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„Dann lügen wir doch einfach zurück“

13.05.2022 • 19:14 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Aktionstheater Ensemble<span class="copyright">NEUE</span>
Aktionstheater EnsembleNEUE

Am Mittwoch wird „Lüg mich an und spiel mit mir“ von Martin Gruber im Vorarlberger Landestheater uraufgeführt.

Die Menschen in einem friedlichen Europa werden plötzlich und völlig unerwartet mit den kriegerischen Aggressionen konfrontiert. „Was macht das mit uns? Wie gehen wir damit um?

Das Unvermögen

Mit seiner neuen Inszenierung „Lüg mich an und spiel mit mir“ reagiert der Vorarlberger Regisseur Martin Gruber auf unsere Zeit und den Krieg in der Ukraine. Doch Gruber will nicht den Krieg auf die Bühne bringen, sondern dessen Auswirkungen auf unser Handeln und unseren Umgang mit der Not.
Angefangen bei einer allgemeinen Verstörung versucht das Stück das Unvermögen der Gesellschaft abzubilden und aktuelle gesellschaftspolitische Zustände zu reflektieren. Im Interview spricht Gruber über seinen Zugang zur Theaterkunst und die Ermächtigung des Publikums: „In der Kunst kann es nur um eine bestimmte Form der Selbsterkenntnis gehen. Ich halte das Konzept, eine bessere Welt auf die Bühne zu bringen, für gescheitert. Die Frage ist: Wo stehen wir, wo haben wir unsere Ängste und Hoffnungen? Es geht nicht um Lösungen, das wäre Selbstüberschätzung, besser wäre es, zurückzufahren und zu sagen, wir versuchen, die Situation, wie sie ist, einigermaßen zu greifen.“

Martin Gruber<span class="copyright">NEUE</span>
Martin GruberNEUE

„Nicht-intellektuelle Ebene“

Mit dem Stück möchte Gruber den Zuschauern die Gelegenheit geben, sich selbst und die eigenen Missstände und Nöte zu erkennen und chauvinistische, marxistische und männliche Narrative, die im Stück thematisiert werden, wahrzunehmen.
Dabei begreift er die Kunst als Chance, Erkenntnisse auf einer „nicht-intellektuellen Ebene“ zu erhalten. Es gehe ihm darum, Geschehnisse aus einer noch unbekannten Sicht zu sehen, „nicht zu wissen, was das Richtige ist, und wegzukommen vom leicht doofen Für und Wider, denn was Demokratie ausmacht, ist, dass wir im Diskurs sind und verschiedene Meinungen und Diversität zulassen.“


In „Lüg mich an und spiel mit mir“ werden Wahrheiten und Lügen miteinander vermischt, und die „wunderbare gefestigte Demokratie“ wird aufgebrochen und infrage gestellt. „Der Russe hat uns angelogen, er spielt mit uns“, sagt ein Schauspieler. Ein anderer antwortet: „Dann lügen wir doch einfach zurück, wir behaupten, dass wir eine wunderbare gefestigte Demokratie sind, und wir behaupten es so lange, bis es stimmt.“

Überforderung

In einer Form von Verstörung müsse man der Realität ins Auge gesehen und sich am Ende neu sortieren. Gruber sieht im Zulassen und gemeinsamen Erleben der Überforderung einen ersten Schritt, um die Situation zu erfassen. „Wir leben in einer Zeit, wo wir ziemlich anstehen. Was ist Not, wie gehe ich damit um? Warum passieren nationalistische Reflexe? Aus einer Schwäche und einem Unvermögen“, sagt er.


Gruber hat die Texte stark von Interviews abgeleitet und umgeschrieben, um Authentizität zu generieren. In der Choreografie wird das „Anstehen und die permanente Suche nach dem eigenen Platz“ inszeniert. „The Fictionplay“ und die „Gewürztraminer“ vermischen Electronic Music und eine Art „Balkan Sound“. Dabei greifen Musik, Sprache und Choreografie ineinander über und wechseln permanent. In einer erstmaligen Koproduktion mit dem Vorarlberger Landestheater wird eine durchchoreografierte Theater- und Musik-Performance mit Akteuren aus mehreren europäischen Staaten gezeigt.

Uraufführung am 18. Mai um 19 Uhr 30 im Vorarlberger Landestheater. Infos:www.aktionstheater.at