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“Wir sind zum Gehorsam erzogen worden”

30.05.2020 • 21:36 Uhr / 11 Minuten Lesezeit
Es gibt keinen Grund, Panik zu verbreiten, sagt Ulrich Gabriel.              <span class="copyright">Steurer</span>
Es gibt keinen Grund, Panik zu verbreiten, sagt Ulrich Gabriel. Steurer

Ulrich Gabriel (“Gaul”) erklärt, warum er die Corona-Maßnahmen kritisiert.

Sie haben in den vergangenen Wochen mehrmals Kritik an den Corona-Maßnahmen der Regierung geäußert. Warum?
Ulrich Gabriel: Kritik übe ich seit Beginn an. Obwohl viel Unwissenheit und Unsicherheit in Hinblick auf das Virus vorhanden ist, wurden Maßnahmen gesetzt, die ich als sehr autoritär empfinde. In Schweden etwa wird versucht, die Leute selbstverantwortlich handeln zu lassen. Hier gibt es eine Verordnungspolitik.

Die Zahl der Toten ist in Schweden aber um ein Vielfaches höher als in Österreich.
Gabriel: Das bezweifle ich. Man weiß ja nicht, wer tatsächlich an Covid-19 gestorben und wer nur damit, weil es größtenteils nicht erhoben wird. Es kann sein, dass Schweden eine höhere Todesrate hat, aber die Maßnahmen werden vom Volk mitgetragen.

Das heißt, für eine breitere Mitbestimmung sollen auch mehr Tote in Kauf genommen werden?
Gabriel: Das ist ja nicht von vornherein ein tödliches Virus. In Österreich gibt es ein paar hundert Infizierte. Das ist lächerlich. Die Kollateralschäden sind enorm, auch das sind Tote. Die kommen erst.

Aber die Zahlen waren schon viel höher …
Gabriel: Sie waren höher. Aber es sind ganz wenige gestorben. Es gibt keinen Grund, Panik und Angst zu verbreiten, wie es die Regierung macht. Die Maskenverordnung halte ich für das Ärgste. Die Maske gehört sofort komplett abgeschafft, weil sie nichts bringt. Wenn das Volk Angst hat, tendiert es zu einem Ansager, und so kann man sich über Angstverbreitung auch Macht erhalten. Das würde ich hier schon ein bisschen unterstellen.

Die niedrigen Todeszahlen in Österreich dürften aber ein Ergebnis der Maßnahmen sein.
Gabriel: Das mag schon sein. Aber in Deutschland etwa wird der Regierung von Kritikern vorgeworfen, dass die Maßnahmen erst eingesetzt haben, als die Infektionskurve ohnedies schon am Abflachen war. Dazu kommt, dass hierzulande eine offene Auseinandersetzung unterdrückt wird, indem große Medien mit der Regierung gleichgeschaltet sind. Experten, die anderer Meinung sind, werden unterdrückt.

Ist es sinnvoll, dass zunächst die Bevölkerung über derart wichtige Maßnahmen bzw. komplexe Themen diskutiert, bei denen sich auch Experten nicht einig sind?
Gabriel: Warum sollte genau die Meinung, die jetzt von den Sprechautomaten der Regierung einseitig propagiert wird, die richtige sein? Es scheint so, als ob es im deutschsprachigen Raum einen großen Virologen gibt, den Deutschen Christian Drosten, der ständig wie ein Star präsentiert wird. Aber es gibt auch andere hervorragende Virologen. Dass dann viele glauben, dass da was anderes dahintersteckt, erstaunt mich nicht. Und davon auszugehen, dass die große Masse von vornherein zu blöd ist, ist ein Standpunkt, den man in einer aufgeklärten Gesellschaft nicht haben darf.

