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„Einfache Antworten auf komplexe Fragen“

18.05.2020 • 22:33 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Gegen die Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus demonstrierten Anfang Mai Hunderte Menschen in Bregenz. <span class="copyright">Frederik Sams</span>
Gegen die Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus demonstrierten Anfang Mai Hunderte Menschen in Bregenz. Frederik Sams

Extremismusforscher Thomas Rammerstorfer über Verschwörungstheorien in Zeiten der Corona-Krise.

Etwa 500 Menschen demonstrierten Anfang Mai in Bregenz für die Beendigung der von der Bundesregierung gesetzten Maßnahmen zur Eindämmung des neuartigen Coronavirus. Die Veranstalter – die sich selbst als „mündige Bürger, welche auch in Krisensituationen als solche behandelt werden wollen“, bezeichneten – kündigten die Demonstration als „Demo für Menschenrechte, Freiheit und demokratische Grundrechte“ an. Ebenfalls wollten sie ihren Unmut gegenüber der „Medienhoheit der Regierung und der Staatsmedien, Zwangsimpfungen, Bargeldabschaffung und der Zerstörung der Wirtschaft und Zukunft unserer Kinder“ kundtun. Weiters kritisierten die Demonstranten eine „gezielte Desinformation und Panikmache der Regierung in Zusammenhang mit dem Coronavirus“. Doch nicht nur in Vorarlberg regt sich Protest: Der Widerstand gegen von Regierungen verhängte Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie manifestiert sich ungeachtet zahlreicher Lockerungen der Corona-Beschränkungen in zahlreichen Ländern, darunter Deutschland, die Schweiz, Polen oder die USA.

Thomas Rammerstorfer. <span class="copyright">Privat</span>
Thomas Rammerstorfer. Privat

Proteste

Doch von welchen politischen beziehungsweise gesellschaftlichen Kräften gehen die Proteste gegen die Corona-Maßnahmen aus? Von rechts? Von links? Oder handelt es sich um besorgte Bürger ohne extremistischen Hintergrund? Über einen Kamm scheren ließen sich die Demonstranten jedenfalls nicht, so Thomas Rammerstorfer, Extremismusforscher und freier Journalist, auf Anfrage der NEUE am Sonntag (siehe Kurz­interview links). Der Experte erklärt: „Ob links oder rechts, meist sind das Menschen, die sehr einfache Antworten auf sehr komplexe Zusammenhänge brauchen und in Gut-böse-Schemata denken.“ Er glaube, es gebe eine Art dumpfes Unbehagen bei vielen Menschen, so Rammerstorfer weiter: „Jahrelang wusste man genau, was passiert: Wie hoch die Arbeitslosenrate in etwa im Herbst ist, was man im nächsten Jahr verdient“. Doch nun sei die Welt nur noch schwer berechenbar und viele verunsichert.
„Daraus wollen andere Kapital schlagen, politisches und echtes“, so Rammerstorfer, der in diesem Zusammenhang auf derzeit um sich greifende Verschwörungstheorien verweist: „Es handelt sich um Erzählungen, deren Struktur wir aus Abertausenden Romanen und Spielfilmen kennen: Eine kleine Gruppe von Superschurken will die Welt erobern oder sogar zerstören. Nur ein paar Eingeweihte durchschauen das und können es verhindern“, verdeutlicht Rammerstorfer. Wer eine angebliche Weltverschwörung nach dem „Konsum von ein paar Youtube-Videos“ durchschaue, könne in diesem Sinne „ein bisschen in eine Heldenrolle schlüpfen – und das gänzlich ohne Risiko, denn die Sache ist ja irreal.“

