Allgemein

“Der Realität ins Auge schauen”

18.07.2020 • 19:02 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
In Vorarlberg stunden derzeit 1300 Unternehmen ihre Beiträge.            <span class="copyright"> Symbolbild Shutterstock</span>
In Vorarlberg stunden derzeit 1300 Unternehmen ihre Beiträge. Symbolbild Shutterstock

Kreditschutzverbände kritisieren Stundungen.

Die aus der Corona-Krise resultierende Wirtschaftskrise hat auch den Großteil der österreichischen Unternehmen voll getroffen. Die Regierung versucht diesbezüglich, mit Haftungen, Förderungen, aber auch mit Stundungen der Zahlungen von Sozialversicherungsbeiträgen und ans Finanzamt gegenzusteuern. Gerade letzteres wird von den Kreditschutzverbänden heftig kritisiert. Sie sprechen von einer „Insolvenzverschleppung“.

„Das, was man jetzt nicht zahlen kann, kann man auch danach nicht zahlen“, formuliert Regina Nesensohn, Leiterin des Standortes Feldkirch des KSV1870, ihren Standpunkt. Betriebe sollten nicht im Glauben gelassen werden, dass die staatlichen Förderungen ausreichen werden, um die Umsatzrückgänge zu kompensieren, sagt sie, „man muss der Realität ins Auge schauen“.

“Ein Rattenschwanz”

Dazu komme, dass die Frist für Insolvenzanträge von 120 auf 60 Tage verlängert worden sei. Für Nesensohn ist auch das eine Regelung, die sofort wieder abgeschafft gehört. „Je länger man wartet, umso schlechter wird die Unternehmensliquidation.“ Derzeit sei es vielleicht noch möglich, Unternehmen zu sanieren. Je länger diese Regelungen bestehen bleiben würden, umso schwieriger werde es, ist sie überzeugt. Zudem würden an den Betrieben natürlich auch Arbeitsplätze hängen, die bei einem Totalausfall wiederum zu einer Steigung bei den Privatkonkursen führen können – „ein Rattenschwanz“.

Laut Nesensohn „fehlen“ im Vergleich zum Vorjahr österreichweit aktuell gut 600 Firmenkonkurse, in Vorarlberg sind es knapp 30, wobei sie davon ausgeht, dass es vermutlich mehr sind. Mit der großen Insolvenzwelle rechnet Nesensohn Ende des Jahres bzw. Anfang kommenden Jahres, wenn Regelungen ausgelaufen sind. „Aber es hängt natürlich vieles davon ab, wie sich die Pandemie entwickelt.“

Regina Nesensohn vom KSV 1870 in Feldkirch.                               <span class="copyright">Studio Waelde</span>r
Regina Nesensohn vom KSV 1870 in Feldkirch. Studio Waelder

In Vorarl­berg sind es aktuell 1300 Unternehmen, die ihre Beiträge bei der Österreichische Gesundheitskasse (ÖGK) stunden, erklärt Manfred Brunner, Vorsitzender der Landesstelle. Laut Brunner geht es dabei, was alle Sozialversicherungsbeiträge – also auch Pensionsbeiträge, Arbeitslosenversicherung usw. – betrifft, derzeit um eine Summe von rund 74 Millionen Euro. In „normalen“ Jahren würden die Beitragsrückstände aufgrund von Zahlungsfristen bei rund 20 Millionen Euro liegen, erklärt er.

Die im Februar, März und April gestundeten Beiträge müssen bis spätestens 15. Jänner 2021 gezahlt werden. Falls das nicht möglich ist, besteht die Möglichkeit einer Ratenzahlung. Stundungen sind auch für Mai, Juni, Juli möglich, die gehen bis Ende August. Wie viele der Unternehmen nach Ablaufen der Frist nicht zahlen können, lasse sich derzeit nicht abschätzen, sagt Brunner. Vieles hänge auch davon ab, wie sich die Krise weiter entwickle.

Schnell angekommen

„Im Endeffekt waren die Stundungen die richtige Maßnahme, weil sie schnell bei den Unternehmen angekommen ist“, sagt hingegen Martin Ohneberg, Präsident der Industriellenvereinigung Vorarlberg. Man dürfe nicht vergessen, dass die Krise von einem Tag auf den anderen gekommen sei. Man könne sich natürlich schon die Frage stellen, warum nach so kurzer Zeit Liquiditätsprobleme auftreten, aber prinzipiell sei die Regelungen bei den Unternehmen gut angekommen.

Die vergangenen Jahre seien von hohen Investitionen und einer „überhitzten Wirtschaft“ gekennzeichnet gewesen, so Ohneberg. Das sei alles von einem Tag auf den anderen weggebrochen. Allerdings dürfe es mit der derzeitigen Regelung nicht getan sei. Je nachdem wie sich die Situation entwickle, werde es sicher eine Verlängerung brauchen, ist der IV-Präsident überzeugt. Und auch die Möglichkeit, die Stundungen in Ratenzahlungen umzuwandeln, müsse bleiben, sagt er. Dann könne auch davon ausgegangen werden, dass die Rückstände bezahlt werden.

FH-Wirtschaftsprofessor Markus Ilg.                                            <span class="copyright">Birgit Riedmann</span>
FH-Wirtschaftsprofessor Markus Ilg. Birgit Riedmann

Nachvollziehbar ist die Position der Kreditschutzverbände für Markus Ilg, Fachbereichsleiter Wirtschaft und Hochschullehrer an der FH Vorarl­berg: „Ich sehe das genauso.“ Er geht davon aus, dass es Ende dieses bzw. Anfang nächsten Jahres nicht nur einen Nachholeffekt bei den Insolvenzen geben wird, sondern dass es mehr werden, weil die betriebswirtschaftlichen Probleme durch die staatlichen Maßnahmen nicht gelöst werden. Ilg befürchtet daher ebenso eine Insolvenzverschleppung und in Folge eine Schlechterstellung der Gläubiger.

Er schließt zwar nicht aus, dass die Stundungen im Einzelfall hilfreich für ein Unternehmen sein können, um die Liquidität zu erhalten. Aber im Durchschnitt sei das wohl nicht der Fall, glaubt der Wirtschaftsprofessor.

“Nicht so dramatisch”

„Nicht dramatisch“. Nicht ganz so kritisch sieht Christoph Jenny, Direktor der Wirtschaftskammer Vorarlberg, die Stundungen. Nach Ablaufen der Fristen werde man schauen, ob die Stundungen Corona-bedingt waren oder nicht, meint er. Ausschließen könne man nicht, dass die eine oder andere Geschäftsentwicklung nicht so verlaufe wie erhofft. „Einen Nachholeffekt wird es bei den Insolvenzen schon geben, aber nicht mehr“, so Jenny.

Du hast einen Tipp für die NEUE Redaktion? Schicke uns jetzt Hinweise und Bilder an redaktion@neue.at.