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Pandemie-Beirat gefordert

23.07.2020 • 23:06 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Die Infektionsordination.<span class="copyright"> Klaus Hartinger</span>
Die Infektionsordination. Klaus Hartinger

Ärztekammer Vorarlberg zog Bilanz über die vergangenen Monate.

Dass uns die Pandemie so treffen wird, davon wurden wir schon überrascht. Selbst für mich als Mediziner war es nur schwer vorstellbar, dass uns das Virus überhaupt so tangieren wird“, sagte am ges­trigen Donnerstag Ärztekammerpräsident Michael Jonas im Rahmen eines Pressegespräches in Dornbirn. In diesem sprachen neben Jonas auch dessen Stellvertreter Burkhard Walla, Ruth Krumpholz, Leiterin der Covid-Krankenhäuser Vorarlberg, sowie Robert Spiegel, Ini­tiator der Infekt-Ordination, über ihre Erfahrungen während der vergangenen von der Covid-19-­Pandemie geprägten Monate.

Michael Jonas, Präsident der Vorarlberger Ärztekammer. <span class="copyright">Klaus Hartinger</span>
Michael Jonas, Präsident der Vorarlberger Ärztekammer. Klaus Hartinger

Verbindlichkeit

Aufgrund der sehr raschen Entwicklung hätte es anfänglich Befürchtungen gegeben, dass sich die Situation ähnlich jener der italienischen Lombardei entwickeln könnte. Jonas dazu: „Laut einem Bericht aus Bergamo vom 17. März waren damals bereits 40 Ärzte aufgrund mangelnder Schutzausrüstung an den Folgen von Covid-19 verstorben. Das hat uns sehr getroffen.“ Aufgrund dieser tragischen Meldungen und auch um künftig solche Szenarien in Vorarlberg zu verhindern, forderte der Ärztekammerpräsident gestern unter anderem eine bessere Planung und mehr Verbindlichkeit, um in Krisensituationen richtig und rasch handeln zu können. Denn seitens der Politik hätte es anfänglich etwas gedauert, „bis Expertisen angenommen wurden, dann wurden sie aber zu 100 Prozent angenommen“.

Burkhard Walla klagt über mangelnde Koordination.  <span class="copyright">Klaus Hartinger</span>
Burkhard Walla klagt über mangelnde Koordination. Klaus Hartinger

Wie sich die Situation im niedergelassenen Bereich konkret dargestellt hat, darüber informierte Burkhard Walla. Gemäß seinen Angaben war man zu Beginn sehr „eigenverantwortlich unterwegs, denn wir waren nicht in eine Gesamtstruktur eingebunden“. So hätten Allgemeinmediziner auf Eigeninitiative damit begonnen, Konzepte zu entwickeln, wie sie sich selbst und ihre Patienten vor einer möglichen Ansteckung in den Ordinationen schützen könnten. „Die Grippewelle war gerade am Auslaufen und wir wussten eigentlich nicht, wer nun mit Covid-19 infiziert ist oder ob es sich nur um einen banalen Infekt handelt. Wir mussten davon  ausgehen, dass jeder, der ein wenig Husten oder Schnupfen und vielleicht Fieber hat, infiziert ist“, zeigte Walla das Problem auf. Es sei eine große Herausforderung gewesen zu verhindern, dass das Virus sich in den Ordinationen verbreitet. „Wir haben sehr rasch versucht, so wenig als möglich Patienten in den Ordinationen zu haben. Es wurde dann etwa über Telefontriagen gefiltert, wer überhaupt noch in die Praxen kommen durfte“, berichtete Walle.

Er kritisierte, dass es dem niedergelassenen Bereich an Koordination gemangelt hätte – trotz großen Bemühungen seitens der Gesundheitslandesrätin Martina Rüscher (ÖVP). Diese sei stets gut erreichbar gewesen – vor allem, als es um die Einrichtung der sogenannten Infektionsordination gegangen ist.

