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Eisschlecken ist systemrelevant

21.06.2020 • 09:58 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
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Oliver Lerch

Mit dem Shutdown stand plötzlich auch das Eis-Geschäft still.

Kaum hatte die Frühlingssonne Anfang März die Eisdielen aus dem Winterschlaf geweckt, mussten sie schon wieder die Läden runterlassen.
„Der Shutdown war ein riesiger Schock“, erzählt Andrew Nussbaumer. Der Gatronom und Unternehmer betreibt zahlreiche Eisdielen im Land, unter anderem an seinem Stammsitz in Hohenems. Als die Nachricht der corona-bedingten Schließung kam, waren die Kühlhäuser am Hauptsitz in Hohenems bereits bis unter die Decke mit Eiswannen gefüllt, um in die neue Saison zu starten.

Andrew Nussbaumer genießt das Eis in seine Eisdiele Dolce Vita in Hohenems. <span class="copyright">Oliver Lerch</span>
Andrew Nussbaumer genießt das Eis in seine Eisdiele Dolce Vita in Hohenems. Oliver Lerch

Lieferservice eingerichtet

Zunächst war guter Rat teuer, doch Nussbaumer hatte eine Idee, wie er seine kalten Köstlichkeiten an den mann beziehungsweise die Frau bringen kann. „Um nicht auf diesen Vorräten sitzenzubleiben, haben wir ganz schnell einen eigenen Lieferservice organisiert.“ Und als Branchensprecher der handwerklichen Eiserzeuger der Wirtschaftskammer Österreich habe er sich vehement dafür eingesetzt, dass Eissalons den Konditoreien gleichgesetzt werden und schnellstmöglich wieder öffnen dürfen.

Große Auswahl. <span class="copyright">Oliver Lerch</span>
Große Auswahl. Oliver Lerch

Mit Erfolg: Mitte April konnten die Eisdielen für den Gassenverkauf österreichweit wieder aufsperren. Darüber freute sich nicht nur Nussbaumer, sondern natürlich auch seine Branchenkollegen, wie Kati Rankovic von der Eismanufaktur Kolibri in Wolfurt. Als die Nachricht des Lockdowns kam, war sie gemeinsam mit ihren Mitarbeitern im Begriff hochmotiviert in die Saison zu starten. Aus bekannten Gründen wurde diese Motoivation aber jäh ausgebremst.
„Alle meine Mitarbeiter wollten nach der Winterpause unbedingt wieder arbeiten, darum haben wir quasi aus dem Stand einen Lieferservice aufgezogen. Wir wollten alle beschäftigen, wenn auch nur in Kurzarbeit.“

In Bregenz hat eine neue Kolibri-Filiale eröffnet. <span class="copyright">Kolibri</span>
In Bregenz hat eine neue Kolibri-Filiale eröffnet. Kolibri

Kunden zeigen sich solidarisch

Das Schöne: Sehr viele Menschen hätten sich solidarisch gezeigt. „Kunden haben sich gefreut, dass sie heimische Betriebe unterstützen konnten. Man hat gemerkt, dass es vielen wichtig ist, bewusst bei Produzenten aus dem Ländle zu kaufen.“ Das helfe auch ein bisschen über den Schmerz hinweg, dass die vier mobilen Kolibri-Eiswagen, die sonst permanent auf verschiedensten Events unterwegs sind, weiter auf ihren Einsatz warten müssen, bis Veranstaltungen wieder in gewohnten Maße erlaubt sind. Rankovic ist berühmt für ihre spektakulären Eiskreationen, in die sie immer wieder auch Ideen und Wünsche ihrer Kunden mit einfließen lässt.

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Regionale Zutaten

Von ihrem Hauptsitz in Wolfurt aus versorgt die gebürtige Altacherin weitere Kolibri-Filialen in Feldkirch, Frastanz, seit neuestem in Bregenz und mit einer Niederlassung in Widnau den Ostschweizer Raum. Außerdem gibt es eine Auswahl ihrer Kreationen im Bio-Kartonbecher in über 60 Vorarlberger Sparmärkten. Ob sie plane, mit dem Eishandel österreichweit zu expandieren? „Nein. Dann müssten wir große Abstriche in der Qualität machen. Wo immer möglich, verwenden wir Früchte, Beeren, Kräuter, Milch und auch Gemüse aus der Region. Da ist das Angebot automatisch limitiert.“

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Oliver Lerch

Der gleichen Meinung ist auch Nussbaumer, der mit ­sieben Sorten „Ländle Eis-Genuss“ bei Sutterlüty vertreten ist. „Wir heben uns ja gerade durch das Verwenden von hochwertigsten, frischen Zutaten von unseren ­industriellen Mitbewerbern ab. Es ist uns wichtig, heimische Produzenten zu unterstützen und deshalb bleiben wir bewusst im regionalen Lieferkreislauf.“

Vorarlberger Eispioniere

Mit Fug und Recht kann Nussbaumer, der bekanntermaßen auch die Hohenemser Palastgastronomie betreibt, als Vorarlberger Eispionier bezeichnet werden. 1983 legte er mit Nussi‘s Eisdiele im Hohenemser Herrenried den Grundstein für sein Eissalon-Imperium namens „Dolce Vita“. Für den Absolventen der Hotelfachschule Villa Blanka war immer schon klar, dass er unternehmerisch tätig sein wollte. Die Passion fürs Gefrorene hat er von seiner Großmutter, die den Eispavillion in den Bregenzer Seeanlagen aufgebaut hatte. Dort hat er als Kind viele Sommertage verbracht und Mitte der 90er-Jahre auch zwei Jahre als Betreiber gearbeitet.

Die Eispioniere Andrew Nussbaumer (Dolce Vita) und Katarina Rankovic (Kolibri). <span class="copyright">Matak Studios</span>
Die Eispioniere Andrew Nussbaumer (Dolce Vita) und Katarina Rankovic (Kolibri). Matak Studios

Heute finden sich Dolce Vita-Eisdielen im Dornbirner Messepark, in Rankweil, Vaduz, Buchs, St. Gallen und Chur. Zahlreiche Hotel- und Gastronomiebetriebe zählen ebenfalls zur ­Stammkundschaft. Rankovic kam, im Gegensatz zu Nussbaumer, über Umwege ins Eisgeschäft. Die ausgebildete ­Mittelschullehrerin war auf der Suche nach Abwechslung, als ihr zufällig zu Ohren kam, dass die Eisdiele Kolibri in Wolfurt Ausschau nach einer Nachfolgerin hielt.

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Jeder Stil ist gefragt

Und da sie immer schon sehr experimentierfreudig und offen für Neues gewesen ist, habe sie das Kolibri 2013 kurzerhand übernommen. Anfangs noch neben der Lehrtätigkeit. „Aber wir hatten so viel positive Resonanz und es machte so viel Spaß, dass es ein logischer Schritt war, mich voll und ganz auf die Eismanufaktur zu konzentrieren.“

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Kolibri

Mitbewerb belebe, sind sich beide einig, und sporne an, dran zu bleiben und sich ständig zu verbessern. „Jeder hat seinen eigenen Stil und jeder Stil ist gefragt. Die meisten Menschen lieben Eis, ob groß oder klein.“ Denn es verbinde doch jeder wunderbare Kindheitserinnerungen mit dem kugelig-süß Gefrorenen. Genießen und dem Alltag für ein Weilchen entfliehen, das kann gerade in Krisenzeiten für die Psyche hilfreich sein. So gesehen ist Eisschlecken auch systemrelevant.

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