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Feldkirch: Zwist um Jugendstrategie

02.07.2020 • 06:06 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Das Jugendhaus Graf Hugo in Feldkirch. <span class="copyright">NEUE</span>
Das Jugendhaus Graf Hugo in Feldkirch. NEUE

Kritiker sehen Unabhängigkeit der Offenen Jugendarbeit in Gefahr.

Der Tagesordnungspunkt 9 (Jugendstrategie J:FK 20+) der nächsten Stadtvertretungssitzung wirkt zwar unscheinbar, hat es aber in sich. Denn schon im Vorfeld der Sitzung entspinnt sich nun ein öffentlich ausgetragener Streit über die Neuausrichtung der Offenen Jugendarbeit in Feldkirch. Dabei geht es einerseits um inhaltliche Differenzen, andererseits um die Kommunikationskultur zwischen den Beteiligten. Hauptstreitpunkt ist der Plan, die Offene Jugendarbeit Feldkirch (Ojaf) und das Jugendhaus Graf Hugo unter die Obhut des Rathauses zu bringen. Die Kritiker befürchten, dass die Offene Jugendarbeit in Feldkirch künftig politisch gesteuert werden könnte.

Im Ausschuss

Bürgermeister Wolfgang Matt: "Es gab einen einstimmigen Beschluss." <span class="copyright">Stiplovsek</span>
Bürgermeister Wolfgang Matt: "Es gab einen einstimmigen Beschluss." Stiplovsek

Den Auftrag, einen Jugendstrategieprozess einzuleiten, hatte noch der frühere Bürgermeister Wilfried Berchtold erteilt, sein Nachfolger Wolfgang Matt bestätige das Vorhaben im Mai 2019. Fünf Monate später wurde dem Jugendausschuss unter dem Vorsitz der damaligen Stadträtin Ingrid Scharf und Vertretern des Vereins Ojaf eine erste Skizze der neuen Strategie vorgelegt.  Wie diese Skizze aussah und zu welchen Punkten man damals genau zustimmte, darüber gehen heute die Meinungen auseinander. Bürgermeister Wolfgang Matt (VP) und Abteilungsleiterin Heike Sprenger, die für die Strategieentwicklung verantwortlich ist, teilen mit, dass schon damals ganz klar gewesen sei, dass die Organisationsstruktur der Offenen Jugendarbeit geändert werde, sprich, in die städtische Verwaltung integriert werden solle. Auch der Zeitplan sei bereits fixiert gewesen. „Die Skizze wurde damals einstimmig zur weiteren Ausarbeitung empfohlen“, hält Matt im NEUE-Gespräch fest.

Die frühere Jugendstadträtin  Ingrid Scharf.<span class="copyright"> NEUE</span>
Die frühere Jugendstadträtin Ingrid Scharf. NEUE

Halbe Wahrheit?

Das stimme zwar, sei aber nur die halbe Wahrheit, entgegnet Scharf. „Wir haben nicht der Änderung der Organisationsstruktur zugestimmt, sondern uns darauf geeinigt, dass das Strategiepapier von allen Beteiligten gemeinsam weiterentwickelt werden muss.“ Im Februar 2020 gab es dann einen sogenannten Visionen-Workshop, bei dem sich die Beteiligten weiter über die Materie austauschten. Ein geplantes zweites Treffen fiel aufgrund der Corona-Pandemie aus. Stattdessen wurde von der zuständigen Abteilung ein Fragebogen an die Jugendeinrichtungen, den Jugendausschuss, den Jugendbeirat und den Vorstand des Jugendhauses verschickt. 

Die neue Jugendstadträtin Laura Fetz will, dass die  Interessensvertretung für Feldkircher Jugendliche "parteipolitisch unabhängig bleibt".  <span class="copyright">Hartinger</span>
Die neue Jugendstadträtin Laura Fetz will, dass die Interessensvertretung für Feldkircher Jugendliche "parteipolitisch unabhängig bleibt". Hartinger

Scharfe Kritik

Dass nun Teile des umstrittenen Jugendstrategiepapiers, sprich, die Implementierung der Ojaf in die städtische Verwaltung, bei der Stadtvertretungssitzung am kommenden Dienstag beschlossen werden sollen, stößt der nunmehrigen Jugendstadträtin Laura Fetz (Grüne) sauer auf. Auch der Verein Ojaf und der Dachverband für Offene Jugendarbeit in Vorarlberg (koje) kritisieren das Vorgehen scharf.

