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Genuss für Körper und Geist

26.05.2022 • 14:45 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
<span class="copyright">klaus hartinger</span>
klaus hartinger

Gartenarbeit tut viel mit uns. Zum Beispiel all unsere Sinne öffnen.

Nicht entscheiden müssen zwischen Genuss für die Augen und Genuss für den Gaumen. Nicht zwischen Bauern- und Gemüsegarten: einfach Artischocken zwischen Rittersporn, pinke Zinnien zwischen dunkelroten Grünkohl setzen, und das Fest für die Sinne kann beginnen.
„Bei uns haben die Kinder ihr eigenes Beet, bei dem sie selber entscheiden, was reinkommt, und nach dem sie schauen“, erklärt Sarah Fischer. Die Volksschullehrerin bewirtschaftet mit ihrem Mann, der bei einer Bank in Bregenz arbeitet, nebenbei einen Acker neben dem Haus in Wolfurt. Größe: etwa 20 mal zwölf Meter, also 250 Quadratmeter. Wie aufs Stichwort nimmt der achtjährige Pius die in der Regenwanne vollgefüllte Gießkanne und gießt seine zarten Blumen. Das Kinderbeet ist zwei große Schreibtische groß. In ihm wachsen Gurken, Radieschen, Karotten, Blumen und Paprika. Er teilt es mit seiner sechsjährigen Schwester Lina. „Im Beet streiten sie nie“, betont Thomas Fischer, der Anzug gegen Jeans getauscht hat. Pius geht auf Tauchgang in Uromas Zinkbadewanne – mit Kleidern und viel Vergnügen.

Blaukraut und Blumen

Die Erwachsenen ziehen auf einem Drittel der Fläche Kartoffeln, die sie mit Nachbarn teilen, außerdem Brokkoli, Blumenkohl, Blaukraut, Weißkraut, Zucchini, Gurken, Mangold, Bohnen, Mais, Süßkartoffeln, Paprika, Tomaten unterm Hausdach, eine Blumenwiese – nicht nur für die Bienen. Genuss ist, nicht zu unterscheiden zwischen Arbeit und Freizeit, weil alles seine guten Seiten hat. „Gärtnern ist für uns Leidenschaft und Hobby. Wir wissen, wo unser Gemüse herkommt. Die Kinder erkennen teilweise sogar schon die Setzlinge, sie pflücken eine Tomate und beißen sofort rein“, sagt Sarah Fischer. Erbsen sind ihnen zu viel Arbeit, die Karotten haben die Mäuse gefressen, und die Melone hat nicht funktioniert wie erhofft. „Wir müssen nichts dran verdienen, wenn’s nicht funktioniert, ist nichts passiert“, zuckt ihr Mann gut gelaunt die Schultern.
Aus Zucchini machen sie im Dörrapparat Gemüsechips, unzählige Brombeeren haben sie zu Pulver vermahlen, das sie und die Kinder gern ihren Müslis untermischen. Außerdem machen sie Kraut ein, kochen Marmelade und viele Flaschen Tomatensoße. Tomaten außerhalb der Saison gibt es bei ihnen nicht. Thomas Fischer erzählt von dem schönen Moment, in dem Sohn Pius in eine selbst angebaute Gurke biss und sagte: „Die schmeckt ja ganz anders als die vom Supermarkt!“

Familie Fischer pflanzt vieles von dem, was sie unter dem Jahr an Obst und Gemüse braucht, selbst an. <span class="copyright">klaus hartinger</span>
Familie Fischer pflanzt vieles von dem, was sie unter dem Jahr an Obst und Gemüse braucht, selbst an. klaus hartinger

Geteilte Gartenarbeit

Jede und jeder aus der Familie macht im Garten andere Dinge gerne, aber das Wichtigste wird im Erlebnis geteilt: Sarah Fischer übernimmt die Planung, überlegt, was sich bewährt hat und was sie gerne ausprobieren würde. Dazu gehören auch Aktivitäten, wie mit den Kindern aus Fahrradspeichen Riesensonnenblumen zu bauen. Sie grüßen die Vorbeikommenden, ebenso wie die selbstgebastelte Vogelscheuche. Ob die wirklich ihren Job macht, ist schwer zu sagen. Aber sie zeigt, dass hier Menschen mit Genuss gärtnern. Thomas Fischer wiederum übernimmt das Jäten und das täglich Nach-dem-Rechten-Sehen. Kartoffeln Setzen, Ernten, mit Omas Pflug über den Acker gehen – das wird gemeinsam angepackt – und gemeinsam genossen.
Genussgärten, erklärt Landschaftsgärtner Anton Moosbrugger aus Hörbranz, bedeuten „back to the roots“, eine Verbindung mit Mutter Erde und damit Entschleunigung. Wir erfahren die Dynamik der Natur in Jahreszeiten, Witterung, Wachstum und Veränderung. Wir machen neue Erfahrungen, müssen im Garten nur uns selbst gefallen statt anderen – Selbstverwirklichung statt blinder Konsum. Ein Garten bedeutet außerdem den sofortigen Start in den Freizeit-Genuss: ohne Anfahrt und riesige Ausstattung. „Weniger ist mehr“, zitiert Moosbrugger.


Der Garten ist für alle Sinne: Riechen, Schmecken, Sehen, Hören, Tasten, nicht zu vergessen die Fantasie. Duftpflanzen aller Art betören, Wurzeln, Knollen, Rhizome, Sprossen, Blätter, Blüten, Früchte schmecken nach Genuss im Hier und Jetzt. „Wozu in die Ferne schweifen – das Gute liegt so nahe“, findet Pius Fischer auch und verschwindet mit einem Kampfruf ein weiteres Mal in Uromas Badewanne.

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