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8622 – der Weltrekord vor 40 Jahren

20.05.2020 • 15:48 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Daley Thompson mit Konrad Lerch im Jahr 1980.
Daley Thompson mit Konrad Lerch im Jahr 1980.

Hypo-Meeting-Gründer Konrad Lerch erinnert sich an den ersten Weltrekord.

Es war der 18. Mai 1980, als in der damals 8000-Seelen-Gemeinde Götzis nichts mehr so war wie zuvor. Beim 6. Internationalen Leichtathletik-Volksbank-Meeting im Möslestadion, das vor exakt 40 Jahren bereits Mitte Mai und nicht wie mittlerweile am angestammten Termin Ende Mai stattfand, sorgte der britische Zehnkämpfer Daley Thompson für den ersten Weltrekord in der Geschichte des seit Langem nur noch unter Hypomeeting bekannten Stelldicheins der weltbesten Siebenkämpferinnen und Zehnkämpfer. 8622 Punkte standen damals nach den beiden Wettkampftagen zu Buche, eine Marke, mit der heute noch die meisten Athleten glücklich wären. Zumal diese nach der 1985 eingeführten Punktetabelle auf 8648 gesteigert wurde.
„Wir haben nicht an einen neuen Weltrekord geglaubt“, erinnert sich Konrad Lerch, 1975 einer der Gründer des seit Jahrzehnten weltbesten Mehrkampfmeetings und bis 2010 alleiniger Meeting-Direktor. Schon 1971, und dies für über zehn Jahre, war Lerch österreichischer Mehrkampf-Bundestrainer. Und somit auch verantwortlich für die vierten und fünften Plätze der Zehnkämpfer Georg Werthner und Sepp Zeilbauer bei Olympia 1980 in Moskau. „Ich weiß noch, wie ich als Trainer bei meinen ersten von vier Olympischen Spielen 1976 in Montreal in einem Interview gefragt wurde, was von dem eben aufgestellten Weltrekord von Bruce Jenner zu halten ist. Ich antwortete, dass ich nicht denke, dass die 8618 Punkte zu schlagen sind. Vier Jahre später wusste ich, dass ich mich bei derartigen Aussagen in Zukunft zurückzuhalten habe“, sagt der 80-jährige Bregenzer und lacht.

Konrad Lerch auf der Bregenzer Seebühne mit einem Bild von Thompson.
Konrad Lerch auf der Bregenzer Seebühne mit einem Bild von Thompson.

Die Anfänge im Möslestadion

Am 31. Mai und 1. Juni 1975 ging der Stern des Götzner Mehrkampfmeetings auf, am 28. und 29. Juni desselben Jahres absolvierte der 16-jährige Daley Thompson bei den Welsh Open seinen ersten Zehnkampf und siegte mit 6685 Punkten. „Ich hatte Daley schon in Montreal, wo er 18. wurde, im Blickfeld, lud ihn 1977 nach Götzis ein. Mit 7921 Punkten stellte er vor allem dank seiner überragenden Schnelligkeit einen neuen Juniorenweltrekord auf und belegte hinter unserem Sepp Zeilbauer und dem US-Amerikaner Fred Dixon den dritten Platz“, so Lerch, der damit schon früh seine Absicht erkennen ließ, in Götzis vielversprechenden Talenten (die er als solche einschätzte) eine Bühne zu bieten. Nur wenige Wochen später trat Thompson bei einem Ländervergleichskampf in Madrid an und gewann mit 8190 Punkten, womit er erstmals die 8000-Punkte-Marke übertroffen hatte.
1979 beendete der heute 61-jährige Brite keinen Zehnkampf, der Favorit 1980 in Götzis war eigentlich der Deutsche Guido Kratschmer. „Aber auf Zeilbauer haben wir gehofft“, lässt der ehemalige Hürden-Staatsmeister Konrad Lerch 40 Jahre später wissen. Josef „Sepp“ Zeilbauer, dreifacher Olympia-Teilnehmer aus Mürzzuschlag, gewann 1977 und 1981 in Götzis und hat eine Bestleistung von 8310 Punkten aufzuweisen. „Daley war nach Tag eins in aussichtsreicher Position, führte mit 4486 Punkten, war 1978 nach Punkten aber schon besser. Am zweiten Tag übersprang er 4,90 mit dem Stab und warf den Speer mit 65,38 so weit wie noch nie in seiner Karriere“, weiß der Bregenzer dank seiner zahlreichen Unterlagen aus dieser Zeit. Vor dem 1500-Meter-Lauf errechnete Thompsons Trainer Bruce Longden, dass 4:26 reichen würden, um den Weltrekord von Bruce Jenner zu knacken. Thompson lief 4:25,49, „auch weil er auf den letzten 200 Metern einen unheimlichen Sprint hinlegte“ (Lerch). Auf den Plätzen zwei und drei lagen Kratschmer und sein Landsmann Jürgen Hingsen, ein angeschlagener Zeilbauer belegte den vierten Platz.

