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“Mein Ziel ist es, Zuversicht zu versprühen”

11.07.2020 • 19:16 Uhr / 9 Minuten Lesezeit
Im Interview spricht Martina Rüscher über die Corona-Pandemie. <span class="copyright">Steurer</span>
Im Interview spricht Martina Rüscher über die Corona-Pandemie. Steurer

Landesrätin Martina Rüscher hält nichts von Angstmache.


Die Coronavirus-Pandemie hat ihren Ursprung in China. Wann ist Ihnen bewusst geworden, dass das auch in Vorarlberg zu einem Problem werden könnte?
Martina Rüscher: Wir sind schon um die Weihnachtszeit hellhörig geworden und haben im Jänner und Februar genau beobachtet, was in China passiert. Als im Februar dann festzustellen war, dass auch Europa intensiv betroffen ist, haben wir einen ersten Termin mit einem Gesundheitsexperten, Vertretern der Krankenhäuser und der Landessanitätsdirektion vereinbart. Die Frage war: Was könnte auf uns zukommen, und wofür müssen wir uns wappnen? Ich weiß noch ganz genau, wie wir an diesem Tisch (Anmerkung: der Besprechungstisch im Büro der Landesrätin) gesessen sind und verschiedene Szenarien beleuchtet haben, wobei uns der Experte auch erschreckende Szenarien gezeichnet hat. Da sind wir alle aufgewacht. Der Gedanke war: Wenn das wirklich realistisch ist, müssen wir jetzt sofort Vollgas geben. Damit haben wir dann auch begonnen, obwohl noch viele Skeptiker im System waren.

Zur Person

Martina Rüscher wurde am 25. Juli 1972 in Innsbruck geboren und ist in Landeck aufgewachsen. Sie ist verheiratet, Mutter dreier Kinder und lebt mittlerweile in Andelsbuch. Rüscher ist seit 1998 Parteimitglied der ÖVP und war von 2014 bis 2019 Abgeordnete im Vorarlberger Landtag. Von 31. Jänner 2018 bis zum Ende der Legislaturperiode war sie zudem zweite Landtagsvizepräsidentin. Seit 6. November 2019 ist sie Gesundheitslandesrätin.

Inwiefern?
Rüscher: Ihre Ansicht war, dass das bei uns nicht so schlimm werden wird, weil die Gesundheitslage in Österreich ganz anders ist als in China. Zugleich gab es aber schon Berichte aus anderen Ländern, und wir haben versucht herauszufinden, warum etwa der Ausbruch in Italien so intensiv ist. Dazu haben wir begonnen, Schutzmaterial zu bestellen und Beatmungsgeräte anzuschaffen. Am 5. März war dann die Aufsichtsratssitzung der Krankenhausbetriebsgesellschaft in Feldkirch, und da haben wir vom ersten Fall in Vorarlberg erfahren. Wir waren aber schon von Ende Februar an darauf vorbereitet, dass es auch bei uns zu Fällen kommen kann.

Am 5. März wurde in einer Pressekonferenz über den ersten Corona-Fall im Land informiert. <span class="copyright">VLK</span>
Am 5. März wurde in einer Pressekonferenz über den ersten Corona-Fall im Land informiert. VLK

Es handelt sich um ein neues Virus und eine neue Erkrankung. Vieles war und ist nach wie vor auch den Experten unklar. Auf welche Fachleute hört man da?
Rüscher: Für uns war es wesentlich, dass wir nicht nur auf einen Experten oder eine Expertin hören, sondern dass wir uns auf möglichst vielen Ebenen absichern. Wir hatten großes Glück, dass wir gerade einen sehr renommierten – in Bregenz wohnhaften – Fachexperten im Land hatten, weil die Universität in Bologna geschlossen war (Anm. der Vorarlberger Armin Fidler). Er hat viel Erfahrung beim Thema Seuchenbekämpfung aus seiner Tätigkeit bei der WHO (Anm. Weltgesundheitsorganisation) und war einer unserer wichtigsten Ansprechpartner. Gleichzeitig haben wir auch seine Aussagen mit den Informationen aus der Bundesebene quergecheckt, wo es einen großen Expertenstab gegeben hat. Und wir haben das Hygieneteam der Krankenhäuser ins Boot geholt. Auch dort gibt es Epidemiologen, die sich sehr gut auskennen. Es wurden von allen Beteiligten verschiedene Szenarien erstellt, die wir dann täglich zusammengeführt haben. In der Regel haben wir sehr kongruente Prognosen erhalten. Wobei es gerade am Anfang eine große Bandbreite bei den Berechnungen gegeben hat.

Warum?
Rüscher: Die Modelle, die verwendet werden, sind in der Regel sehr verlässlich. Allerdings kommt es immer darauf an, mit welchen Parametern diese „gefüttert“ werden. Wir haben zum Beispiel nicht damit gerechnet, dass die Bevölkerung sich so strikt an die Ausgangsbeschränkungen halten wird. Unsere vorsichtige Prognose war, dass die Menschen bis zu 50 oder 60 Prozent ihrer Sozialkontakte reduzieren. Tatsächlich wurden aber über 90 Prozent der Kontakte eingestellt. Das hat uns geholfen, die Situation so gut zu bewältigen.