Burkhard Walla übte Kritik an der Gesundheitskasse. <span class="copyright">Klaus HArtinger</span>
Burkhard Walla übte Kritik an der Gesundheitskasse. Klaus HArtinger

Kritik an ÖGK

Über die Österreichichsche Gesundheitskasse (ÖGK) konnte Walla dies indes nicht sagen. Gerade während der Installation der Infektions-Ordination sei es sehr mühsam gewesen, so Walla. „Uns wurde seitens der ÖGK mitgeteilt, dass eine solche Infektions-Ordination in Vorarlberg nicht gebraucht werde.“ Er kritisierte weiters, dass die Struktur der ÖGK gerade für schnelles, regionales Reagieren nicht sonderlich wirksam sei. Etwa sei die Kasse auch in Fragen bezüglich der Aufrechterhaltung der Versorgung in Vorarlberg nicht fassbar gewesen, so Walla, der in diesem Zusammenhang betonte, dass dies kein Vorwurf an die regionalen Funktionäre oder Beamten ist. „Die waren für uns immer erreichbar. Jedoch werden bei der ÖGK mittlerweile Entscheidungen nicht mehr im Land getroffen“, zeigte Walla auf.

Überrascht sei die Kammer davon gewesen, dass ihr der Ball zugespielt worden sei, den niedergelassenen Bereich mit dem nötigen Schutzmaterial zu versorgen. „Das war eine Aufgabe, welche die Ärztekammer bisher nicht gehabt hatte. Aber selbstverständlich haben wir diesen Ball dann aufgenommen. Wir haben einiges gelernt, etwa wie man mit chinesischen Masken umgehen muss, was für Prüfzertifikate wichtig sind“, sagte Walla.

Das LKH Bludenz war eines von zwei Covid-19-Spitäler im Land. <span class="copyright">Klaus Hartinger</span>
Das LKH Bludenz war eines von zwei Covid-19-Spitäler im Land. Klaus Hartinger

Kein Shutdown

Keinen weiteren Shutdown für die Landesspitäler Bludenz und Hohenems wünschte sich gestern Ruth Krumpholz. Die Leiterin der Covid-Krankenhäuser berichtete, dass es sicherlich nicht sinnvoll sei, wenn die medizinischen Versorgungsstrukturen komplett stillgelegt werden. Laut Krumpholz müsse eine alternative Struktur aufgebaut werden, damit ein normaler Spitalsbetrieb auf möglichst hohem Niveau weitergeführt werden kann und wichtige Operationen nicht verschoben werden müssen. Ebenfalls sei es für die Mediziner sehr belastend gewesen, dass sich Angehörige von im Sterben liegende Patienten nicht verabschieden konnten. „Das hat uns sehr berührt und wir wurden alle sehr empfindlich. Es war für alle beteiligten eine sehr herausfordernde Situation“, so Krumpholz.

Medizinerin Ruth Krumpholz. <span class="copyright">Klaus Hartinger</span>
Medizinerin Ruth Krumpholz. Klaus Hartinger

Für die Zukunft wünsche sich Jonas, dass es gesetzlich möglich sein soll, dass die Sanitätsbehörde Allgemeinmediziner über mit Covid-19 infizierte Patienten informieren kann. Dies sei derzeit aus rechtlicher Sicht – Stichwort Datenschutz – nicht möglich. „Hier gehört eine gesetzliche Anpassung her. Ich selbst habe jemanden endoskopiert, der mir im Nachhinein gesagt hat, dass er positiv getestet worden ist“, sagte Walla.

Michael Jonas betonte, dass es für die Zukunft wichtig ist, „dass genügend Schutzausrüs­tung vorhanden ist“. Spitals-Ambulanzen seien ebenso wie die Praxen der Allgemeinmediziner vom Mangel betroffen gewesen. Die Bereitstellung der notwendigen Materialien liege in der Verantwortung des Landes und dürfe nicht den Ärzten überlassen werden. Ebenso müsse eine ausreichende und sinnvolle Testkapazität sichergestellt werden. Derzeit liege das Limit in der Pathologie am LKH Feldkirch bei 400 Tests pro Tag. Jonas hoffte, dass diese Kapazität auf 1000 Tests pro Tag aufgestockt werde.

Beirat gefordert

Weiters sprach sich die Ärztekammer für die Einrichtung eines „Pandemie-Beirats mit medizinischer Expertise“ aus. Dessen Aufgabe soll es sein, die zuständigen Stellen im Land fachlich zu beraten, „damit die Maßnahmen in sinnvollen Strukturen in einem gesicherten medizinischen Niveau umgesetzt werden können“, so die Ärzte.

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