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„Das religiöse Gesicht“

25.07.2020 • 20:04 Uhr / 9 Minuten Lesezeit
Bischof Benno Elbs sieht die Krise auch als Chance für Veränderungen. <span class="copyright">Hartinger</span>
Bischof Benno Elbs sieht die Krise auch als Chance für Veränderungen. Hartinger

Bischof Benno Elbs über die Auswirkungen von Corona.

Wie haben sich die vergangenen Wochen und Monate auf die katholische Kirche ausgewirkt?
Benno Elbs: unterschiedliche Bereichen. Besonders stark betroffen waren die Gottesdienste, weil diese alle abgesagt worden sind. Allerdings haben wir Wert darauf gelegt, dass die Kirchen offen bleiben, damit diese als Raum der Hoffnung oder – wie es ein Mediziner einmal ausgedrückt hat – als begehbares Medikament zur Verfügung stehen. Auch die großen Feste, wie etwa die Erstkommunion, die Firmungen und ein Großteil der Hochzeiten, wurden abgesagt. Beerdigungen waren ebenfalls betroffen. Die Verabschiedung konnte nicht in einem großen Gottesdienst erfolgen, sondern nur im kleinen Rahmen auf dem Friedhof. Das war teilweise sehr bedrückend, hat teilweise aber auch eine große spirituelle Tiefe gehabt. Dazu hat sich in der Kirche als „Unternehmen“ einiges geändert.

Was?
Elbs: Wir haben an die 1600 Mitarbeiter, inklusive Caritas und in St. Arbogast. Da gab es auch ganz unterschiedliche Situationen mit Homeoffice, Kurzarbeit und anderen Fragen, die sich auch in einem Unternehmen stellen. Dazu mussten wir uns die Frage stellen, wie man trotz der Pandemie Nähe und Präsenz aufrecht erhalten kann. Da hat sich sehr große Kreativität entwickelt. Es wurde versucht, Menschen anzurufen. In einer Pfarre wurden am Palmsonntag Palmzweige an jede Haustür gelegt. Wir haben außerdem die Initiative Sommerkirche gestartet. Der Ort, an dem der nötige Abstand gehalten werden kann und der am ungefährlichsten ist, ist die Natur – die Schöpfung.

Auf dem Muttersberg erfolgte der Auftakt zur Sommerkirche. <span class="copyright">Stiplovsek</span>
Auf dem Muttersberg erfolgte der Auftakt zur Sommerkirche. Stiplovsek

Sind die Gottesdienste in der Natur auch ein Zurück zu den Wurzeln?
Elbs: Das ist sicher ein Punkt. Die größte und schönste Kathedrale, die wir haben, ist die Schöpfung. Und wenn Sie von „Zurück zu den Wurzeln“ sprechen, muss man auch sagen, dass es eine Wiederentdeckung der Hauskirche gegeben hat. Die ersten Christen sind ja verfolgt worden und konnten ihre Gottesdienste nur in den Häusern und Familien feiern. Wir haben aufgrund der Pandemie in den Medien und auch im Internet Möglichkeiten aufgezeigt, wie man Hauskirche leben kann. Das werden wir auch weiterhin tun, und ich hoffe, dass in den Familien weiter gebetet wird und sich auch neue Formen des Gebets entwickeln.

Zur Person

Benno Elbs wurde am 16. Oktober 1960 in Bregenz geboren. Aufgewachsen ist er in Langen bei Bregenz. Nach der Volksschule und der Matura am Gymnasium hat er in Innsbruck Theologie studiert und das Studium 1986 mit dem Doktorat abgeschlossen. Außerdem hat er eine psychologische und therapeutische Ausbildung absolviert. 1986 wurde er zum Priester geweiht. Unter seinem Vorgänger als Bischof Elmar Fischer wurde er 2005 zum Generalvikar. Am 8. Mai 2013 wurde er von Papst Franziskus zum Bischof von Feldkirch ernannt. Die Weihe erfolgte am 30. Juni 2013.

Es gibt auch diese Vorstellung, dass Menschen in Krisenzeiten zurück zum Glauben finden. Spüren Sie das?
Elbs: Das ist momentan noch schwer abzuschätzen. Es gibt den Satz „Not lehrt beten“ und das stimmt auch. Allerdings sind wir glücklicherweise nicht in eine Situation geraten wie etwa mein Bischofskollege in Bergamo, wo es am Tag 600 Tote gegeben hat. Die Erfahrung der Bedrohung war bei uns daher nicht so stark, aber manche Menschen haben die Dankbarkeit entdeckt, was aus meiner Sicht auch eine Form der Religiosität ist. Dazu haben sich viele die Frage gestellt: Was brauche ich wirklich zum Leben? Eine weitere religiöse Haltung ist die Achtsamkeit. Viele Menschen waren sehr achtsam in ihrem Umgang mit anderen oder haben geschaut, wer Hilfe und Unterstützung braucht. Diese Form der Nächstenliebe war stark und ist auch gewachsen. Wenn man nun sagt, dass Spirtualität und Nächstenliebe Religiosität ausmachen, dann würde ich schon sagen, dass das Land ein religiöses Gesicht gezeigt hat.

