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Miteinander ist kein Selbstläufer

04.06.2020 • 06:00 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Caritas-Freiwillige leisteten soviel Einsatzstunden wie 63 Vollzeitangestellte. <span class="copyright">Caritas Vorarlberg</span>
Caritas-Freiwillige leisteten soviel Einsatzstunden wie 63 Vollzeitangestellte. Caritas Vorarlberg

Caritas Vorarlberg übt Kritik am Entwurf für Sozialhilfegesetz.

Auf das vergangene Jahr blickte am Mittwoch bei einem Pressegespräch Walter Schmolly, Direktor der Caritas Vorarlberg, zurück. Anlass für das Gespräch im Caritashaus in Feldkirch war die Präsentation des „Wirkungsberichts 2019“.
Aus diesem gehe hervor, dass 2019 von einer durchaus herausfordernden Gesamtsituation geprägt gewesen war. „Unterm Strich bleibt für 2019 – bei aller Sparsamkeit – ein Abgang 252.000 Euro“, so Schmolly. Bezüglich der Finanzierungsstruktur habe sich nicht zu viel verändert. Die Caritas finanziere sich nach wie vor zu einem sehr hohen Anteil aus Spenden und Eigenerwirtschaftungen. Gemäß Schmolly liegen die Einnahmen aus diesen Bereichen bei 27 Prozent. 19 Prozent der Geldmittel stammten aus Subventionen der öffentlichen Hand und der Diözese Feldkirch, weitere 52 Prozent seien Entgelte für Dienstleistungen, die im Auftrag der öffentlichen Hand erfüllt würden. Gemäß Schmolly kommen von einer Spende von 100 Euro knapp 94 Prozent unmittelbar dem Spendenzweck zugute.
Neben einer wirtschaftlichen Bilanz, zog Schmolly auch eine inhaltliche. Denn gemäß seinen Angaben lässt sich die Wirkung einer Hilfsorganisation unter verschiedenen Überschriften darstellen. „Daher stand 2019 unter den Titel 365 Tage im Einsatz für das Miteinander“, so Schmolly. Denn für ein solides Fundament der Gesellschaft sei es unabdingbar, dass gut auf dieses Miteinander geachtet werde. Sei das nicht der Fall, sei alles nur auf Sand gebaut. Gerade die Corona-Pandemie habe deutlich aufgezeigt, wie wichtig das Miteinander sei. Denn eine Krise sei immer auch „ein Brennglas, unter dem sich das Wichtige vom weniger Wichten scheidet“, so Schmolly.

Caritas-Direktor Walter Schmolly. <span class="copyright">Oliver Lerch</span>
Caritas-Direktor Walter Schmolly. Oliver Lerch

Kein Selbstläufer

Jedoch sei dieses Miteinander kein Selbstläufer. Vielmehr brauche es das Wollen und Tun vieler Menschen. Dazu Schmolly: „In Vorarlberg hat dieses Miteinander glücklicherweise einen gut gepflegten und bereiteten Boden – aber der muss bewirtschaftet werden.“ Laut Schmolly haben im vergangen Jahr 892 Caritas-Freiwillige über 101.654 Einsatzstunden geleistet. Das entspreche der Arbeit von 63 Vollzeitangestellten.
Neben dem freiwilligen Engagement brauche es aber auch hauptamtliche Sozialdienstangestellte. Und hier sei das Tätigkeitsfeld der karitativen Einrichtung äußerst facettenreich.

„In Vorarlberg hat dieses Miteinander glücklicherweise einen gut gepflegten und bereiteten Boden – aber der muss bewirtschaftet werden.“

Walter Schmolly, Direktor der Caritas Vorarlberg

Für ein funktionierendes Miteinander bedürfe es weiters einer entsprechenden Wertebasis. Daher habe die karitative Einrichtung 2019 zwei Aspekte verstärkt ins Zentrum gerückt, deren Bedeutung durch die Corona-Krise jetzt nochmals verstärkt worden seien. „Zum einen den Wert der Chancengerechtigkeit für alle Kinder und zum anderen die globale Fairness beim Essenskonsum“, so Schmolly.
Die dritte Ebene, welche für ein gutes Miteinander vonnöten sei, bestünde in entsprechende Rahmenbedingungen. Für Schmolly gehören dazu neben einem krisenfesten Sozialstaat, vor allem Orte und Formate des Dialogs. Dafür entwickle die Caritas mit dem „WirkRaum Miteinander“ derzeit einen speziellen Raum.

Vier Zahlen aus 2019

Die Caritas hat im vergangenen Jahr 2575 Haushalte mit 5464 Menschen in existenziellen Nöten aufgefangen.

691 am Arbeitsmarkt benachteiligte Menschen konnten in diversen Projekten gestärkt und gefördert werden.

1385 Personen mit Suchtproblemen und -erkrankungen wurden begleitet.

1317 Personen wurden durch die Caritas-Hospizarbeit in ihrer letzten Lebensphase begleitet.

Zukunftsperspektive

Im Rahmen des Gesprächs lenkte Schmolly den Blick auch auf die Gegenwart. Schließlich würden gerade die Auswirkungen der Corona-Pandemie auch an der Caritas nicht spurlos vorbei gehen. „Wir wissen aus unserem täglichen Einsatz, was Menschen in einer solchen Krise belastet, was sie brauchen, was ihnen hilft. Letztendlich geht es um zwei große Themen: Die soziale Absicherung und um Zukunftsperspektive“, so der Direktor.
Mit Blick auf diese zwei Themen und die kommenden Monate liegen Walter Schmolly derzeit zwei Anliegen besonders am Herzen. Zum einen gebe es eine gar nicht so kleine Gruppe von Heranwachsenden, welche von der Pandemie besonders hart getroffen worden sind. „Mehrere Studien zeigen, dass durch das ,home schooling‘ die Chancenungleichheit deutlich angestiegen ist. Bezüglich des Arbeitsmarkts zeigen Prognosen, dass Jugendliche von der Corona-bedingten Arbeitslosigkeit überdurchschnittlich betroffen sind.“ Anlass für Schmolly die gesamte Bevölkerung in die Pflicht zu nehmen: „Wir müssen alle dafür Verantwortung übernehmen, dass diese Jugendlichen nun nicht auf der Strecke bleiben. Das kann nur in einem gesamtgesellschaftlichen Kraftakt gelingen.“ Daher werde die Caritas in einem ersten Schritt ihre Lerncafes aufstocken. Aber auch die Plätze in den niederschwelligen Jugendarbeitsprojekten sollen um 25 Prozent aufgestockt werden, kündigte Schmolly an. Weiters sollen Familien, die von Einkommensverlusten aufgrund von Kurzarbeit oder Jobverlust in existenzielle Nöte geraten sind, von der Caritas finanzielle Unterstützung erfahren.

Im Hospiz am See werden Menschen auf ihrem letzten Lebensweg begleitet. <span class="copyright">Klaus Hartinger</span>
Im Hospiz am See werden Menschen auf ihrem letzten Lebensweg begleitet. Klaus Hartinger

Gleich viel wert

Das zweite Anliegen, welches Schmolly derzeit am Herzen liegt, betrifft die Mindestsicherung. „Mit Blick auf den vorliegenden Entwurf für ein neues Vorarlberger Sozialhilfegesetz ist einzumahnen, dass jedes Kind in einer Familie dem Land gleich viel wert sein soll und dass auch jeder Mensch mit legalem Aufenthaltsrecht im Land gleich viel wert ist. Daher muss der Entwurf dringend angepasst werden“, appellierte Walter Schmolly Richtung Politik.