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Familie Hämmerle: Am Ende wird alles gut sein

30.05.2020 • 21:38 Uhr / 9 Minuten Lesezeit
Caterina und Hanno Hämmerle stellen sich der Krise mutig und lächelnd entgegen.<span class="copyright">Hartinger</span><span class="copyright"></span><span class="copyright"></span>
Caterina und Hanno Hämmerle stellen sich der Krise mutig und lächelnd entgegen.Hartinger

Ehepaar Hämmerle führt eine Pension und bleibt trotz Krise optimistisch.

Am Ende wird alles gut sein. Und wenn nicht alles gut ist, dann ist es nicht das Ende.“ Dieses Zitat von John Lennon spiegelt die Lebenseinstellung von Caterina und Hanno Hämmerle wieder. Sie sind die Eltern der Snowboardcross-Asse Alessandro, Luca und dem mittlerweile zurückgetretenen Michael. Die beiden mussten ihre Pension Rudolph in Gaschurn ob des Corona-Ausbruchs fünf Wochen vor dem geplanten Saisonende am 15. März schließen. Just an dem Wochenende, an dem sich ihr Izzi, wie Alessandro genannt wird, zum zweiten Mal in Folge die SBX-Weltcupkugel sicherte.

Sohn Alessandro "Izzi" Hämmerle gewann bereits zwei Mal die SBX-Weltcupkugel.<span class="copyright">Stiplovsek</span><span class="copyright"></span>
Sohn Alessandro "Izzi" Hämmerle gewann bereits zwei Mal die SBX-Weltcupkugel.Stiplovsek

„Durch den Abbruch der Wintersaison haben wir einen Umsatzentgang von 25 Prozent. Wäre der Virus einen Monat später ausgebrochen, wären wir so wie die gesamte Tourismusbranche glimpflich davongekommen. Passiert es schon im Jänner, wäre wohl das ganze System zusammengebrochen“, erklärt Hanno Hämmerle. Seine Frau schickt hinterher: „Aktuell liegen wir bei den Buchungen für die Sommersaison bei einem Minus von zwei Dritteln. Das sind alles noch Buchungen aus dem Vorjahr. Mittlerweile bekommen wir aber immer mehr Anfragen.“ Die liquiden Mittel der Hämmerles gehen langsam zur Neige, zumal aus den Härtefallfonds 1 und 2 nur ein paar Euro für sie abfielen. Wenig sei besser als nichts, betonen die zwei, die nicht mal im Traum daran denken, sich entmutigen zu lassen.

Caterina und Hanno Hämmerle vor ihrer Pension Rudolph in Gaschurn. <span class="copyright">Hartinger</span>
Caterina und Hanno Hämmerle vor ihrer Pension Rudolph in Gaschurn. Hartinger

Krisenerprobt

Kraft ziehen die beiden aus ihren eigenen Erfahrungen. Caterina und Hanno mussten zusammen schon zwei existenzbedrohende Krisen bewältigen – als Restaurantbetreiber in der Schweiz. Die beiden bauten mit Beginn der 1990er-Jahre in Winkel bei Bülach im Kanton Zürich das „Wiesental“ zu einem Zwei-Hauben-Restaurant auf, das ideal bei einer Autobahnausfahrt lag. Als sie eines Tages aus dem Urlaub zurückkehrten, war die Autobahnausfahrt ohne Vorwarnung geschlossen worden, wie sich Caterina erinnert: „Es war schrecklich. Die Gäste haben uns nicht mehr gefunden. Wir waren nur mehr über eine Waldstraße erreichbar, der Umsatz ging dramatisch zurück.“

Und das ohne jede Aussicht, dass sich die Zufahrtsproblematik verbessert. Es mussten Lösungen her, wie die 56-Jährige weiter schildert: „Wir haben die Öffnungszeiten angepasst und weiter an uns geglaubt. Wir setzten auf Regionalität und Qualität – und Qualität setzt sich auf Dauer eigentlich immer durch.“ So war es dann auch. Das „Wiesental“ galt als Gastronomie-Perle der Region.

Caterina Hämmerle trägt so gut wie immer ein Lächeln im Gesicht. <span class="copyright">Hartinger</span>
Caterina Hämmerle trägt so gut wie immer ein Lächeln im Gesicht. Hartinger

Noch schlimmer traf es die Familie Jahre später nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001, der zur Insolvenz der Swiss Air führte, was 35.000 Menschen den Job kostete. Zulieferbetriebe, Gastronomiebetriebe, selbst Malergeschäfte und Zeitungen gingen Pleite. Das bekamen die Hämmerles mit voller Wucht zu spüren. Denn ihr Restaurant, ein umgebautes altes Bauernhaus, lag in der unmittelbaren Nachbarschaft vom Flughafen Kloten.

