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Fitnessstudios kämpfen ums Überleben

27.06.2020 • 06:00 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Michael Allgäuer hofft, dass die von ihm geführten Studios mit einem blauen Auge aus der Krise hervorgehen werden. <span class="copyright">Klaus Hartinger</span>
Michael Allgäuer hofft, dass die von ihm geführten Studios mit einem blauen Auge aus der Krise hervorgehen werden. Klaus Hartinger

Fitnessstudio-Betreibern über die harten Wochen des Lockdowns.

Die Corona-Krise hat während des Lockdowns die Fitnessbranche weitgehend lahmgelegt. Elf Wochen – konkret vom 16. März bis einschließlich 28. Mai – mussten die Studios per gesetzlicher Verordnung ihre Türen für Kunden und Mitglieder geschlossen halten. Elf Wochen, die im Nachhinein relativ rasch verflogen seien, aber sich währenddessen wie eine Ewigkeit angefühlt hätten. So schildert es Michael Allgäuer im Gespräch mit der NEUE. Er steht den Purfitness-Fitnessklubs in Bregenz, Lauterach, Lustenau und Egg sowie dem Blugym Fitness Club in Bludenz als Geschäftsführer vor.

Auf Entzug

Auch wenn sich die Situation unterdessen beruhigt habe, sei gerade die Anfangszeit der Krise von sehr viel Ungewissheit geprägt gewesen, so Allgäuer: „Man wusste nicht, wie lange die Schließung dauern oder wie bzw. wann die Wiedereröffnung vonstattengehen würde, oder ob es Hilfsgelder geben würde oder nicht.“ In der Kommunikation mit den Kunden hätte sich in der Schließungsphase indes alles nur um ein Thema gedreht: „Wann macht ihr wieder auf? Wann kann ich wieder trainieren?“, so Allgäu­er, der weiter erklärt: „Diese Fragen brannten unseren Kunden unter den Nägeln. Vielleicht liegt es daran, dass es sich um eine sehr bewusste Personengruppe handelt, die einen gesunden Lifestyle pflegt und in gewisser Weise ‚auf Entzug‘ gewesen ist, weil sie ihrer Leidenschaft nicht nachgehen konnte.“ Vielleicht sei dies auch mit ein Grund dafür gewesen, dass die Wiedereröffnung der Studios mit 29. Mai besser als erwartet ohne Probleme verlaufen sei. Allgäuer weiter: „Unsere Mitglieder kommen unterdessen wieder  regelmäßig ins Training. Insofern sind wir derzeit zufrieden.“ Um Fairness gegenüber den zahlenden Kunden walten zu lassen, setzte der Fitnessstudio-Manager während der Schließungsphase auf das Aussetzen der Mitgliederbeiträge. Allgäuer: „Darauf haben unsere Kunden durchwegs positiv reagiert und es sehr zu schätzen gewusst, dass wir klare Verhältnisse geschaffen haben.“

Mitglieder kommen wieder regelmäßig zum Training. <span class="copyright">Klaus Hartinger</span>
Mitglieder kommen wieder regelmäßig zum Training. Klaus Hartinger

Keine ernsthafte Konkurrenz sieht der Chef von fünf Fitnessstudios indes im Hype und um das Thema Home-Workout inklusive entsprechenden Youtube-Videos und Geräten für zu Hause. „Ein Home-Workout kann niemals ein Training im Studio ersetzen. Es kann höchstens eine Ergänzung zu unserem Angebot darstellen“, so der Geschäftsführer. Neben dem Kunden sieht Michael Allgäuer die Mitarbeiter als wertvollstes Investment an. „Die Kundenbeziehung besteht ja nicht zwischen dem Kunden und dem Club, sondern zwischen dem Mitglied und dem Mitarbeiter. Daher war es uns von Anfang an wichtig, dass wir einen Weg finden, auf welchem wir gemeinsam mit den Mitarbeitern durch die Krise kommen.“ Und einen solchen fand Michael Allgäuer für sein Team, wie er erklärt: „Zunächst wurden Urlaube und Überstunden abgebaut und im April haben sich die Mitarbeiter dann in Kurzarbeit befunden. Ab 1. Juni befinden sich wieder alle Mitarbeiter in den Dienstverhältnissen, in welchen sie sich vor der Krise befunden haben.“