Keine Zweifel bezüglich der scharfen Maßnahmen

Es wurde sehr schnell mit sehr einschneidenden Maßnahmen reagiert. Hatten Sie auch manchmal Zweifel, ob die Schritte nicht zu streng sind?
Rüscher: Wenn ich gezweifelt habe, dann nur ob wir streng genug sind und nicht ob wir vielleicht über das Ziel hinausschießen. Denn die Prognosenb, die wir damals hatten, waren erschreckend. Man muss sich vorstellen, dass wir für den Fall, dass wir zu wenig Beatmungsgeräte für Intensivpatienten haben, bereits an einem Triagekonzept gearbeitet haben. Es ging darum, wer dann noch beatmet wird und wer nicht. An solchen Papieren wird nur geschrieben, wenn es wirklich ernst wird. Wir haben darum alles dafür getan, um zu verhindern, dass derartige Entscheidungen getroffen werden müssen.

Rüscher: Das Tragen von Masken hat auch eine Symbolwirkung. <span class="copyright">Hartinger</span>
Rüscher: Das Tragen von Masken hat auch eine Symbolwirkung. Hartinger

Die Maskenpflicht wurde von der Bevölkerung von einem Tag auf den anderen umgesetzt und befolgt. Nach dem Auslaufen der Verpflichtung sind Schutzmasken nun wieder ein seltener Anblick. Wie groß ist die Gefahr, dass es zurück zur „alten Normalität“ geht?
Rüscher: Eine unserer großen Sorgen ist, dass es nun von Sorgsamkeit in Richtung Sorglosigkeit geht. Ich verstehe die Sehnsucht der Menschen, dass alles wieder wird wie vorher. Allerdings ist das nicht der Fall. Wir müssen jetzt darauf achten, dass wir die kleinen und einfachen Schutzmaßnahmen, die jeder einhalten kann, beibehalten. Dazu gehören häufiges Händewaschen, Abstand halten und auch das freiwillige Tragen des Mund-Nasen-Schutzes, wenn der Abstand von einem Meter nicht eingehalten werden kann. Dazu muss man auch sagen, dass der Mund-Nasen-Schutz nicht nur die Wirkung hat, dass Aerosole zurückgehalten werden, sondern er hat auch eine Symbolwirkung. Wenn Menschen mit Masken unterwegs sind, halten wir automatisch mehr Abstand, weil sichtbar wird, dass irgendwas noch nicht ganz „normal“ ist. Und das brauchen wir derzeit auch. Darum bin ich jeder Person dankbar, die so mutig ist, eine Mund-Nasen-Schutzmaske zu tragen.

Negative Entwicklungen nicht verschweigen

Trotz düsterer Prognosen wurde die Pandemie bisher gut bewältigt. Das hat auch zu Kritik bezüglich der strengen Maßnahmen geführt. Ist man da Opfer des eigenen „Erfolgs“ geworden?
Rüscher: Das ist sicher so. Weil wir niedrige Infektionszahlen haben, entsteht einerseits der Eindruck, dass das alles nicht notwendig war. Dabei wird aber vergessen, dass gerade die Maßnahmen die Grundlage für die niedrigen Zahlen waren. Andererseits werden auch jegliche Vorsichtsmaßnahmen über Bord geworfen und man sagt: „Jetzt brauchen wir das alles nicht mehr.“ Beide Herangehensweisen sind nicht richtig. Wir hatten auch in Vorarlberg Personen mit schwerwiegenden Krankheitsverläufen und viele kämpfen nach wie vor mit den Nachwirkungen. Es ist eine Gratwanderung. Wir wollen nicht mit Angst arbeiten. Negative Entwicklungen einfach zu verschweigen, ist aber auch nicht richtig. Mein Ziel ist es, Zuversicht zu versprühen, weil wir gut aufgestellt sind.

“Arbeiten auf Hochtouren”

Gibt es jetzt im Sommer eine Atempause?
Rüscher: Wir haben uns vielleicht für den Sommer eine kleine Atempause erhofft, aber wir haben sie nicht. Denn wir nutzen jetzt jeden Tag und arbeiten in allen Ressorts auf Hochtouren daran, was wir tun, wenn eine größere Infektionswelle kommt und wie wir das verhindern können. Unsere Hauptaufgabe im Sommer ist es, die Katastrophenpläne auf den neusten Stand zu bringen, unsere Abläufe zu verbessern und die Schnittstellen zu stärken. Zugleich müssen wir den Teams, die die vergangenen drei, vier Monate mit höchstem Einsatz gearbeitet haben, eine Verschnaufpause gönnen. Denn wir rechnen damit, dass die Infektionszahlen im Herbst – vielleicht schon früher – wieder anziehen werden.

Wie groß ist die Angst vor dieser „zweiten Welle“?
Rüscher: Wir haben keine Angst davor. Wenn es passiert, dann passiert ist. Wir wissen jetzt, dass wir gut gerüstet sind. Wir beobachten die Situation genau und sind dann zum schnellen Handeln verpflichtet. Wir sind jederzeit bereit, loszulegen.