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Wechselhafter Ferienstart

10.07.2020 • 20:00 Uhr / 10 Minuten Lesezeit
Der heutige Samstag wird sich noch eher von seiner nassen Seite präsentieren, ehe es morgen wettertechnisch wieder bergauf gehen soll. <span class="copyright">Boris Roessler/dpa</span>
Der heutige Samstag wird sich noch eher von seiner nassen Seite präsentieren, ehe es morgen wettertechnisch wieder bergauf gehen soll. Boris Roessler/dpa

Ubimet-Meteorologe Konstantin Brandes über das Ferienwetter.

Am Freitag starteten Vorarlbergs Schüler in die Ferien. Von welcher Seite wird sich das Wetter am ersten Ferienwochenende präsentieren?

Konstantin Brandes:  Zum Start in die Sommerferien präsentiert sich das Wetter sehr abwechslungsreich. Am heutigen Samstag regnet es zunächst häufig, vereinzelt auch noch kräftig. Im Laufe des Vormittags lässt der Regen nach, am Nachmittag lockert es allmählich auf und vom Bodensee her kommt noch zeitweise die Sonne zum Vorschein. Mit 17 bis 22 Grad kühlt es jedoch deutlich ab. Am Sonntag beruhigt sich das Wetter, von der Früh weg bleibt es trocken und über weite Strecken des Tages scheint die Sonne. Über den Bergen bilden sich am Nachmittag harmlose Quellwolken. Dazu schon wieder wärmere 21 bis 27 Grad.

Konstantin Brandes vom Wetterdienst Ubimet <span class="copyright">Ubimet</span>
Konstantin Brandes vom Wetterdienst Ubimet Ubimet

Viele Vorarlberger werden ihren Urlaub heuer in Vorarlberg beziehungsweise in Österreich verbringen, Wie sieht die Langzeitprognose für Juli für das Bundesland bzw. das gesamte Bundesgebiet aus? 

Brandes: Langzeitprognosen über einen ganzen Monat oder sogar Jahreszeiten hinweg besitzen nur einen experimentellen Charakter und sind daher mit größter Vorsicht zu genießen. Vorherzusagen, wie die kommenden drei Juliwochen wettertechnisch verlaufen, ist also nicht möglich und aus meteorologischer Sicht unseriös. Was man aber sagen kann: Nach der Kaltfront am Samstag erholt sich der Sommer ab Sonntag rasch wieder. Ein Hoch beschert uns nämlich auch zu Beginn der neuen Woche oftmals sonniges und angenehm warmes Ferienwetter. Am Montag werden in Vorarl­berg 21 bis 26 Grad erreicht, am Dienstag 23 bis 28 Grad. Ob sich dann im weiteren Verlauf der Woche in Österreich stabiles Sommerwetter fortsetzt, Gewitter mitmischen oder gar ein Tief über Osteuropa in unser Wetter eingreift, ist derzeit ebenso wenig vorhersagbar, wie es nach der Monatsmitte weitergeht.

Welche Regionen in Österreich haben die stabilste Wetterlage und somit gute Chancen auf ein sonniges Sommerwetter? Oder anders gefragt: Wo wird es aus meteorologischer Sicht in den kommenden Wochen das beste Ferienwetter geben?

Brandes: Hier kann man sich eigentlich nur mit der Klimatologie behelfen. Schaut man sich die Anzahl der Sonnenstunden im Juli im langjährigen Klimamittel (von 1981–2010) an, kann man aber gut die sonnigsten Regionen Österreichs identifizieren. Diese liegen ganz klar im Osten des Landes, so kommt etwa der Neusiedler See auf mehr als 270 Sonnenstunden in einem durchschnittlichen Juli. Dies sind im Durchschnitt knapp zehn Stunden Sonnenschein pro Tag. Doch auch ein Streifen vom Wörthersee bis zum Weinviertel kommt auf rund 250 Sonnenstunden. Etwas benachteiligt durch die Topografie und häufige Quellwolkenbildung sind die alpinen Lagen: Feldkirch misst in einem durchschnittlichen Juli 226 Sonnenstunden, Innsbruck 231 und Rauris gar nur 170.

