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Pop-Up Kirche im Alpengasthof

14.06.2020 • 10:00 Uhr / 8 Minuten Lesezeit
Pop-Up Kirche im Alpengasthof
Der Gottesdienst beginnt. Stiplovsek

Die Sommerkirche soll eine Alternative zu Gottesdiensten sein.

Es ist ein verregneter und grauer Sommernachmittag. Der Vorabend zum Fronleichnamsfest. An der Talstation der Muttersbergseilbahn in Bludenz treffen die ersten Gäste ein. Der Parkplatz füllt sich langsam. Ein roter Teppich wird ausgerollt. Auf ihm ist in großen, weißen Lettern zu lesen: „Was suchst du hier?“ Diese Frage bleibt vorerst noch unbeantwortet. Nur so viel ist klar:  Es ist der Startschuss zur so genannten Sommerkirche der Katholische Kirche Vorarlbergs.

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Pastoralamtsleiter Martin Fenkhart in der Gondel. Stiplovsek

Pastoralamtsleiter Martin Fenkart, einer der Initiatoren der Sommerkirche, erzählt der NEUEN am Sonntag beim Hinauffahren in der Gondel, wie es dazu gekommen ist: „Die Corona-Krise hat uns ordentlich herausgefordert. Und wir haben uns gefragt, wie wir wieder vermehrt mit den Menschen in Beziehung treten können.“  Und so wurde die Sommerkirche erfunden. „Wir verlagern die Begegnung und den Kontakt und das Gebet nach draußen.“ Er schaut durch die verregnete und beschlagene Scheibe der Gondel und ergänzt lachend: „Heute Abend werden wir aber trotzdem drinnen sein müssen.“

Pop-Up Kirche im Alpengasthof
In der Gaststube am Muttersberg ist alles bereit für den Gottesdienst. Stiplovsek

Generell sind die Menschen noch vorsichtig beim Kirchgang. Deshalb sei es auch so wichtig, durch andere, alternative Angebote wie das Pilgern oder in die Natur hinausgehen, deutlich zu machen, dass Kirche nicht nur im Gotteshausstadt finden kann. „Die Kirche ist einfach schon sehr stark auf Gemeinschaft und Kontakt ausgerichtet. Und so mussten wir erfinderisch werden“, ergänzt Fenkhart. Es gebe einen Nachholbedarf an Nähe und Gemeinschaft. Das habe er in den letzten Wochen sehr stark gespürt.

Junges Publikum ansprechen.

„Diese Art der Kirche, die wir hier betreiben und versuchen neu zu definieren, die poppt einfach auf, spontan und dort wo man nicht sofort mit ihr rechnet.“ Das soll natürlich unter anderem auch ein jugendliches Zielpublikum ansprechen. „Wir brauchen diesen spontanen Dialog außerhalb der Gotteshäuser. Das braucht die Gesellschaft. Das brauchen die Menschen und das braucht auch die Kirche.“ Neben dem Kick-Off am Muttersberg wird die Sommerkirche die unterschiedlichsten Veranstaltungen anbieten. Zum Beispiel diverse Almgottesdienste oder Kräuterwanderungen. „Wir werden auch die verschiedensten Pilgerwege in Vorarlberg vorstellen und bewandern. Da gibt es einiges zu entdecken. In Bregenz wird es zudem Kirchenführungen geben. Und es kommen auch laufend neue Veranstaltungen der einzelnen Pfarren dazu.“

Der Regen prasselt fester an die Plexiglasscheibe der Gondel. Langsam erscheinen in der Ferne die Umrisse das Alpengasthofs aus der Nebelsuppe. Geplant war ein Abendgebet bei Sonnenuntergang auf der Terrasse, des Berggasthofs. „Der findet schon statt, aber halt hinter den Wolken“, lächelt der Pastoralamtsleiter, um dann zu ergänzen: „Im Sommer scheint die Sonne immer, nur man sieht sie nicht immer.“


1401 Meter Seehöhe

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Die verregnete Sonnenterasse des Alpengasthofs am Muttersberg. Stiplovsek

Die Türe der Gondel öffnet sich. Nach etwa 10 Minuten Fahrt ist man oben am Berg, auf 1401 Meter Seehöhe, angekommen. Vor dem massiven Holzbau des großen Gasthauses versuchen ein paar Jugendliche trotz des strömenden Regens ein Feuer in einer Feuerschale am Leben zu halten. Nach dem Eintreten wird ein alkoholfreies Begrüßungsgetränk gereicht. Ein Beerencocktail mit Minze, der Lust auf Sommer machen soll. Es sind schon einige Menschen aller Altersgruppen da. Im Gastraum ist ein Altar aufgebaut. Man hört leise Musik, die zwischen Instrumente stimmen und sich Einspielen hin und her pendelt. 

