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„Das wäre nicht finanzierbar“

17.05.2022 • 18:31 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
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Kritik an der 24-Stunden-Betreuung: Pflegerinnen würden ausgenutzt und seien nicht gut genug abgesichert.

Die meisten 24-Stunden-Betreuerinnen in Vorarlberg haben das Gewerbe als selbständige Personenbetreuerin angemeldet, nur sehr wenige sind von der Person, die sie pflegen, angestellt. In der Wirtschaftskammer, Fachgruppe Personenberatung und -betreuung, sind derzeit 3195 24-Stunden-Pflegerinnen gemeldet. Beinahe jeder Betreute hat zwei Pflegerinnen, die sich üblicherweise im Vierwochen-Takt abwechseln. Davon ausgehend dürften an die 1595 Menschen in Vorarlberg eine 24-Stunden-Betreuung in Anspruch nehmen. An dieser Zahl ist ersichtlich: Gäbe es die 24-Stunden-Pflege nicht, hätte man ein Problem im Land. An die 1600 Menschen zusätzlich in ein Heim aufzunehmen, wo es sowieso schon zu wenig Plätze gibt, wäre undenkbar.


Das Modell der 24-Stunden-Betreuung ist jedoch auch umstritten. Nachdem die 24-Stunden-Pflegerinnen selbständig sind, gelten das Recht auf Ruhezeit und die gesetzlichen Vorgaben zu maximalen Arbeitszeiten, Urlauben und Feiertagen für sie nicht. Das kritisierte Amnesty International vor einiger Zeit. Zudem sind sie durch die Selbständigkeit vom Arbeitnehmerschutz, wie etwa Mindestlohn, geregelten Arbeitszeiten und Zugang zu Krankengeld ausgesperrt.
Kosten von 9400 Euro. Jürgen Schuster ist Standortleiter in Vorarlberg von der Vermittlungsagentur „Cura Domo 24-Stunden-Betreuung“. Er erwidert auf die Kritik von Amnesty International: „Von der Grundüberlegung her hat Amnesty recht. Die Betreuerinnen unserer Agentur haben beispielsweise zwar Kernarbeitszeiten, sie sind jedoch sieben Tage die Woche im Dienst. Das ist nicht optimal. Aber im Umkehrschluss muss man sagen: Wo würden wir bei einer Anstellung kostenmäßig landen? Das wäre unfinanzierbar.“ Diese Kosten seien berechnet worden: Sie lägen bei 9400 Euro. „Da muss man realistisch bleiben“, sagt Schuster. „Ein großer Teil der Bevölkerung könnte sich das niemals leisten.“
Die Politik müsste Lösungen entwickeln, wie das Modell der 24-Stunden-Betreuung besser gefördert werden könnte, so Schuster. „Wobei ich eine Lanze für das Land Vorarlberg brechen möchte: Zusätzlich zu den 550 Euro Förderung vom Bund unterstützt das Land die Betreuung aus dem Sozialhilfefonds von bis zu 600 Euro. Das gibt es in keinem weiteren Bundesland außer dem Burgenland.“
Eine weitere Kritik an der 24-Stunden-Pflege ist: Die wirtschaftliche Schlechterstellung der Betreuerinnen aus Osteurpa werde ausgenutzt, damit sie unsere Senioren betreuen. Dem entgegnet Schuster: „Ich finde, es ist eine gute Verdienstmöglichkeit für die Frauen. Sie erhalten hier das Drei- bis Vierfache von dem, was sie in ihren Herkunftsländern verdienen. Sie können dadurch ihren Lebensstandard verbessern, sich gewisse Wünsche erfüllen, und sie schaffen eine höhere wirtschaftliche Basis für die nächste Generation, indem sie ihren Kindern beispielsweise ein Studium ermöglichen“, sagt Schuster. Zudem verweist er darauf: „Früher verließen in Vorarlberg die Menschen ebenfalls ihre Heimat, um Geld zu verdienen – beispielsweise die Montafoner Krautschneider oder die Bregenzerwälder Handwerker. Ich denke aber auch an die Migration aus der Türkei. Es gibt immer wieder so

lche Bewegungen, um die wirtschaftliche Situation zu verbessern.“
Durch die Selbständigkeit seien die Frauen zumindest unfall-, kranken- und pensionsversichert. „Zudem haben sie in der Wirtschaftskammer mit der Fachgruppe Personenberatung und Personenbetreuung eine Interesse

Jürgen Schusters <span class="copyright">klaus hartinger</span>
Jürgen Schusters klaus hartinger

Fakten

Geschichte. Es gab lange keinen passenden rechtlichen Rahmen für die 24-Stunden-Betreuung von pflegebedürftigen Personen in ihrem Zuhause. 2007 schuf der Gesetzgeber dann im Hausbetreuungsgesetz die rechtliche Grundlage dafür.

Zahlen. Wie sich der Bedarf gesteigert hat, sieht man an Zahlen aus Vorarlberg. Bei der Wirtschaftskammer waren im Jahr 2016 2837 Personenbetreuer gemeldet, derzeit sind es 3195. Von den 3195 Personen sind 202 männlich.

Alter. Das Durchschnittsalter der 24-Stunden-Pflegerinnen liegt bei 52 Jahren.

Vermittlungsagenturen. Derzeit sind in Vorarlberg 19 Agenturen registriert.

Zertifizierung

Die Agentur Cura Domo, bei der er Standortleiter ist, hat das Qualitätszertifikat ÖQZ24 für Vermittlungsagenturen in der 24-Stunden-Betreuung erhalten. Ziel solcher Zertifikate generell sei, dass ein Mindeststandard erfüllt und gehalten werde und dass die Qualität insgesamt eher ansteige. „Solche Zertifizierungen gehen auch in die Richtung für eine faire, vernünftige Bezahlung. Die Pflegerinnen bekommen das Geld zu 100 Prozent überwiesen. Es gab auch schon Agenturen, die das nicht taten“, erklärt Schuster.
Bei Cura Domo Vorarlberg erhält eine Pflegerin – insgesamt vermittelt die Agentur an die 600 im Land – etwa 70 Euro netto pro Tag. Auf Basis des Hauspflegegesetzes ist geregelt, dass ihre Kernarbeitszeit tagsüber zwölf Stunden beträgt und sie in dieser Zeit zwei Stunden Pause hat. In der Nacht gilt für Notfälle Rufbereitschaft. Wenn ein Klient eine intensivere Nachtbetreuung benötigt, bekommt die Betreuerin – zumindest bei der Agentur Cura Domo – mehr bezahlt.


Es gibt an der 24-Stunden-Betreuung nicht nur Kritik wegen arbeitsrechtlicher und finanzieller Aspekte, sondern auch aus menschlicher Sicht. Manche Betreuerinnen haben in ihrer Heimat kleine Kinder, die sie wegen der Arbeit für vier Wochen verlassen müssen. Für viele ist das sehr hart. Auch haben schon einige von ihnen deshalb den Job aufgegeben.

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