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Kritischste Phase der Vereinsgeschichte

30.05.2020 • 23:45 Uhr / 10 Minuten Lesezeit
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Christoph Längle in der heimischen Arena. hartinger 4

Christoph Längle (SCR Altach) über die wirtschaftliche Situation.

Am Dienstag startet Altach in Mattersburg nach der Pause wieder in die Bundesliga. Wie groß ist das Aufatmen, dass es endlich losgeht?
Christoph Längle: Aus dem Aufatmen ist bereits eine Anspannung geworden, weil es in den Meisterschaftsmodus geht. Das Aufatmen war vor zweieinhalb Wochen da, als das Okay gekommen ist. Das war ein großes Etappenziel. Das nächste Ziel ist es, positiv in die Meisterschaft zu starten und dass wir diese sportlich beenden können. Wir freuen uns auf den Start, auch wenn es nur Geisterspiele sind.

Geisterspiele als Notlösung

Wie groß ist der finanzielle Verlust durch Geisterspiele für Altach?
Längle: Fakt ist: Geisterspiele kosten. Uns fallen wesentliche Einnahmen wie Zuschauer, Catering, Fanartikel, Spieltagssponsoring, et cetera weg. Da kommt eine ordentliche Summe zusammen. Aber im Endeffekt sind Geisterspiele alternativlos. Die ganze Situation ist für die Bundesliga­klubs existenzbedrohend. Das ist nach wie vor der Fall. Durch die Spiele im TV sind wir noch nicht über den Berg. Es ist eine Notlösung, um den wirtschaftlichen Schaden zu minimieren. Nicht mehr und nicht weniger.

Wenn Sie von Existenzbedrohung sprechen: Inwiefern trifft dies auf den SCR Altach zu?
Längle: Derzeit sind wir bei den fünf oder sechs Klubs, die zu den gesünderen gehören. Die Bundesliga hat einen sogenannten Cash-Burn-Test durchgehführt, um die finanzielle Belastbarkeit der Klubs zu testen. Bei uns haben in der Vergangenheit immer die wirtschaftlichen Möglichkeiten die Rahmenbedingungen geschaffen. Die Wirtschaft steht vor dem Sport. Wir haben uns nie von sportlichen Zielen treiben lassen und uns nie übernommen. Wir haben immer versucht, nicht mehr auszugeben als wir einnehmen. Das hat in den vergangenen zehn Jahren nur einmal nicht funktioniert. Wir zählen also noch zu den Klubs, welche die Liquidität noch haben. Aber selbst mit Geis­terspielen wird es im Herbst eng, was die Liquidität betrifft. Andere Klubs sind aber weitaus schlechter gestellt.

Aber das bedeutet, dass die Situation auch für Altach prekär ist?
Längle: Die Lage ist, wie für die gesamte Bundesliga, auch für Altach prekär. Es gibt drei Klubs, die ohne Spiele bis in den Winter hineinkommen würden. Manche haben schon Probleme, über den Sommer hinweg zu kommen. Wir kämen noch in den Herbst hinein. Die Notlösung Geisterspiele hilft, um das Loch geringer zu halten. Aber dass das Geschäftsjahr im Minus enden wird, dazu muss man kein Prophet sein. Bis jetzt haben wir nur die Möglichkeit der Kurzarbeit. Ansonsten gibt es noch keine Ausfallsentschädigungen oder Fördermaßnahmen.

Lässt sich der wirtschaftliche Schaden durch die Corona-Krise bereits abschätzen?
Längle: Schwer, weil ich unter anderem nicht weiß, wieviele Punkte wir machen, und das ist beispielsweise eine Größe. Aber Stand heute wird es sicher im sechsstelligen Bereich sein. Es wird ein Maßnahmenpaket oder eine Unterstützung für den Berufssport geben. Aber ich weiß nicht in welcher Form oder Höhe. Daher tue ich mir schwer, die Dimension vom Minus abzuschätzen. Aber es wird über 100.000 sein, vielleicht auch im 200.000- bis 300.000-Bereich und vielleicht auch etwas höher. Aber es kann auch sein, dass es heißt, der Schaden wird in einem bestimmten Ausmaß ersetzt, dann fällt das Minus kleiner aus. Es ist derzeit vieles ungewiss.

Lage der Sponsoren

Die Berechnungen werden auch stark von den Sponsoren abhängen. Wie sieht dort die aktuelle Stimmungslage aus?
Längle: Am Anfang hatten wir eine Gesundheitskrise. Jetzt beschäftigt uns die Wirtschaftskrise. Unsere Sorge ist, ob daraus eine Sponsorenkrise wird. Grundsätzlich gehe ich aber nicht davon aus, da der Fußball wieder eine gewisse Präsenz hat und der Hunger danach groß ist. Die Unternehmen haben selbst mit der Situation zu kämpfen. Aber wir haben noch keine Signale vernommen, dass irgendjemand einen Rückzug anstrebt.

Besonders Hauptsponsor Cashpoint kommt in den Sinn, da weite Teile des Geschäftszweiges (unter anderem Sport- und Live-Wetten) komplett stillstanden. Wie sind die Gespräche?
Längle: Bei Cashpoint sind sie froh, dass der Spielbetrieb wieder aufgenommen wird. Damit springt ihr Geschäft auch wieder an. Ich gehe davon aus, dass die Partnerschaft weiter Bestand haben wird. Seit 2005 ist Cashpoint unser Hauptpartner.
Wie lange läuft der Vertrag noch?
Längle: Auf alle Fälle bis 2021. Aber klar, sie wissen auch noch nicht, welche Auswirkungen die Krise hat. Aber die Signale sind sehr positiv und gehen in Richtung Fortführung.