In den jetzigen Zeitraum fällt der meteorologische Siebenschläfertag. <span class="copyright">APA/BARBARA GINDL</span>
In den jetzigen Zeitraum fällt der meteorologische Siebenschläfertag. APA/BARBARA GINDL

In den jetzigen Zeitraum fällt der meteorologische „Siebenschläfertag“. Es heißt, dass das allgemeine Wettermuster, das sich während dieses Zeitraums bildet, auch Über den Sommer hinweg bestand hat. Handelt es sich dabei um ein Ammenmärchen oder Wahrheit? 

Brandes: Tatsächlich gibt es im Hochsommer eine statistisch nachweisbare Erhaltungstendenz von Wetterlagen im Alpenraum. Für diese sogenannte meteorologische Singularität ist allerdings nicht nur ein bestimmter Tag (Siebenschläfertag ist der 27. Juni) relevant, da sie allgemein oft für die letzte Juniwoche bzw. die erste Juliwoche zutrifft. Durch die gregorianische Kalenderreform findet der Tag eigentlich auch erst etwa zehn Tage später statt. Auf die erste Juliwoche trifft diese Singularität in Süddeutschland und im Alpenraum in etwa 60 bis 80 Prozent der Fälle zu. Etabliert sich Ende Juni bzw. Anfang Juli nämlich eine stabile Hochdruckzone über Europa, stehen die Chancen gut, dass sie bis weit in den Juli hinein erhalten bleibt. Das gleiche gilt allerdings auch umgekehrt: Liegt der Jetstream weiter südlich, so ist der Weg frei für Tiefdruckgebiete in Richtung Mitteleuropa und anhaltend wechselhafte Bedingungen sind vorprogrammiert.

Worauf deutet der diesjährige Siebenschläfertag hin? 

Brandes: Derzeit deuten die Modelle in den kommenden Tagen auf Tiefdruckeinfluss über Nord- bzw. Nordwesteuropa hin, was in Alpenraum eine überwiegend südwestliche Höhenströmung zur Folge hat. Da die Frontalzone allerdings nahe zu Mitteleuropa liegt, kündigt sich besonders in Österreich und in Süddeutschland warmes, aber auch wechselhaftes Sommerwetter an. Manche Modelle deuten ab Mitte Juli allerdings auf eine Rückkehr des Skandinavien Hochs hin, man kann also nur abwarten, was der weitere Sommer tatsächlich mit sich bringt.

Was sagt der Blick in die meteorologische Kristallkugel? Welcher Sommer steht uns bevor?

Brandes: Auch hier muss ich die Leser in gewisser Weise enttäuschen. Mehr als eine Tendenz, ob der Sommer zu warm oder zu kalt weitergeht, kann man nicht treffen. Für den Sommer 2020 liegt die Wahrscheinlichkeit, dass er zu warm ausfällt, bei rund 60 Prozent. Für einen zu kalten Sommer stehen die Chancen bei nur knapp zehn Prozent und für einen durchschnittlich temperierten bei rund 30 Prozent. All das sind aber nur Ergebnisse der genannten langfristigen Modelle, die experimentellen Charakter haben. Gewissheit über den Sommer 2020 haben wir am Ende des selbigen, sprich am 31. August.

<span class="copyright">Klaus Hartinger</span>
Klaus Hartinger

In den vergangenen Wochen hat es auch das ein oder andere Gewitter geben. Diese sind stellenweise sehr heftig ausgefallen. Täuscht der Eindruck, dass die Unwetter immer intensiver ausfallen?

Brandes: Einen Trend hin zu immer stärkeren Unwettern gibt es in den vergangenen Jahren nicht, zudem ist so etwas schwer statistisch nachzuweisen. Was es allerdings gegeben hat, ist eine zunehmende Wahrnehmung der Unwetter und deren Schäden durch Handyfotos und -videos sowie das schnelle Teilen via Social Media mit ganz Österreich, Europa und der Welt. Überspitzt formuliert: 1950 hat in Vorarlberg kaum jemand oder wenn erst Tage später erfahren, dass ein Hagelgewitter durch das Grazer Becken gezogen ist. Heute passiert dies nahezu in Echtzeit.