Das Strategiepapier sei unvollständig und beinhalte fachliche Mängel, urteilt Fetz, die den dafür zuständigen Ausschuss kurzerhand absagte. „Eine Beschlussfassung wäre nicht zielführend – weder für uns Politikerinnen und Politiker noch für die Jugendlichen in dieser Stadt.“ Die Stadträtin sieht die Unabhängigkeit der Ojaf in Gefahr. „Eine Interessensvertretung der Jugendlichen sollte nach meinem Ermessen im Interesse der Jugendlichen handeln können, ohne zu sehr von anderen Interessen geleitet zu werden.“

„Nur eine Ergänzung“

Bürger­meister Matt hält dagegen und verspricht, dass „die Arbeit des Vereins Offene Jugendarbeit nicht beschnitten, sondern vielmehr ergänzt wird“. Man wisse um die Verdienste, die sich der Verein in der Jugendarbeit erworben habe. Ihr fachliches Know-how sollen die Vereinsmitglieder künftig in einem begleitenden Fachbeirat einbringen. Auch die verantwortliche Abteilungsleiterin Heike Sprenger betont, dass es nicht das Ziel sei, die Autonomie zu beschränken. „Ziel ist es, die Interessen der Jugendlichen strategisch und organisatorisch optimal auszurichten und dazu ist eine neue Organisationsstruktur das passende Mittel.“

Bei der Ojaf sieht man die Sache naturgemäß etwas anders. Grundsätzlich begrüßt werde die vertiefende Auseinandersetzung mit der Frage, ob die bestehende Organisationsform noch zeitgemäß und zweckmäßig sei, heißt es in einem der NEUE vorliegenden Schreiben.  Die Vorgangsweise der Stadt sei jedoch „nicht nachvollziehbar“ und mache fassungslos. Und weiter: „Bis zum gestrigen Tag hat noch keine verantwortliche Person der Stadt Feldkirch auch nur ein einziges Wort offiziell mit uns oder den Mitarbeitenden des Vereins in dieser Angelegenheit gesprochen. Natürlich haben wir gerüchtehalber von diesem Vorhaben erfahren. Unser Wunsch auf ein klärendes Gespräch wurde aber stets eiskalt abgeblockt.“ Der Verein vermutet eine Retourkutsche für die Auseinandersetzung im Zusammenhang mit dem Mietvertrag für das neue Jugendhaus im Herbst 2019.

Dachverband verwundert

Auch beim Dachverband koje, der bei dem Workshop im Februar mit von der Partie war, zeigt man sich verwundert. „Überlegungen zur Veränderung bestehender Organisationsstrukturen waren keineswegs Teil dieses Workshops. Diese Einschätzung wird auch von anderen Beteilig­ten des Workshops geteilt, was uns durch Rücksprache bestätigt wurde. Somit möchte ich klar dagegenhalten, wenn die Inhalte des Visionen-Workshops zur Begründung der Strukturänderung herangezogen werden“, teilt Geschäftsführer Thomas Dietrich in einem Schreiben an den Bürgermeister und die Jugendstadträtin mit.

Demo vor dem Rathaus.

Die Angelegenheit wird in der Stadtvertretungssitzung am Dienstag sicher für weitere Diskussionen sorgen. Ob es zu einer Beschlussfassung kommt, ist fraglich, die Grünen sprechen sich jedenfalls schon jetzt für eine Vertagung aus. Der Verein Ojaf hat indes zur Teilnahme an der öffentlichen Fragestunde vor der Sitzung sowie einer Demo vor dem Rathaus aufgerufen. Die Protestaktion soll am Freitag um 15 Uhr stattfinden.