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Leben mit 24-Stunden-Betreuung

14.05.2022 • 21:04 Uhr / 8 Minuten Lesezeit
Seit fünf Jahren ist Ildiko Rakoczi Pflegerin bei Gerlind Christon.<span class="copyright">klaus hartinger</span>
Seit fünf Jahren ist Ildiko Rakoczi Pflegerin bei Gerlind Christon.klaus hartinger

Nach Unfall ist Gerlind Christon auf einen Rollstuhl angewiesen.

Als die studierte Vermessungsingenieurin Gerlind Christon am 28. April 2014 mit dem Fahrrad zur Arbeit fährt, kollidiert sie in Rankweil mit einem Lkw. Dadurch erleidet sie ein Rückenmarkstrauma. Seither ist sie ab Brusthöhe abwärts gelähmt. Die Arme kann sie bewegen, die Finger nur ein wenig. Es fehlt die Kraft dazu. Bei der Rehabilitation nach dem Unfall erzählt ein Patient mit ähnlichen Symptomen der damals 60-Jährigen, dass er von 24-Stunden-Pflegerinnen betreut wird. Gerlind Christon beschließt, ebenfalls dieses Pflegemodell in Anspruch zu nehmen. In ihrem Haus in Frastanz-Fellengatter ist genug Platz, es wird leicht adaptiert und mithilfe der 24-Stunden-Betreuerinnen kann sie trotz ihrer Beeinträchtigung in ihrem Zuhause wohnen bleiben.

Geschäftige Vormittage

Beim Besuch der NEUE am Sonntag sitzen Gerlind Christon (67) und Pflegerin Ildiko Rakoczi (53) auf der Terrasse. Blickt man von hier in den Garten, sieht man nichts anderes als Grün: eine Wiese mit weißen und gelben Frühlingsblumen, dahinter Bäume. Üblich ist es nicht, dass die beiden am Vormittag hier sitzen. Vormittags erledigt Gerlind Christon oft am Computer die Organisation des Hauses, oder sie ist unterwegs. Letzteres dank eines elektrischen Rollstuhles oder ihres adaptierten Autos meist alleine; sie ist bei der Therapie, einem Arzt, oder sie macht kleinere Besorgungen. Währenddessen kümmert sich Betreuerin Ildiko Rakoczi um den Haushalt: Sie wäscht, bügelt, putzt, kocht oder pflegt die Blumen. Gerlind Christon könnte bei bestimmten Arbeiten mithelfen, etwa beim Wäsche-Sortieren oder auch beim Kochen, da die Küche für sie angepasst wurde. Sie fand jedoch heraus, dass die Frauen die Hausarbeit lieber allein machen. Zu Beginn war das Abgeben nicht so einfach für Gerlind Christon, mittlerweile ist es aber kein Problem mehr. Im Gegenteil: „Ich genieße es, mich überraschen zu lassen, was mittags auf dem Tisch steht.“


Wenn Gerlind Christon um 8 Uhr aufsteht, braucht sie die Hilfe der Betreuerin. Ebenso für das Anziehen und die Morgentoilette. Gegen 9.30 Uhr frühstücken die beiden, später essen sie gemeinsam zu Mittag, danach hat die Pflegerin ihre zweistündige Pause. Nach der Pause arbeitet sie wieder im Haushalt, weil Gerlind Christons Lähmung vor allem eine Unterstützung am Morgen und am Abend erfordert. Gemeinsame Spaziergänge am Nachmittag stehen selten am Programm, da Betreuerin Ildiko Rakoczi nicht gerne geht und die zweite Betreuerin, Margaretha Sfedcu (63), nicht gut gehen kann.

Die beiden 24-Stunden-Pflegerinnen von Gerlind Christon wechseln im Vierwochen-Takt. Beide kommen aus Rumänien, beide können sich gut selbst beschäftigen und sind gerne alleine. Ansonsten sind sie vom Naturell her recht unterschiedlich. Während die zweite Pflegerin, Margaretha Sfedcu, gut Deutsch spricht und auch deutsches Fernsehen schaut, ist das Deutsch von Ildiko Rakoczi gebrochener. Als das Thema auf Fernsehen in Deutsch kommt, lacht Ildiko Rakoczi und sagt: „Das will i nicht“. Bei der Übergabe treffen sich die beiden immer kurz. Ansonsten gibt es zwischen den beiden keine direkten Berührungspunkte. Aber man merke natürlich, wie die andere gearbeitet hat, berichtet Ildiko Rakoczi. Das müsse man so gut sein lassen.

Gerlind Christon ist sehr zufrieden mit Ildiko Rakoczi, die seit fünf Jahren bei ihr arbeitet. Im Haus hat es die früher alleinerziehende Mutter von mittlerweile zwei erwachsenen Kindern gerne so, wie sie es einst selbst gemacht hat, nämlich genau. „Ildiko ist dem gewachsen“, sagt sie. Nachdem Gerlind Christon mit dem 24-Stunden-Modell begonnen hatte, musste sie öfters die Pflegerinnen wechseln, meist schon nach einem halben Jahr. Schließlich wechselte Gerlind Christon die Vermittlungsagentur und wird seither von Cura Domo betreut. Auch danach seien einige Betreuerinnen wieder gegangen, weil die Arbeit zu anstrengend war. „Das Haus ist groß und die pflegerischen Tätigkeiten zudem anspruchsvoll“, erklärt Gerlind Christon.