Pop-Up Kirche im Alpengasthof
Leonhard Manahl aus Bludenz.

Leonhard Manahl kommt aus Bludenz und hat heute auch den Weg auf den Muttersberg gefunden. „Ich bin mit der Kirche verbunden und ehrenamtlich tätig. Ich glaub, dass solche Aktionen wichtig sind.“ Für ihn ist die Sommerkirche primär ein zusätzliches Angebot zu den normalen Gottesdiensten. „Und vielleicht schaffen wir es ja auch mit solchen Veranstaltungen, den einen oder die andere neu in unserer Gemeinschaft begrüßen zu dürfen“.

Pop-Up Kirche im Alpengasthof
Auch für die musikalische Umrahmung ist gesorgt. Stiplovsek

Mehr und mehr Besucher treffen ein. Unter ihnen auch der Bürgermeister. Kinder springen zwischen der Erwachsenen herum. Gespräche werden geführt. Ein gleichbleibender Geräusch-Pegel erfüllt den Empfangsraum. Einige haben sich schon in der bestuhlten Gaststube niedergelassen. Sabrina Bichler ist mit ihrer Mutter auf den Berg gekommen. Sie sei einfach neugierig gewesen: „Mir hat das eine Bekannte per Whats-App geschickt, und dann habe ich mir gedacht, dass schau ich mir an,“ erzählt die junge Frau. Konkrete Erwartungen habe sie keine und in die Kirche gehe sie auch selten. Das sei aber nicht Corona bedingt. Aber: „Ich find das hier mal etwas Anderes, was Neues. Das interessiert mich schon.“

Pilgern in Vorarlberg

 Eine Frau verteilt Segens- und Gebetskärtchen. Sie heisst Manuela Gangl und ist aus Dornbirn. Frau Gangl hat dieses Zusammenkommen heute mitorganisiert. „Das Miteinander und die Gemeinschaft soll heute im Mittelpunkt stehen. Es ist einfach schön, dass das wieder möglich ist.“ Leider spiele das Wetter nicht mit. Sie habe sich schon auf den schönen Ausblick und den Sonnenuntergang gefreut. „Wenn man da rausschaut ist es als ob man in eine Waschmaschine schaut. Aber das ist halt auch Sommer. Da gibt es Regen- und Sonnentage.“ Man wolle den Menschen zeigen, wo man Gott überall treffen kann. Eben auch in der Natur, auf dem Berg oder auch hier im Alpen-Gasthof. Zudem wolle man die Menschen dazu motivieren, vermehrt über den Tellerrand der Ortsgrenzen hinaus zu schauen. Um neue Orte im Ländle kennen zu lernen. „Wir haben das Gefühl, dass die Menschen in diesem Sommer nicht so viel wegfahren werden. Und da bietet die Sommerkirche eine schöne Alternative.“  Vor allem freue sie sich schon sehr auf das Pilgern. „Ich habe bis vor kurzem nicht gewusst, dass Teile des Jakobsweges durch Vorarlberg gehen.“ Das sei ihr persönliches Aha-Erlebnis gewesen. 

Weihrauch statt Bier.

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Weihrauch statt Bier in der Wirtsstube. Stiplovsek

Mittlerweile sind es etwas mehr als 100 Menschen, die am Muttersberg zusammengefunden haben. Es wird langsam stiller und stiller. Die Meisten suchen jetzt einen Platz in der Gaststube. Die Ministranten besprechen die letzten Ablaufplänen. Der Duft von Weihrauch durchströmt den massiven Holzbau. Bevor die Andacht beginnt weist der Generalvikar noch kurz auf die Abstandsregeln hin. Und wenige Minute später ertönt die Musik und die Priester ziehen mit den Ministranten ein. Der Weihrauchduft wird intensiver. Wo gestern noch Bierkrüge und Alpinromantik vorherrschend waren, findet an diesem Abend ein spezielles Kontrastprogramm statt. „Gottes Wort ist wie Licht in der Nacht. Es hat Hoffnung und Zukunft gebracht“, singt die Pop-Up-Kirchen-Gemeinde hoch über der Alpenstadt Bludenz. Und während der ersten Fürbitten, legt sich die Dunkelheit über den nebelverhangenen Muttersberg. Beim Blick aus dem Fenster des Alpengasthofs sieht man immer wieder eine gespenstische Gondel aus dem Nichts auftauchen um dann schnell und lautlos im Dunkelgrau zu verschwinden.  

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