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“Wir brauchen dringend Geld!”

19.06.2020 • 17:48 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Der Verein "Netz für Kinder" setzt sich seit 24 Jahren für benachteiligte Kinder ein.<span class="copyright"> Netz für Kinder/Dietmar Mathis</span>
Der Verein "Netz für Kinder" setzt sich seit 24 Jahren für benachteiligte Kinder ein. Netz für Kinder/Dietmar Mathis

“Netz für Kinder” beklagt Spendeneinbruch.

Über die aus ihrer Sicht folgenschweren Auswirkungen der Coronakrise auf Kinder benachteiligter beziehungsweise armutsgefährdeter Familien und die derzeitige finanzielle Situation ihres Vereins, informierten am Freitag im Rahmen eines Pressgespräches in Bregenz Vertreter von „Netz für Kinder“. Der private Verein – welcher sich gemäß eigenen Angaben rein aus Spenden finanziert und keine Fördergelder erhält – setzt sich seit 24 Jahren für benachteiligte Kinder ein. Vereinsobmann Hubert Löffler, Geschäftsführerin Christine Wiesenegger und Conny Amann, unter anderem zuständig für Fundraising, zeichneten dem gestrigen Wetter entsprechend ein getrübtes Bild. Löffler erklärte: „Wir gehen ganz bewusst an die Öffentlichkeit. Denn wir haben aufgrund der Coronakrise die große Befürchtung, dass die von uns betreuten Kinder und Jugendlichen jetzt durch den Rost fallen könnten. Und das möchten wir verhindern.“

Prekäre Situation

Vereinsobmann Löffler gab in diesem Zusammenhang zu bedenken, dass die vom Verein betreuten Familien oft armutsgefährdet seien, meistens in beengten Wohnverhältnissen leben würden und die Eltern oftmals einen niedrigen Bildungsstand hätten oder alleinerziehend seien. Hinzu kämen jetzt finanzielle Einbußen aufgrund von coronabedingter Kurzarbeit oder gar Arbeitslosigkeit.  Ebenfalls sei in den vergangenen Wochen der Schutz der Kinder nur schwer zu gewährleisten gewesen. „Man konnte ja nicht zu den Familien“, so Löffler.

Conny Amann, Hubert Löffler und ChristineWiesenegger (v.l.) informierten über die aktuelle Situation. <span class="copyright">Netz für Kinder/Dietmar Mathis</span>
Conny Amann, Hubert Löffler und ChristineWiesenegger (v.l.) informierten über die aktuelle Situation. Netz für Kinder/Dietmar Mathis

Kein Aufatmen

Dabei hätten die Lockerungsmaßnahmen für den Verein das sehnsüchtig Erwartete Aufatmen bislang noch nicht mit sich gebracht. Eher das Gegenteil sei der Fall: „Wir befürchten, dass es in den kommenden Monaten sogar noch schlimmer, noch dramatischer werden könnte. Wie soll es etwa funktionieren, dass junge Leute aus benachteiligten Familien gerade jetzt, wo es kaum Arbeit gibt, eine Arbeit oder Lehrstelle finden sollen?“, fragte Löffler rhetorisch.

Information

Netz für Kinder

Der private Verein Netz für Kinder wurde vor 24 Jahren von Hubert Löffler und Franz Abbrederis aus der Taufe gehoben. Der Verein unterstützt Kinder in schwierigen familiären Situationen, vor allem über die Projekte „Sozialpädagogische Kindergruppen“, „Ehrenamt“ und „talENTE.mobil“

Adresse:

Netz für Kinder, Am Steinebach 18, 6050 Dornbirn

Telefon:

0664/200 36 37

Webiste:

www.netz-fuer-kinder.at

Spendenkonto:

IBAN: AT98 5800 0122 6172 9111

BIC: HYPVAT2B

Er befürchte zudem, dass viele Menschen in die neue Sozialhilfe abrutschen werden, so Löffler weiter. Gemäß seinen Angaben ist der Bedarf an Mindestsicherung in den vergangenen Wochen bereits um zehn bis 20 Prozent gestiegen. Löffler rechnete gestern sogar mit einem Anstieg von bis zu 50 Prozent. „Es ist eine Art zweite Welle, eine wirtschaftliche Welle, die jetzt anrollt. Und diese wollen wir verhindern“, sagte der Vereinsobmann. Für ihn sei daher völlig unverständlich, dass gerade jetzt eine Diskussion darüber ausbreche, wie der Sozialbereich in Zukunft finanziert werden solle. „Da stehen Zahlen in Raum, wonach im Sozialbereich bis zu fünf Prozent der Gelder eingespart werden sollen“, ärgerte sich Löffler. Für ihn klinge dies so, als „wenn ein Feuerwehrmann sagt: ‚Jetzt steigen die Flammen ganz hoch, jetzt müssen wir das Löschwasser einsparen.‘“ Aus seiner Sicht sei dies jedoch genau der falsche Weg. Denn gerade, wenn die Zeiten schwieriger werden, dürfe nicht eingespart, sondern müsse investiert werden.

Wie prekär die Lage derzeit sei, würden auch Zahlen der Statistik Austria aus dem Jahr 2019 zeigen. Gemäß diesen liege die Armutsgefährdungsquote in Österreich bei 13,3 Prozent, in Vorarlberg seien sogar 17,5 Prozent – das seien in etwa 68.000 Menschen – von Armut bedroht.

„Wir befürchten, dass die von uns betreuten Kinder und Jugendlichen jetzt durch den Rost fallen könnten.“

Hubert Löffler, Vereinsobmann “Netz für Kinder”

 Neues Projekt

 Im Rahmen des gestrigen Pressegesprächs stellten die Netz-für-Kinder-Vertreter auch ein neues Projekt vor: „talENTE.schmiede“ soll im kommenden Herbst lanciert werden. Dabei handelt es sich gemäß Hubert Löffler um ein Gruppenangebot, welches sich erstmals nicht an die Kinder, sondern an deren Eltern wendet. Im Rahmen dieses Projekts sollen die Eltern in ihrem „herausfordernden Erziehungsalltag mit ihren Kindern und Jugendlichen“ begleitet und unterstütz werden. Aktuell betreut das Netz für Kinder 120 Familien. „Laut der vom Sozialbereich erhobenen Zahlen läge der Bedarf aber noch deutlich höher“, beklagte Christine Wiesenegger.

 Finanzielle Situation

Sie ging zudem auf die aktuelle finanzielle Situation des Vereins ein. Christine Wiesenegger, die seit 1. Juli 2019 als Geschäftsführerin des Vereins verantwortlich zeichnet, zeigte auch hier die ungeschönte Wahrheit auf. „Um die von uns initiierten und organisierten Projekte zu finanzieren und erhalten zu können, benötigen wir ein jährliches Spendenvolumen von mindestens 300.000 Euro“, erklärte sie. Gemäß ihren Angaben gingen die Spenden jedoch heuer bereits um 30 Prozent zurück. Dies vor allem, weil in den vergangenen Monaten coronabedingt viele Veranstaltungen ausgefallen seien und noch weitere ausfallen würden, bei welchen der Verein ansonsten Spenden rekrutieren hätte können – etwa bei Messen oder sogenannten „Entenrennen“.  Dennoch wolle der Verein nicht um öffentliche Förderungen ansuchen. Daher lautete der knallharte Appell von Conny Amman: „Wir brauchen Geld!“

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