Im Vergleich zum Vorjahr: wie sieht ist die bisherige Bilanz für 2020 aus?

Brandes: Im Vorjahr ist natürlich der Juni 2019 mit seinen Rekordtemperaturen in Erinnerung geblieben. Zudem war es ja der sonnigste und trockenste Juni aller Zeiten. Heuer war der Juni dagegen in punkto Temperatur durchschnittlich, zudem war es leicht zu trüb und deutlich zu nass. Viele Menschen dürften den Juni 2020 daher deutlich schlechter empfunden haben, als er tatsächlich war. Nichtsdestotrotz liegt nämlich einer der 40 wärmsten Junis in der 254-jährigen Messgeschichte hinter uns. Über ganz Österreich betrachtet liegen die Temperaturabweichungen mit plus 1,5 Grad heuer im Bereich des Vorjahres (+1,6 Grad am Ende). Vergangenes Jahr war v.a. die Alpennordseite zu trocken, heuer eher der Süden und Südosten.

Zeigen die Temperaturen eher nach oben oder unten? Sprich ist das Jahr 2020 zu warm oder zu kalt?

Brandes: Bis dato ist das Jahr 2020 österreichweit um rund 1,5 Grad zu warm, wobei die Abweichungen im Westen des Landes –Vorarlberg und Tirol – sogar gegen plus 2 Grad gehen. Zum Vergleich: 2018, das bislang wärmste Jahr der Messgeschichte in Österreich schloss mit einer positiven Abweichung von 1,8 Grad ab. Trotz des bislang durchschnittlichen Sommers steuern wir also erneut auf eines der wärmsten Jahre der Messgeschichte zu.

Wie entwickelt sich 2020 hinsichtlich der Niederschläge? Ist es zu nass oder trocken?

Brandes: Bezüglich der Niederschläge haben ein feuchter Mai und Juni die Trockenheit des Frühjahres wieder ausgeglichen. Derzeit stehen wir über ganz Österreich betrachtet im Vergleich zum langjährigen Mittel von 1981 bis 2010 bei einer negativen Abweichung von knapp zehn Prozent, das ist aber noch im Bereich der Schwankungsbreite.

In der Diskussion um Corona gerät die Klimaerwärmung leicht in Vergessenheit. Hat sie auf den heurigen Sommer und die Sommer in den kommenden Jahren weiterhin große Auswirkungen?

Brandes: Die Klimaerwärmung schreitet unvermindert voran, daran ändert auch das aktuell scheinbar wichtigere Thema Corona nichts. Auch die Auswirkungen des weltweiten Lockdowns auf das Weltklima sind nach derzeitigem Stand nicht wirklich messbar. Wenngleich die Corona-Krise eine positive Auswirkung auf die Luftqualität, den Ausstoß von Treibhausgasen und lärmbedingte Gesundheitsrisiken haben sollte, ist dies nur ein kurzfristiger Effekt.

Also sind langfristige Verbesserungen des Klimas nicht in Sicht?

Brandes: Ein langfristige Verbesserung erreicht man nur mit gezielter Klima- und Umweltpolitik. Wenn die Wirtschaft nach der Krise wie zuvor läuft und der Verkehr wieder zunimmt, werden auch die Emissionen und der Lärm wiederkommen. Klimaerwärmung bedeutet zudem nicht, dass es jedes Jahr immer wärmer wird. Es wird auch in Zukunft zu kalte Jahre geben, nur werden diese immer seltener, wohingegen die zu warmen Jahre immer deutlicher die Oberhand gewinnen werden. Die Zahl der Hitzetage wird weiter zunehmen, wie das Beispiel Wien zeigt: 1961 bis 1990 gab es in der Bundeshauptstadt noch durchschnittlich zehn Hitzetage pro Jahr, 1981-2010 waren es dann schon 16 Hitzetage. Gibt es einen unveränderten Ausstoß von Treibhausgasen, stehen Wien im Zeitraum 2071 bis 2100 nach Modellberechnungen 30-73 Hitzetage bevor. Bei konsequentem Klimaschutz ließe sich diese Zahl auf 12 bis 25 Tage begrenzen.

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