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Schuljahr der Extreme zu Ende

09.07.2020 • 21:29 Uhr / 8 Minuten Lesezeit

Schuljahr erforderte wegen Coronavirus Umdenken auf allen Ebenen.

Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt: Dieses Sprichwort trifft wohl in hohem Maße auf das heurige Schuljahr zu. Denn als mit dem 9. September 2019 der Startschuss für dafür gefallen war, hatte wohl niemand geahnt, in welche Richtung es sich entwickeln würde. Sars-Covid-19, Maskenpflicht, Lockdown oder Homeschooling hätten wohl eher nach dem Inhalt eines neuen neuen Science-Fiction-Films, denn nach alsbald eintretender Realität geklungen. Doch genau zu dieser kam es. Mit dem Lockdown am 16. März 2020 wurden von einem Tag auf den anderen die Klassen- in die Wohnzimmer verlegt. Und das für gut zwei Monate. Eine Rückkehr an die Schulen unter strengen Sicherheitsvorschriften folgte. Heute, an jenem Tag, an welchem die Jahreszeugnisse an 54.000 Kinder und Jugendliche verteilt werden, ziehen Vertreter der Bildungsdirektion, der pädagogischen Einrichtungen sowie Elternvertreter in der NEUE Bilanz.

Bildungsdirektorin Evelyn Marte-Stefani. <span class="copyright">Dietmar Stiplovsek</span>
Bildungsdirektorin Evelyn Marte-Stefani. Dietmar Stiplovsek

34 Corona-Fälle

Auch wenn es vorarlbergweit insgesamt 34 Covid-19 Krankheitsfälle unter Lehrenden und Lernenden gegeben habe, falle die Bilanz seitens der Bildungsdirektion äußerst positiv aus, wie Bildungsdirektorin Evelyn Marte-Stefani auf Anfrage mitteilt. Insbesondere wenn man bedenke, mit welcher Geschwindigkeit die Pandemie und die damit verbundenen Ereignisse im März über Vorarlberg hereingebrochen seien. „Innerhalb weniger Tage musste der Unterricht auf Distance Learning umgestellt werden. Das gehörte bislang nicht zum Unterrichtskonzept einer Lehrperson.“

“Innerhalb weniger Tage musste der Unterricht auf Distance Learning umgestellt werden. Das gehörte bisland nicht zum Unterrichtskonzept einer Lehrperson.”

Bildungsdirektorin Evelyn Marte-Stefani

Im Laufe der Krise hätten sich dann auch immer wieder neue Herausforderungen herauskristallisiert, welche bewältigt hätten werden müssen. Man sei dabei stets bemüht gewesen, rasche Lösungen zu finden, betont Marte-Stefani: „Die Notbetreuung an den Schulen hat sehr gut funktioniert. Auch in den Osterferien und an schulautonomen Tagen haben sich genügend Lehrpersonen freiwillig zur Verfügung gestellt, um vor allem auch die Eltern zu entlasten.“

Hardware verteilt

Neben der Betreuung der Schüler habe es indes weitere Herausforderungen geben, welche rasch hätten gelöst werden müssen. Etwa hätten nicht alle Kinder über die notwendigen technischen Endgeräte verfügt, um am digitalen Unterricht teilnehmen zu können. „Der Bedarf wurde aber relativ rasch von den Schulen erhoben, nach Ostern konnten über 1300 Computer, 380 Wlan-Adapter, 290 Router, 121 iPads und 113 Drucker an die Kinder verteilt werden“, so Marte-Stefani.

Zur Zusammenarbeit mit den Eltern sagt die Bildungsdirektorin: „Natürlich war es auch für die Eltern eine herausfordernde Zeit. Ganz entscheidend war eine gute Kommunikation. Die Schulen haben eine fast durchgehende Erreichbarkeit sichergestellt und viele Schulleiter und Schulleiterinnen sowie Lehrpersonen haben weit über ihr Beschäftigungsausmaß gearbeitet.“

Michael Tagger vom Landeselternverband Vorarlberg. <span class="copyright">Landeselternverband Vorarlberg</span>
Michael Tagger vom Landeselternverband Vorarlberg. Landeselternverband Vorarlberg

Große Unterschiede

Diese Einschätzung hinsichtlich Kommunikation teilt der Landeselternverband Vorarlberg nicht ganz. Dessen Pressesprecher Michael Tagger äußert sich auf Anfrage wie folgt: „Es hat Schulen gegeben, an denen die Kommunikation zwischen Lehrern und Schülern super funktioniert hat. Aber leider hat es auch andere Schulen gegeben, wo dies überhaupt nicht funktioniert hat. Corona hat hier große Unterschiede sichtbar gemacht.“ Große Unterschiede habe es aus Sicht des Landeselternverbands auch hinsichtlich der Aufgabenstellungen der Lehrpersonen während des Homeschoolings gegeben. So seien  Fälle eingetreten, in denen sich ein Kind vor Arbeitsaufträgen kaum habe retten können, während das Geschwisterkind – welches bei anderen Lehrern dieselbe  Schule besuche – kaum etwas zu tun gehabt habe. Gemäß Landeselternverband seien es gerade reformpädagogische Ansätze gewesen, die sich während des Homeschoolings bewährt hätten.