Daley Thompson im Februar 2020 in Berlin.
Daley Thompson im Februar 2020 in Berlin.

Die Belohnung

„Ich glaube nicht, dass jemand auf einen Rekord spekuliert hat. Daley hat dann ein oder zwei Golddukaten bekommen, die Maria-Theresien-Taler, wir hatten die Patronanzen nach jeder Disziplin ja noch nicht, auch gab es die verschiedenen Prämien noch nicht. 2001 haben wir den Weltrekord versichert, zur rechten Zeit, wie uns Roman Sebrle mit seinem Fabelweltrekord gezeigt hat“, so der ehemalige Betreuer von Kugelstoß-Hallen-Europameister Klaus Bodenmüller, der mit Guido Kratschmer mitfühlte. Drei Tage vor dem Meeting in Götzis hatte das bundesdeutsche NOK beschlossen, sich dem Olympiaboykott der US-Amerikaner anzuschließen. Kratschmer tröstete sich selbst, indem er im Juni in Bernhausen mit 8649 Punkten einen neuen Weltrekord aufstellte. Daley Thompson hingegen holte sich Gold in Moskau. „Daley habe ich als lockeren, lässigen Typen kennengelernt, aber immer hochkonzentriert, wenn es darauf ankam. Gegenüber seinem ewigen Widersacher zeigte er sich immer nervenstark, was ihm auch die Siege einbrachte, obwohl Hingsen auch drei Weltrekorde holte und damit nur einen weniger als Thompson“, blickt Lerch zurück.

Daley Thompson bei den Olympischen Spielen 1984.
Daley Thompson bei den Olympischen Spielen 1984.

Sportler im Zentrum

Und ergänzt: „Daley war nicht nur als Sportler, sondern auch als Mensch eine besondere Persönlichkeit. Er hat die ersten Stufen für das Meeting gezündet und es in ungeahnte Höhen geschossen.“ Die zweite Stufe erfolgte schon am 23. Mai 1982 mit dem zweiten Weltrekord (8704), so erinnert sich das ÖLV-Ehrenmitglied, dass das US-Magazin Sports Illustrated 3000 Dias mit einer eigens gecharterten Maschine in die Staaten brachte und der Bregenzer diese am frühen Morgen mit den Journalisten am Telefon durchgehen musste. „1982 waren die Bedingungen mit Regen und Wind sehr viel schlechter als 1980, dennoch haben alle eher mit dem Rekord gerechnet. Eine gewisse Erwartungshaltung auch beim Publikum war vorhanden. Seine 4620 Punkte am ersten Tag hatte noch niemand erreicht. Den zweiten Tag eröffnete er mit Bestleistungen über die Hürden und mit dem Diskus. Daley meinte danach, dass er sich 8800 Punkte vorgenommen hatte, nur das Wetter verhinderte diese phänomenale Marke, die erst 1992 von Dan O’Brien geknackt werden sollte.“
Götzis sei nach 1980 angekommen in der Leichtathletik-Welt, „wir konnten die Bühne für die Athleten bereiten, mit allem, was dazugehört. Dass wir es richtig gemacht haben, haben wir an den zahlreichen Anfragen der Topathleten, die zumeist noch über die Verbände liefen, gemerkt. Die Sportler waren im Gasthof Kreuz in Götzis und der Landwirtschaftsschule Hohenems untergebracht und wurden mit viel Herzblut betreut. Wir haben immer gesagt: den Athleten muss es gutgehen“, nennt Konrad Lerch, der sich mittlerweile als Vorstandsmitglied von „Vindex – Schutz und Asyl“ für Flüchtlinge einsetzt, ein Erfolgsgeheimnis, das wohl bis heute Bestand hat.