Gerlind Christon und Ildiko Rakoczi auf der Terrasse. <span class="copyright">klaus hartinger</span>
Gerlind Christon und Ildiko Rakoczi auf der Terrasse. klaus hartinger

Nahes Verhältnis mit Distanz

Ein betreuter Mensch und die 24-Stunden-Pflegerin verbringen naturgemäß viel Zeit miteinander und kommen sich nahe, alleine durch die pflegerische Tätigkeit. Im Hause Christon hat dennoch jede der Frauen ihre Rückzugsmöglichkeiten, ihre eigenen Arbeiten und Zeit für sich. Bei den gemeinsamen Mahlzeiten sprechen sie durchaus auch über Themen, die über den Alltag hinausgehen. Das Verhältnis von Gerlind Christon und Ildiko Rakoczi könnte als ein nahes mit Distanz bezeichnet werden. So erscheint es jedenfalls beim Besuch der NEUE am Sonntag. Dass Ildiko Rakoczi die Betreuerin ist und ihre Aufgabe gut wahrnimmt, ist zu bemerken, als Gerlind Chris­ton durch das viele Sprechen ein wenig heiser wird und die Rumänin ohne Aufforderung aufsteht, um ihr ein Glas Wasser zu bringen.

Geht gerne nach Hause und kommt gerne wieder

Gerlind Christon könnte ihr Leben auch mit stundenweiser Assistenz statt einer 24-Stunden-Betreuung, bewältigen. Fünf Stunden Assistenz am Tag würden reichen, zusätzlich müsste eine Reinigungskraft putzen. Vom Finanziellen her käme das beinahe auf die 100 Euro täglich, die die Frastanzerin für die 24-Stunden-Pflege bezahlt. Finanziell ist sie durch Versicherungen und die Übernahme der Pflegekosten durch den Unfallverursacher abgesichert. Gerlind Christon möchte die 24-Stunden-Betreuung aber nicht aufgeben, weil: „Ildiko Rakoczi ist so kompetent und Gold wert. Das will ich nicht aufs Spiel setzen.“

Vor sieben Jahren starb der Ehemann von Ildiko Rakoczi.

Ildiko Rakoczi beginnt gegen 8 Uhr mit ihrer Arbeit bei Gerlind Christon, hat von 14 bis 16 Uhr und dann ab 20 Uhr wieder frei. Gerlind Christon geht um diese Zeit bereits ins Bett; einerseits, damit sie liegen kann, andererseits, damit die Pflegerinnen Feierabend haben. Auf die Frage, wie Ildiko Rakoczi ihre Pausen verbringt, antwortet sie in gebrochenem Deutsch: „Ich gehe nicht so viel spazieren. Ich bin ein bisschen eine lustige Frau und habe ein Hobby: Handarbeit. Sticken.“ Dies sei sehr gut für ihren Kopf, und sie käme dadurch zur Ruhe.
Die 53-jährige Ildiko Rakoczi ist seit fünf Jahren 24-Stunden-Betreuerin bei Gerlind Christon in Frastanz, zuvor war sie zwei Jahre in Niederösterreich. Dort pflegte sie eine Frau, die nach einem Schlaganfall nur im Bett liegen konnte. Das sei ein schwieriger Arbeitsplatz gewesen. Bis 2014 lebte Ildiko Rakoczi in Siebenbürgen in Rumänien und arbeitete für eine deutsche Automobil-Zuliefererfirma, unter anderem kontrollierte sie den Ein- und Ausgang. 2014 starb ihr Mann bei einem Arbeitsunfall auf der Baustelle für das eigene Haus. Durch den Tod ihres Partners sah sich Ildiko Rakoczi gezwungen, eine Arbeit zu verrichten, bei der sie besser verdient. Deshalb wurde sie 24-Stunden-Betreuerin. Ihr 31-jähriger Sohn arbeitet in Deutschland, ihr Vater ist bereits verstorben, genauso die Schwiegereltern. „Nur die Mutti lebt noch“, erzählt die 24-Stunden-Betreuerin.

<span class="copyright">klaus hartinger</span>
klaus hartinger

Verschiedene Arbeiten

In den vier Wochen, in denen sie in Rumänien ist, beaufsichtigt sie den Bau des Hauses, erledigt Haushalts- und Gartenarbeiten oder hilft der Mutter auf dem Feld. Sie trifft sich aber auch mit ihren Schwägerinnen und Schwägern sowie mit Freundinnen. Die vier Wochen in Rumänien seien immer schön – es sei aber auch schön, wieder zu gehen.

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