Wenn Einnahmen wegfallen, drängt sich die Frage nach Einsparungen auf. Wo ist das bei Altach der Fall?
Längle: Klar ist diese Frage latent. Der Transfermarkt wird eher nach unten gehen, was Ablösezahlungen betrifft. Ich glaube, dass heuer nicht allzu viel Bewegung da sein wird und dass Mannschaften ähnliche Kaderstrukturen haben werden. In der 90-jährigen Vereinsgeschichte ist dies sicherlich die kritischste Phase, in der wir uns momentan befinden. Wir haben wenig Planbarkeit und Sicherheit, da muss man natürlich nach Sparpotenzialen suchen. Das ist auch meine Verantwortung als Geschäftsführer.

Auflösung Juniors

Und wo liegen diese Sparpotenziale konkret?
Längle: Ein Sparpotenzial, das wir geortet haben, war die Auflösung der Juniors. Entgegen unseren ursprünglichen Plänen. Das tut im Herzen weh, aber vom Verstand her ist es notwendig. Jetzt haben wir eine Lösung gefunden, die ganz bestimmt nicht schlechter ist. Die Heranführung an den Profibereich war einfach schwer möglich. Der Gedanke war kein neuer, denn wir haben in den letzten Jahren bereits darüber geredet.

Diese Meldung schlug unter der Woche große Wellen. Können Sie nochmals die Gründe erläutern?
Längle: Für uns wird es auch leichter, überregionale Talente ins Land zu holen. Wir haben mit dem Campus und der Anlage professionelle Rahmenbedingungen, und nun haben wir ein Instrument (Kooperation mit FC Dornbirn, Anm.), diese Spieler bei einem Klub der zweiten Liga unterzubringen. Der Sprung in die Bundesliga ist gerade für junge Spieler enorm schwer. Die zweite Liga im Boot zu haben, macht daher Sinn. Und damit werden wir auch nicht mehr die Personalkosten haben wie im vergangenen Jahr. Der Kader bei den Profis wird zudem kleiner sein als aktuell.

Um es nochmals klarzustellen: Die Entscheidung zur Auflösung der Juniors hatte vornehmlich wirtschaftliche Gründe?
Längle: Wirtschaftliche, aber auch sportliche, weil wir in der bestehenden Form gesagt haben, dass es keinen Sinn macht.

Im Umfeld dürfte diese Entscheidung sicherlich für einige Unstimmigkeiten gesorgt haben.
Längle: Sicherlich. Wir haben Anrufe bekommen, von Leuten, die sagen: „Ich finde das logisch“ bis hin zu: „Ich verstehe es nicht“. Es sind auch keine Entscheidungen aus dem Bauch heraus. Aber ich glaube, wir sind lange genug in diesem Geschäft, dass wir wissen, wie und warum wir gewisse Entscheidungen treffen. Das Überraschende ist eher, dass wir vor kurzem noch von Professionalisierung gesprochen haben, aber da gab es die Krise noch nicht. War es primär eine wirtschaftliche Entscheidung? Da kann man Ja sagen.

In welcher Größenordnung schlägt die Einsparung zu Buche?
Längle: Auch wieder im sechsstelligen Bereich. Und unter einer halben Million. Die Gelder, die man sich für eine zweite Mannschaft einspart, brauchen wir aufgrund der Corona-Krise in anderen Bereichen. Wenn sich die Situation erholt, kann man diese Gelder auch gezielt für die 14- bis 18-Jährigen verwenden. Dort haben wir noch einen großen Aufholbedarf.

Was passiert mit dem Campusbereich, der für die Juniors vorgesehen war?
Längle: Man kann sicher sein, dass der nicht leer bleibt. Wir werden in der Zukunft sicher Verwendung dafür haben. Es gibt Ideen, die wir dann präsentieren werden.

Bundesligakonferenzen

Abschließend noch ein anderes Thema. Bei einer Klubkonferenz wurde gegen eine Aufstockung der Bundesligateams gestimmt. Rivale Austria Lustenau brachte einen Antrag für ein einheitliches Konzept der beiden Ligen ein, welches ebenfalls abgelehnt wurde. Diese Idee hat bei Altach für Unverständnis gesorgt. Warum?
Längle: Nur so viel dazu: Die Deutlichkeit, mit der der Antrag abgelehnt wurde, spricht für sich. Wir haben da viele Leerkilometer gemacht. Im Vorfeld über eine Aufstockung zu reden, hat sich jetzt als sinnlos erwiesen. Wir spielen fertig, und das ist gut so. Was den Antrag betrifft: Die Herren bei Lustenau sind beim Prozess 2016 über das Ligaformat gar nicht dabei gewesen. Das Ligaformat wurde laufend evaluiert. Bei den großen Klubs herrscht eine große Expertise. Wenn die von einem Zweitligisten in einem inhaltlosen Antrag infrage gestellt wird, bin ich über diese Vorgangsweise verwundert. Nicht einmal alle Zweitligaklubs haben dem zugestimmt. Diese Fragen, warum das so ist, sollte man sich auch stellen. Und dann noch die Erstligisten kritisieren, das hat keiner verstanden. Da kann sich jeder selbst eine Meinung bilden.