Direktor Christian Höpperger bei der Zeugnisverteilung.<span class="copyright"> Klaus Hartinger</span>
Direktor Christian Höpperger bei der Zeugnisverteilung. Klaus Hartinger

Digitaler Anschub

Für Christian Höpperger, Direktor der Mittelschule Mittelweiherburg in Hard, wäre das Schuljahr auch ohne Covid-19 erinnerungswürdig gewesen. Denn: „Zunächst hatten wir den Umzug von unserer Mittelweiherburg in die Ausweichschule Markt. Dann im Oktober ein Brand an der Schule und zu guter Letzt: Corona.“ Trotz alledem kann Höpperger dem Ganzen auch etwas Positives abgewinnen: Immerhin habe der Digitalisierungsschwerpunkt der Schule einen willkommenen Anschub erhalten. So hätten bereits alle virtuelle Zugänge auf die Lernplattformen gehabt, als die Klassenzimmer in die eigenen vier Wände verlegt worden seien. Höpperger: „Unser Anspruch war und ist es aber, 100 Prozent der Kinder zu erreichen. Das war schwer, wurde letztlich aber auch durch analogen Kontakt – wie etwa Hausbesuche mit Übermittlung von Lernpaketen – geschafft.“Als positiv verbucht er weiters, dass etwa von Anfang an einheitlich und koordiniert vorgegangen und über einheitliche Kanäle kommuniziert worden sei. „Es war uns aber trotz aller Offenheit für Digitalisierung von Beginn an klar, dass Distance Learning nur kurzfristig ein Ersatz für echtes Lehren und Lernen – das in erster Linie von Beziehung lebt – dienen kann.“ Mit der Fortdauer des Homeschoolings sei es etwa immer schwieriger gewesen, ältere Schüler zu erreichen. Diese seien in eine Art „Ferienmodus“ abgedriftet. Direktor Höpperger weiter: „Schule ist so viel mehr als bloßes Vermitteln von Lerninhalten. Gerade die Sekundarstufe lebt von Persönlichkeitsarbeit, von Beziehungen, von gemeinsam erlebter Zeit und gemeinsamen Erfahrungen.“

Notfallkonzept

Gemäß Bildungsdirektion Vorarlberg gibt es bereits seit März klare Vorgaben für den Umgang mit Corona-Verdachts- und Infektionsfällen an den Schulen, diese werden auch im Herbst wieder zum Tragen kommen. Dazu gehört ein engmaschiges Meldesystem, sobald Verdachtsfälle an Schulen auftreten. Erste Anzeichen von Symptomen müssen ernst genommen und abgeklärt werden. Grundsätzlich soll es in Abstimmung mit der Gesundheitsbehörde ein differenziertes Vorgehen geben. Das heißt Maßnahmen werden immer nur für die betroffene Gruppe, Klasse oder Schule gesetzt. Nur bei gehäuften Fällen wäre eine komplette Schulschließung notwendig. Diese soll aber unter allen Umständen vermieden werden. Auch die Wiedereinführung der Maskenpflicht, verschärfte Hygie­nevorgaben, Schichtbetrieb und zeitweises Homeschooling sind nicht gänzlich ausgeschloßen.

Auch hinsichtlich Kommunikation zieht Höpperger ein positives Fazit – grundsätzlich habe diese sehr gut funktioniert: „Mein Ansatz war es immer, dass Eltern keine Ersatz- oder Hilfslehrerpersonen sind, sondern mit anderen Themen – wie etwa Kurzarbeit, Arbeitslosigkeit oder Sicherstellung der Betreuung – genügend um die Ohren haben. Bezüglich Kommunikation haben wir nach dem Lockdown sehr positive Rückmeldungen erhalten.“

Neues Schuljahr

Im Herbst soll derweil mit einem regulären Schulbetrieb gestartet werden – vor allem mit viel mehr Schulpartnerschaft, hofft Michael Landeselternverband-Sprecher Tagger: „Es wäre wichtig, dass man das, was gut gelaufen ist dokumentiert und verbreitet. Und was nicht gut gelaufen ist verbessert.“

Indes sollen gemäß Bildungsdirektorin Marte-Stefanie die Klassen – aus heutiger Sicht – in Vollbesetzung in den Unterricht zurückkehren: „Es gilt der Stundenplan in vollem Umfang, alle Fächer werden unterrichtet, auch Schulveranstaltungen sollen wieder möglich sein. Die Hygienevorgaben werden noch angepasst. Regelmäßig Händewaschen, Lüften und Reinigung wird es sicherlich weiterhin geben.“