Wie soll die Bevölkerung einbezogen werden?
Gabriel: Man muss sie mit den verschiedenen Meinungen konfrontieren. Und noch was: Dass sich die Regierung als Retter des Lebens aufspielt, ist angesichts der Flüchtlingskinder in Griechenland, wo Österreich nicht bereit ist, auch nur ein Kind aufzunehmen, ein Hohn. Am ärgsten finde ich, dass die Grünen da mitspielen.

Sie gehören altersmäßg zur Risikogruppe. Sie haben also nicht das Gefühl, dass man Sie schützen will?
Gabriel: Mich schützen? Ich weiß nicht, wieso mich die Regierung schützen soll. Mir kommt diese Regierung auch in der Inszenierung der Pressekonferenzen wie ein Aufmarsch von gedrillten Firmlingen vor, die in Wirklichkeit gar nichts bestätigt wissen.

Muss nicht trotzdem gehandelt werden?
Gabriel: Man muss die Leute informieren. Österreich ist keine offene, sondern inzwischen eine geschlossene Gesellschaft. Demokratiepolitisch ist das schlimm, und dagegen muss man aufstehen. Es wurde ja auch nie wirklich begründet, warum bestimmte Maßnahmen gesetzt werden. In Österreich gibt es einen Meter Abstand, in Deutschland eineinhalb, in Spanien zwei. Das ist ein Zeichen, dass niemand weiß, was wirklich ist.

Die Demonstranten gegen die Maßnahmen setzen sich teilweise aus Rechtsradikalen, Antisemiten und Verschwörungstheoretikern zusammen. Haben Sie keine Probleme mit diesem Umfeld?
Gabriel: Überhaupt nicht. Auf diese Weise werden die Demonstranten nämlich von den Medien stigmatisiert. Ich finde das eine Schweinerei. Wer bei der Demo in Bregenz war, weiß, dass das eine grobe Beleidigung dieser Leute ist. So wird versucht, die, die nachdenken und aufstehen, von vornherein klein und nieder zu machen.

In Wien war etwa Identitären-Chef Martin Sellner bei Demos.
Gabriel: Der Sellner gehört ja mehr oder weniger zur österreichischen Gesellschaft dazu. Aber wenn irgendwo einer dabei ist, sind es gleich alle. In Bregenz waren 500 oder noch mehr Menschen, ganz normale Leute. Alle in dasselbe Eck zu stellen, finde ich unmöglich. Ich habe das Gefühl, es gibt ein Covid-19-Regime, das eine Meinung über das Innenministerium durchzieht, und da kriege ich schon Probleme. Es kann, wie wir aus der Geschichte wissen, sehr schnell gehen, dass ein autoritäres System installiert wird.

Haben Sie ernsthaft Angst, dass es in Österreich zu einem autoritären Regime kommt?
Gabriel: Ja, die Angst habe ich permanent. Der Überwachungsstaat ist ja schon da. Man sieht ja jetzt schon, wie viel Angst in der Bevölkerung da ist. Es muss jeder Regierung misstraut werden, und ich misstraue diesen Leuten, die jetzt dran sind, sehr.

Ist die österreichische Bevölkerung obrigkeitsgläubiger als andere?
Gabriel: Das spielt sicher eine Rolle. In Österreich gab es lange eine Monarchie, und das ist ein autoritäres Staatswesen. Dann kamen der Erste Weltkrieg, Hitler und die Nachkriegszeit, dann der Kalte Krieg mit der McCarthy-Ära. Österreich wird vermutlich wirklich am besten durch den Herrn Karl vom Qualtinger beschrieben. Das Volk passt sich an, weil es Angst um sein Wohlergehen hat und gehorcht, weil es nur das Autoritäre gewohnt ist.