Alle halten sich an die vorgegebenen Maßnahmen. <span class="copyright">Klaus Hartinger</span>
Alle halten sich an die vorgegebenen Maßnahmen. Klaus Hartinger

Und die Gesamtbilanz?

Gemäß Allgäuer werden die von ihm geführten fünf Studios mit einem blauen Auge aus der Krise kommen – unter anderem aufgrund der beantragten Kurzarbeit sowie Stundungen etwa bei den Mietraten. „Seit Ende Mai gibt es den Corona-Hilfsfonds, bei welchem wir eine Entschädigung von Betriebskosten beantragen können. Ich hoffe, dass wir hier 75 Prozent der Kosten rückerstattet bekommen“, so Allgäuer.

Ähnlich fällt die Bilanz eines weiteren Fitnessstudiobetreibers, namentlich Manfred Scheel, aus, der als Vorarlberger Fitness-Pionier bezeichnet werden kann: Bereits seit 1986 betreibt Scheel, der auch als WKV-Sprecher der Fitnessstudiobetreiber fungiert (siehe Interview unten), den Life Fitness Club 2.0 in Feldkirch. Auch er hat schwierige Wochen erlebt. Auf NEUE-Anfrage räumt er gar ein, die Schließungsphase lediglich aufgrund von Reserven überstanden haben zu können. Dank langjähriger Kunden und einer aktiven Neukundengewinnung blicke er jedoch nach dem Re-Start zuversichtlich in die Zukunft. Dennoch ist Scheel realistisch und weiß, dass das Geschäftsjahr 2020 nicht an jenes des Vorjahres herankommen wird: „Obwohl wir sehr motiviert sind und alles unternehmen werden, um die Folgen der Krise und die damit verbundenen Ausfälle zu kompensieren.“

Während Kundengesprächen tragen die Mitarbeiter noch einen Mund-Nasen-Schutz.<span class="copyright"> Klaus HArtinger</span>
Während Kundengesprächen tragen die Mitarbeiter noch einen Mund-Nasen-Schutz. Klaus HArtinger

Keine Einnahmen

Und wie sieht es Michael Tschann, Inhaber der gleichnamigen Gesundheitszentren in Feldkirch und Hohenems? Er und sein Team hätten den Lockdown produktiv, nämlich für die Renovierung des Standortes in der Montfortstadt genutzt, berichtet Tschann im Gespräch mit der NEUE: „Viele der Arbeiten, wie etwa das Streichen der Wände, haben wir selbst erledigt.“ Auch er blicke auf harte Wochen mit einem Totalausfall bei den Einnahmen zurück. Dennoch stelle er den Lockdown nicht in Zweifel. „Aber mit dem Bürokratie-Dschungel, etwa im Bezug auf die Anträge bezüglich Kurzarbeit, war ich überhaupt nicht zufrieden. Da haben wir nicht durchgeblickt und mussten alles an unseren Steuerberater übergeben“, ärgert sich Tschann. Dennoch sei er zuversichtlich, dass das Geschäftsjahr den Umständen entsprechend abgeschlossen werden kann: „Wenn die Zahlen so bleiben, es zu keiner zweiten Welle kommt und die Menschen nicht in Panik verfallen, könnten auch wir mit einem blauen Auge davonkommen“, so Tschann.

In Vorarlberg gibt es derzeit insgesamt 103 Fitnessbetriebe. In dieser Zahl enthalten sind auch sogenannte Mikrostudios und Personal Trainer.

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