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Warum sterben Männer häufiger als Frauen?

08.06.2020 • 18:13 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Warum sterben Männer häufiger als Frauen?
Warum sterben Männer häufiger als Frauen? AFP

Männer werden schwerer krank und sterben auch häufiger am Coronavirus.

Männer erkranken schwerer an Covid-19 und sterben häufiger an der Erkrankung: Das ist eine universelle Beobachtung dieser Pandemie. Zahlen der Weltgesundheitsorganisation WHO zeigen, dass 58 Prozent alle Todesfälle durch Covid-19 Männer betrafen. Die Statistik für Österreich zeichnet ein beinahe identisches Bild: 57 Prozent der Covid-Toten in Österreich waren Männer, und das, obwohl unter den positiv Getesteten Frauen knapp die Mehrheit ausmachen.

Das deckt sich auch mit einer chinesischen Studie, die zum Schluss kam, dass sich Frauen und Männer zwar gleich häufig mit dem neuartigen Virus anstecken – in Österreich verteilen sich die positiv Getesteten so: 51 Prozent Frauen, 49 Prozent Männer – Männer aber ein höheres Risiko dafür haben, schwerer zu erkranken und zu versterben.

Frauen haben ein besseres Immunsystem

Woran liegt das? „Ganz genau wissen wir das leider nicht“, sagt Alexandra Kautzky-Willer, Professorin für Gendermedizin an der Med Uni Wien. Es sei aber generell so, dass Frauen Virusinfektionen besser überstehen als Männer – das wisse man nicht nur von der Influenza, sondern auch von den „Vorgängerviren“, des neuartigen Coronavirus, die zu den SARS- und MERS-Ausbrüchen geführt haben. „Auch bei diesen Epidemien sind mehr Männer verstorben“, sagt Kautzky-Willer.

Alexandra Kautzky-Willer, Professorin für Gendermedizin an der Med Uni Wien
Alexandra Kautzky-Willer, Professorin für Gendermedizin an der Med Uni WienSonstiges

Erwiesen ist auch: Frauen haben ein besseres Immunsystem. „Sowohl dass angeborene als auch das erworbene Immunsystem funktionieren besser“, sagt Kautzky-Willer – so hätten Frauen eine stärkere Antikörperbildung. Erklären lässt sich das unter anderem dadurch, dass Gene, die das Immunsystem steuern, auf dem X-Chromosom liegen – und davon haben Frauen bekanntermaßen zwei.

Aber auch das Sexualhormon Östrogen spielt mit: „Östrogen wirkt immunstimulierend, während das männliche Testosteron das Immunsystem eher unterdrückt.“ So habe man auch herausgefunden, dass es den sprichwörtlichen Männerschnupfen tatsächlich gibt: Schnupfenviren vermehren sich bei Männern schneller und richten mehr Schaden an – Erkältungen können bei Männern daher schwerer verlaufen, da ihr Immunsystem weniger stark reagiert als jenes von Frauen.

Immunsystem und Impfungen

Dieser Effekt hat auch Einfluss darauf, wie gut Impfungen bei Männern wirken: Forscher der Stanford University untersuchten das Blut von Männern und Frauen nach einer Grippeimpfung. Es zeigte sich: Frauen hatten nach der Impfung mehr Antikörper gegen Grippeviren im Blut als Männer – das weibliche Immunsystem hatte besser auf die Impfung reagiert.

Was speziell bei SARS-CoV-2 jedoch dazu kommt: Der ACE2-Rezeptor, den das Virus als Eintrittstor in unseren Körper nutzt, kommt bei Männern häufiger vor als bei Frauen. „Das wurde im Tierversuch und experimentell gezeigt“, sagt Kautzky-Willer. Mehr ACE2-Rezeptoren bedeuten auch mehr Andockstellen für das Virus – das könnte den Krankheitsverlauf negativ beeinflussen.

Laut der Expertin gibt es also einige biologische Erklärungsansätze für den schlechteren Verlauf bei Männern – aber auch der Lebensstil könnten mitspielen. „Männer haben häufiger schon in jüngeren Jahren Vorerkrankungen wie Diabetes, Herz- oder Lungenkrankheiten“, sagt Kautzky-Willer. „Und auch Übergewicht, das ja ebenfalls als großer Risikofaktor für eine schwere Covid-19-Erkrankung gilt, trifft jüngere Männer häufiger.“

Kautzky-Willer blickt aber auch über die Pandemie hinaus – und zeigt auf, dass die sogenannten Kollateralschäden der Krise Frauen viel stärker treffen könnten. „Jobverlust, prekäre Arbeitssituationen, posttraumatische Depressionen – all das könnte Frauen stärker treffen als Männer“, sagt Kautzky-Willer – die Unterschiede der Geschlechter reichen damit weit über die Erkrankung Covid-19 hinaus.