Viele Stammgäste waren teils hochrangige Swiss-Air-Angestellte. „Von einem auf den anderen Tag hatten wir einen Umsatzrückgang von 70 Prozent, weil natürlich keiner mehr das Geld hatte, um fein essen zu gehen“, verdeutlicht Hanno Hämmerle und offenbart: „Die Rechnungen stapelten sich. Innerhalb von wenigen Tagen wurden immense Summen fällig.“

Selbst beim Bett beziehen huscht der Frohnatur ein Lächeln übers Gesicht. <span class="copyright">Hartinger </span>
Selbst beim Bett beziehen huscht der Frohnatur ein Lächeln übers Gesicht. Hartinger

Nicht aufgeben

Hanno und Caterina hätten alle Kriterien für einen Insolvenzantrag erfüllt, doch sie gaben nicht auf. Selbst nicht, als Wochen später gar noch das Nebengebäude ihres Restaurants abbrannte und sie mit ihren drei kleinen Kindern mitten in der Nacht auf der Straße standen. Die Familie fand Unterschlupf bei Nachbarn, begann von vorn und schon nach eineinhalb Jahren hatten sie das Schlimmste hinter sich. „Wir haben diese schwere Krise überstanden, wir werden auch die Corona-Krise überstehen“, ist sich Caterina Hämmerle deshalb sicher und ruft allen zu, die wie sie vor großen Herausforderungen stehen: „Wir dürfen nicht aufgeben, jetzt heißt es kämpfen! Ja, wir sind fast alle auf die eine oder andere Weise sozusagen Opfer der Pandemie, aber wir dürfen nicht in der Opferrolle bleiben, sondern uns sagen: Jetzt erst recht!“

Die Hämmerles hinter dem Ausschank ihrer Pension - natürlich lächelnd. <span class="copyright">Hartinger</span>
Die Hämmerles hinter dem Ausschank ihrer Pension - natürlich lächelnd. Hartinger

Die Hämmerles haben längst reagiert. Sie gewähren in Zukunft ihren Gästen, die vor allem aus Deutschland, der Schweiz und den Benelux-Staaten kommen, völlig neue Stornobedingungen, verzichten auch auf eine Anzahlung. Geholfen hat den beiden, dass nur zehn Prozent der Gäste, die bereits für den kommenden Winter gebucht hatten, ihr Geld zurück wollten.

Den Lockdown nutzte das Ehepaar, um die Qualität ihres Angebots zu erhöhen. Sie kreierten neue Rezepte, erweiterten ihre Digitalisierung, wagten sich sogar an eine kleine Renovierung der Inneneinrichtung heran, verarbeiteten neue Stoffe.
Als das Coronavirus in Vorarlberg ausbrach, zahlten sie sofort alle offenen Rechnungen, wie der 62-jährige Hausherr erklärt: „Wir wussten, dass jeder Lieferant vor einer sehr schweren Zeit stand und jedes Unternehmen um jede bezahlte Rechnung froh sein würde. Als alles bezahlt war konnten wir schon damit beginnen nach vorne zu schauen.“

Der Ausblick aus einem der Zimmer der Pension Rudolph in Gaschurn. <span class="copyright">Hartinger</span>
Der Ausblick aus einem der Zimmer der Pension Rudolph in Gaschurn. Hartinger

Klein, aber fein

So ein bisschen kommt den Hämmerles jetzt auch ihre Bodenständigkeit zugute. Denn als sie im Frühjahr 2002 im Montafon sesshaft wurden, widerstanden sie der Verlockung, im großen Stil ein kostenintensives Gourmetlokal zu eröffnen. Was sie ob der Kochkünste von Hanno und den hohen eigenen Qualitätsansprüchen sehr wohl gekonnt hätten. Allein schon die Mehlspeis-Kreationen von Caterina sind ein Erlebnis für sich. Stattdessen übernahmen sie eben in Gaschurn die Pension Rudolph von Hannos Eltern, die zehn Zimmer und Platz für 28 Gäste bietet; bei einer Angestellten. Das macht die Fixkosten überschaubar.

Caterina Hämmerle serviert Kaffee. Am 19. Juni öffnet die Pension Rudolph wieder. <span class="copyright">Hartinger</span>
Caterina Hämmerle serviert Kaffee. Am 19. Juni öffnet die Pension Rudolph wieder. Hartinger

Am 19. Juni öffnen die Eltern der Snowboard-Asse wieder ihre Pension. Mit einem klaren Bild davon, was auf sie zukommt. „Wir sind nicht blauäugig. Viele Menschen mussten in den vergangenen Wochen ihren Urlaub konsumieren, sind arbeitslos geworden oder in Kurzarbeit. In so einer Situation können es sich die wenigsten leisten auf Urlaub zu fahren und noch weniger können ihren Urlaub Monate im Voraus planen“, sagt Hanno. „Aber“, setzt Caterina fort, „wenn die Menschen wieder reisen dürfen, werden sie nach all den Einschränkungen einen Tapetenwechsel wollen – und wenn es nur für ein paar Tage ist. Wir sind für unsere Stammgäste zu einem Stück Heimat geworden, nach der sie sich sehnen. Das ist viel wichtiger als Sterne oder Hauben.“ Hanno nickt. Beide lächeln.

Familie Hämmerle: Am Ende wird alles gut sein
Caterina und Hanno Hämmerle sind überzeugt: Am Ende wird alles gut sein. Hartinger

Chancen erkennen

Nein, für Pessimismus ist im Leben der Hämmerles kein Platz. Zumal die Buchungen im Sommer ohnehin immer viel kurzfristiger kämen als im Winter und die Sommersaison für sie nicht ganz so ausschlaggebend sei wie die Wintersaison. Und in einem halben Jahr, davon sind die beiden Pensionsbetreiber überzeugt, sieht die Welt schon anders aus.
„Das Gute an einer Wirtschaftskrise ist, dass nach jedem Absturz ein Aufschwung kommt. Das war immer so und das wird auch dieses Mal so sein“, betont Hanno. „Jetzt geht es darum, irgendwie diese schwere Zeit zu überstehen und trotz allem auch die Chancen zu erkennen. Denn Chancen gibt es immer.“ Frei nach John Lennon: Am Ende wird alles gut sein. Und wenn nicht alles gut ist, dann ist es nicht das Ende.

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