Aufbau der Theorie

Indes sei ein Körnchen Wahrheit wahrscheinlich in jeder Verschwörungstheorie zu finden. „Aber eben nur ein Körnchen“, so Rammerstorfer. Und so würde dann eines das andere ergeben: „Da hat ein Politiker gelogen, da hat sich eine Expertin geirrt, rund um solche Dinge wird die Theorie aufgebaut. Die Logik bleibt meist auf der Strecke.“ Rammerstorfer zeigt weiter auf: „Warum zum Beispiel die Kapitalisten die Weltwirtschaft ruinieren sollten oder die Pharmaindustrie ihre besten Kunden und Kundinnen, die chronisch Kranken und Alten, umbringen wollen würden, wie manche Theorien besagen, erschließt sich mir nicht ganz.“
Wem es schwer fällt, den Überblick darüber zu behalten, was nun Wahrheit und Falschmeldung ist, rät Rammerstorfer grundsätzlich, „ausgebildeten und erfahrenen Menschen vom Fach eher zu vertrauen als Laien“. Dies gelte generell – egal ob es um die Reparatur einer Waschmaschine, eine Herztransplantation oder die Übermittlung der Weltnachrichten geht. „Einem professionellen Journalisten oder einem Wissenschaftler ist nun einmal eher zu trauen als einem anonymen Twitter-Account.“ Selbst wenn es natürlich auch schwarze Schafe unter Ärztinnen und Journalisten gebe. Rammers­torfer: „Medienkompetenz zu erlernen wäre das Gebot der Stunde.“
Und wie steht es um die Impfgegner, von denen in Zusammenhang mit den Corona-Protesten immer wieder zu hören ist und die mitunter Bill und Melinda Gates beschuldigen, sie hätten die Virusgefahr nur erfunden, um bei einer möglichen Impfung gleich noch einen Mikrochip mit in den Körper zu verpflanzen? Wie Rammerstorfer erklärt, gerät der Multimilliardär nicht zum ersten Mal ins Schussfeld von Impfgegnern. Bereits während der Ebola-Epidemie habe es exakt die gleichen Vorwürfe gegen ihn gegeben. „In der etwas kindlichen Welt der Verschwörungstheoretiker braucht der Superschurke natürlich auch eine reale Personifizierung, das kann mal ­Rothschild, Zuckerberg oder George Soros sein – diesmal traf es eben Bill Gates“, so Rammerstorfer.

Bill Gates und seine Frau sind ins Schussfeld von Impfgegnern geraten – nicht zum ersten Mal.<span class="copyright"> AP /Anja Niedringhaus</span>
Bill Gates und seine Frau sind ins Schussfeld von Impfgegnern geraten – nicht zum ersten Mal. AP /Anja Niedringhaus

Spaltung der Gesellschaft

Inwieweit die derzeit agierenden Protestbewegungen zu einer Spaltung der Gesellschaft führen können, kann Thomas Rammerstorfer nicht sagen. „Falls die Corona-Pandemie länger dauert und die Maßnahmen zur Ausbreitung von Covid-19 wieder verschärft werden, könnte das natürlich ein Problem werden. Mit gröberen sozialen und wirtschaftlichen Problemen, etwa einer längeren Massenarbeitslosigkeit oder einer Pleitewelle, könnte sich ein gefährlicher Cocktail ergeben“, so der Extremismusexperte. Er gibt weiters zu bedenken, dass bereits jetzt Verschwörungstheorien eine wichtige Stütze autoritärer Herrscher seien. Namentlich nennt Rammerstorfer den türkischen Präsidenten Erdogan, den russischen Präsidenten Putin sowie das ungarische Staatsoberhaupt Orban. „Es ist ja auch praktisch, für jedes eigene Versagen einen Sündenbock präsentieren zu können, am besten einen ‚fremden, ausländischen‘, so Rammersdorfer.

<span class="copyright">AFP/ohn MACDOUGALL</span>
AFP/ohn MACDOUGALL

Vergiftete Atmosphäre

Da stellt sich natürlich die Frage, wie angesichts von Protesten und sich verbreitenden Verschwörungstheorien die Politik am besten reagiert. Dazu Rammerstorfer: „Mit Ehrlichkeit und Diskussionskultur. Das sollten die Anhänger der demokratischen Parteien vorleben, egal ob in der Regierung oder der Opposition. Da wäre schon viel gewonnen.“ Leider seien Fake News aber auch im Parteien-Hickhack in den sozialen Medien ein beinahe schon alltägliches Mittel. „Das vergiftet die Atmosphäre und macht mir derzeit mehr Sorgen als die Demonstranten“, so Rammerstorfer abschließend.