Das Interview fand im Garten des Bischofshaus in Feldkirch statt. <span class="copyright">Hartinger</span>
Das Interview fand im Garten des Bischofshaus in Feldkirch statt. Hartinger

Gerade in schwierigen Zeiten stellen sich viele Menschen auch die Frage nach dem Warum. Wie lautet Ihre Antwort auf diese Frage?
Elbs: Viktor Frankl, bei dem ich die Ausbildung in der Existenzanalyse gemacht habe, hat immer gesagt: „Die Frage nach dem Warum bringt uns nicht weiter, weil wir darauf keine Antwort bekommen.“ So ist es auch in diesem Fall. Was uns aber weiterbringt ist die Frage nach dem Wozu und wohin uns die Krise führt. Es ist eine Chance. Wenn wir gut mit der Krise umgehen, kann uns das zu mehr Solidarität und zu einem nachhaltigeren Wirtschaften führen.

Die größte und schönste Kathedrale, die wir haben, ist die Schöpfung.

Bischof Benno Elbs

Wie wichtig ist es, die richtigen Lehren aus der aktuellen Situation zu ziehen?
Elbs: Das ist ganz entscheidend. Darum habe ich auch ein bisschen Mühe mit teilweise polemischen Diskussionen, bei denen versucht wird, gesellschaftspolitisches Kleingeld zu machen. Im Endeffekt gab es eine Vollbremsung, die keiner von uns geplant hat. Jetzt ist die Frage: Wie setzen wir das alles neu auf? Da geht es um wichtige Faktoren wie etwa die Menschlichkeit und Solidarität. Dazu gehört auch die Frage, welche Wirtschaftszweige werden jetzt im Sinne der Zukunft unserer Welt gefördert und unterstützt. Und es geht darum, wie wir das gesellschaftliche Miteinander gestalten. Für mich als Theologen kommt auch noch der Faktor des Vertrauens hinzu. Das Vertrauen darin, dass in solch einer Situation Gott mit uns ist und Gutes entsteht, wenn viele Menschen sich um das Gute bemühen.

Die Corona-Pandemie hat auch wirtschaftliche Auswirkungen. Erwarten Sie eine Ausweitung der Armut?
Elbs: Das spüren wir bereits jetzt. Immer mehr junge Familien haben Geldsorgen, weil die Eltern etwa die Arbeit verloren haben oder in Kurzarbeit sind. In den Beratungsstellen der Caritas merken wir schon eine erhöhte Zahl an Anfragen. Deshalb unterstützt die Bischofskonferenz den Corona-Hilfsfonds, den die Caritas gegründet hat. Wir wollen Menschen helfen, die wegen Corona in wirtschaftliche Not geraten sind. Schön finde ich auch, dass viele unserer Priester auf Anregung unserer Dekane ein halbes Monatsgehalt an diesen Fonds spenden, um einen Beitrag zu leisten.

Das Thema Zusammenhalt scheint in jüngster Zeit an Bedeutung gewonnen zu haben. Wie schaut es mit der weltweiten Solidarität aus?
Elbs: Im ersten Moment schaut man in der Krise natürlich immer auf die kleinste Einheit: die Familie, das Land, den Staat, Europa. Man hat ja auch gesehen, dass in einem ersten Reflex die Grenzen geschlossen worden sind. Als man dann aber Zeit zum Durchatmen hatte, merkte man, dass das nicht funktioniert. Es gibt keine Insel der Seligen. Dann braucht es wieder ein behutsames Öffnen für die Welt. Darum gibt es nächsten Freitag auch die Aktion „Glocken gegen Hunger“ von der Caritas. Deren Sinn ist es, darauf aufmerksam zu machen, dass der Hunger immer noch die größte Bedrohung auf der Welt ist. Hier braucht es Solidarität. Denn wir können nur alle gewinnen oder alle verlieren.

Benno Elbs glaubt an das Gute im Menschen. <span class="copyright">Hartinger</span>
Benno Elbs glaubt an das Gute im Menschen. Hartinger

Wie groß sind die Chancen, dass alle gewinnen?
Elbs: Ich bin sehr optimistisch. Letztendlich ist der Mensch im Innersten gut. Ich hänge nicht der Theorie an, dass der Mensch des Menschen Wolf ist, sondern dass der Mensch des Menschen Freund ist. Aus theologischer Sicht ist jeder Mensch ein Tempel Gottes und in jedem ist Gott präsent. Das ist meine tiefste Überzeugung und darum betrachte ich auch jeden Menschen mit größter Wertschätzung. Wenn viele so denken, dann ist die Zukunft gesichert. Persönlich hilft mir auch das Zitat von Hölderlin, der gesagt hat: Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch. Das zeigt sich im Kleinen wie etwa in der Familie oder wenn in einer Region ein großes Unglück passiert. Das zeigt sich aber auch im kürzlich beschlossenen europäischen Rettungsschirm. Bei allen politischen Diskussionen hat die Idee gewonnen: Wir schaffen es nur gemeinsam. Und das hoffe ich auch für die Welt.

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