, zum Zeitpunkt des Interviews noch nicht beschossen wurde, weiß Olena von den Menschen vor Ort, mit denen sie Kontakt hat.
Mittlerweile sitzen auch andere Frauen mit am Tisch. Teilweise reden sie wild durcheinander und es ist schwierig, der Geräuschkulisse zu folgen. Während sich die Erwachsenen am Tisch unterhalten, ist aus dem Nebenraum Kindergeschrei zu hören. Zahlreiche Buben und Mädchen spielen im Spielzimmer miteinander.
Unter anderem auch die beiden Enkelkinder von Valentina (67). Sie ist mit ihrer Tochter nach Vorarlberg gekommen. Es geht ihr den Umständen entsprechend gut. So gut, wie es einem in so einer Situation eben gehen kann. Die Männer der beiden sind noch in der Ukraine. Der Partner der Tochter in der Bürgerwehr und ihr Mann bei ihnen zu Hause in einem Dorf nahe der Stadt Schpola. Sie hätten dort Tiere, einen Garten, ja sogar ein kleines Stück Feld. Die Verzweiflung steht auch ihr ins Gesicht geschrieben. Die pensionierte Geografielehrerin berichtet: „Wir sind ständig im Keller gesessen, da die Flugzeuge immer geflogen sind.“ Während der Unterhaltung mit Valentina sieht eine freiwillige Helferin immer wieder nach dem Rechten. Sie erkundigt sich bei der Ukrainerin, ob alles okay ist.

Samstags-treff

Der Samstag Treff der Stadt Dornbirn findet jeweils am Samstag von 9 bis 11 Uhr statt. Er soll den Geflüchteten die Möglichkeit zum Austausch bieten. Gleichzeitig sei immer jemand vor Ort, der für Fragen zur Verfügung stehe.. Flüchtlingskoordinator Stefan Arlanch erklärt zudem: „Auch wenn die Informationen, die sie hier bekommen, sicher relevant für die Ukrainer sind, denke ich, dass das soziale Miteinander im Vordergrund steht. “Aktuell leben 212 ukrainische Flüchtlinge in Dornbirn, wie Stadträtin Marie-Louise Hinterauer mitteilt.

Sehr viel Dankbarkeit

In den Gesprächen mit den ukrainischen Geflüchteten spürt man vor allem eines: Dankbarkeit. Immer wieder bedanken sich die Frauen: „Danke, danke für alles.“ Trotz der enormen Wertschätzung für Wohnung, Kleidung und alles, was ihnen im Land zur Verfügung gestellt wird, meint Olena: „Unser Herz ist in der Ukraine und die Gedanken auch.“
Falls der Krieg irgendwann endet, würden sie vermutlich in ihr Heimatland zurückgehen. Dann spricht Olena Ukrainisch. Die Reaktion der Dolmetscherin, die selbst in der Ukraine geboren wurde, verrät einiges. Ihr laufen Tränen übers Gesicht. Mit zitternder Stimme übersetzt sie: „Uns ist wichtig, dass der Krieg nicht noch auf weitere Länder übergeht. Die anderen sollen nicht das erleben müssen, was wir erleben mussten.“

Schwere Entscheidung

Eine ältere Dame, die den Spitznamen Luda trägt, sitzt mittlerweile ebenfalls am Tisch. Sie kommt aus Lemberg und erzählt, dass sie früher im Bereich Radio- und Elektrotechnik gearbeitet und in einer Fachhochschule unterrichtet hat. Dass Leudmyla Ivantsiv, wie sie mit vollem Namen heißt, sehr gebildet ist, merkt man schnell. Gerne erzählt sie darüber, was sie in ihrem Leben alles erreicht und erlebt hat. Die Ukrainerin lächelt dabei ununterbrochen und scherzt ab und an, wie etwa zu Beginn der Unterhaltung: „Ich bin 78. Oh nein, ich bin ja 76. Mein Mann ist 78“, danach lacht sie laut. Ihr Ehemann ist allerdings nicht in Vorarlberg und der Gedanke daran macht sie sichtlich traurig. Ihre Emotionen schwenken um: „Für mich war es eine sehr schwere Entscheidung, die Ukraine zu verlassen. Ich habe beinahe mein ganzes Leben mit meinem Ehemann verbracht. Ich habe mich wohlgefühlt.“ Sie kämpft mit den Tränen und ihre Stimme ist etwas gebrochen. Da der Ukrainerin vor einem halben Jahr bei einer Operation ein Tumor entfernt wurde, ist es wichtig, dass sie weiterhin eine gute medizinische Behandlung erhält. Das ist einer der Gründe, weshalb sie sich dann doch entschied, das Land zu verlassen. Außerdem lebt ihr Sohn mit seiner Familie bereits seit einigen Jahren in Vorarlberg.
Nach zwei Stunden neigt sich der „Samstag Treff“ langsam dem Ende zu. Die Besucher verabschieden sich. „Auf Wiedersehen und Danke,“ sagen sie auf Deutsch. Es wird allmählich wieder ruhiger im Raum und die Kinderstimmen verstummen.

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