Gibt es Unterschiede zwischen Wienern und Vorarlbergern?
Gabriel: Als Zeichen der Wehrhaftigkeit der Vorarlberger wird immer die Fußach-Affäre genannt, wobei das auch eine zum Teil medial gesteuerte Aktion war. Ich halte es heute für ganz wichtig, wesentlich mehr Bildungspolitik zu machen, damit die Leute auch die großen Möglichkeiten, die sie etwa mit dem Internet haben, nutzen können. Ich staune auch, wie viel kreativer Humor täglich in den Social Media auftaucht. Humor ist wichtig. Zudem bin ich überzeugt, dass es viel mehr Gegner dieser Maßnahmen beziehungsweise der Dauer gibt, als sich äußern. Die Leute sagen nichts.

Warum?
Gabriel: Weil sie Angst haben.

Vor wem oder was?
Gabriel: Sie haben Angst, das sie Nachteile haben, in der Firma, in der Schule …. Das sind alles hierarchische Systeme. Da muss man mittun. Wir sind nicht zur kritischen Auseinandersetzung erzogen worden. Wir sind immer zum Gehorchen erzogen worden. Unsere Regierung ist nicht jung, sondern altvaterisch.

Wie finden Sie die Landesregierung in Sachen Corona?
Gabriel: Ganz lieb. Die haben alles ordentlich und brav gemacht. Aber was die Landesregierung sagt, ist die Meinung von Kurz. Ich hätte mir erwartet, dass der Landeshauptmann viel früher verlangt hätte, die Pandemie regional zu behandeln. Das ist ja erst jetzt ein Thema.

Was wäre dann Ihrer Meinung nach der richtige Weg, um mit dieser Pandemie umzugehen?
Gabriel: Sofort Aufklärung und keine Maßnahmen, bevor nicht wissenschaftlich erweisen ist, was dieses Virus bewirkt …

Dann dürfte es wahrscheinlich lange keine Maßnahmen geben.
Gabriel: Das kann sein. Aber es hat sich ja wie gesagt auch gezeigt, dass es kein todbringendes Virus ist.

Dafür gibt es aber viele Tote.
Gabriel: Es wurden in den Medien immer Bilder aus Italien, Spanien, später England und Amerika gezeigt und daneben der Kurz mit der Feststellung, wie gut Österreich ist. Über die gezielte Auswahl der Nachrichten macht man Meinung. Ich traue auch den Redaktionen in ihrer Unabhängigkeit nicht. Bei uns hat es an wirklicher Auseinandersetzung und Aufklärung gefehlt, und das tut es bis heute. Wenn Kritiker von einer Regierung nicht offiziell zugelassen werden, dann ist das eine autoritäre Maßnahme. Den Weg Schwedens halte ich schon für sehr interessant. Da vertraut die Regierung dem Volk und sagt, bitte schaut selber auf euch.

Mit dem Ergebnis zahlreicher Todesfälle.
Gabriel: Wie diese Todeszahlen zustande gekommen sind, kann ich wie gesagt nicht beurteilen. Es wird überall sehr schnell geurteilt, auch bei den Vergleichszahlen. Bis heute ist offenbar nicht klar, ob europaweit übers Jahr gerechnet überhaupt mehr Todesfälle zustande kommen als bisher. Anscheinend ist es bisher gleichgeblieben, oder es sind sogar weniger geworden.

Es gibt aber Zahlen, die eine Übersterblichkeit belegen.
Gabriel: Alle kennen andere Zahlen.

Aber die Bilder aus Italien waren doch real, oder?
Gabriel: Die waren sicher real, aber es ist genauso real, dass von anderen Wissenschaftlern argumentiert wird, dass es in Italien und Spanien fast in jedem Jahr zahlreiche Grippetote gibt und die dortigen Gesundheitssysteme wesentlich weniger ausgebaut sind als in Deutschland und Österreich. Aber ich halte es für kühn zu sagen, wir haben es geschafft, dass es nicht so wird wie in Italien. Damit kann man sich natürlich endlos rechtfertigen. Derzeit sind viel zu wenig Zahlen da, um konkrete Aussagen zu machen. Daher sollte man die Bevölkerung ernst nehmen, gut informieren und sie selbstverantwortlich entscheiden lassen.