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“Alte Muster bieten Sicherheit”

01.08.2020 • 18:39 Uhr / 9 Minuten Lesezeit
Frauen- und Soziallandesrätin Katharina Wiesflecker.                       <span class="copyright">Hartinger </span>
Frauen- und Soziallandesrätin Katharina Wiesflecker. Hartinger

Landesrätin Katharina Wiesflecker im Interview.

Wir haben eine gute Woche vor dem Corona-Shutdown ein Interview zum Internationalen Frauentag geführt. Sie haben damals unter anderem gesagt: „Viele junge Männer gehen die Thematik viel selbstverständlicher an und versuchen auch, eine Gleichstellung zu leben“. Das war in der Krise wohl mehr Theorie als Praxis, oder?
Katharina Wiesflecker: a, das ist richtig. In der Krise haben wir genau das Gegenteil erlebt, einen Rückfall in die klassische Rollenverteilung. Die Frauen, die Mütter, haben sich um Homeschooling und Haushalt gekümmert und der Mann um die Erwerbsarbeit.

Gibt es dazu auch Zahlen?
Wiesflecker:Ein Drittel der Frauen haben in dieser Zeit ihr Beschäftigungsausmaß reduziert, ein Viertel der Männer. Männer haben teilweise also schon auch Familienarbeit übernommen. Und eine andere Zahl: Es gibt nun 82 Prozent mehr arbeitslose Frauen im Vergleich zum Vorjahr, bei den Männern sind es 73 Prozent. Es sind ganz viele Frauenarbeitsplätze verloren gegangen.

Wobei es in der Krise gerade „Frauenberufe“ waren, die so hochgelobt worden sind: Verkäuferinnen, Krankenpflegerinnen …
Wiesflecker: Die Stellen sind vor allem in Bereichen wie dem Tourismus weggefallen. Deshalb habe ich auch das Tourismuspaket vom Land stark unterstützt, weil es da um viele Frauenarbeitsplätze geht. In der Pflege oder im Lebensmittelhandel sind die Arbeitsplätze sicher.

Warum sind in Krisen die alten Muster vielfach so dominant?
Wiesflecker: Das haben wir auch schon in verschiedenen Kontexten diskutiert. Ein Grund dafür ist vermutlich, dass alte Muster Sicherheit bieten. Wenn man in instabilen Situationen lebt, zieht man sich gerne auf Bekanntes zurück. Ein Thema ist natürlich auch die existenzielle Situation, und normalerweise ist das Gehalt des Mannes höher. Dann stützt man sich natürlich darauf. Das ist sowieso ein grundsätzliches Problem.

Kann Frauenpolitik da wirklich konkret etwas ändern?
Wiesflecker: Ich glaube, dass man gerade nach der Krise wieder verstärkt frauenpolitisch argumentieren und agieren muss, etwa am Arbeitsmarkt. Wenn es darum geht, Arbeitsplätze zu sichern, muss immer auch der Fokus auf Frauen gelegt werden. Ich glaube auch, dass es möglich ist, diesen Rückfall in klassische Muster zu thematisieren und diesbezüglich wieder zu sensibilisieren. In Krisen sieht man Problemfelder ja häufig wie durch eine Lupe, stark vergrößert.

Das Land hat die neue Sozialhilfe adaptiert. Die Summe wird für den einzelnen Betroffenen größtenteils weniger werden, oder?
Wiesflecker: Es ist unterschiedlich. Wir haben das Grundsatzgesetz des Bundes in ein Ausführungsgesetz umsetzen müssen. Sonst hätten wir an unserer Mindestsicherung nichts verändert. Profitieren werden etwa Alleinerziehende, weil es für sie einen Bonus gibt. Eine erhöhte Sozialhilfe ist auch für Menschen mit Beeinträchtigung vorgesehen. Bedarfsgemeinschaften werden einen etwas erhöhten Anteil fürs Wohnen bekommen, weil da vom Bund bis zu 30 Prozent Zuschuss gewährt werden. Das heißt, die Wohnkosten werden realistischer abgebildet. Das geht auf Kosten des Lebensunterhaltes, man muss aber schon ganz gut darauf achten, dass die Familien genug Geld haben, um den Lebensunterhalt abdecken zu können. Wir halten das Niveau. Eine Gruppe wird es besonders schwer haben, die subsidiär Schutzberechtigten.

Was heißt das konkret?
Wiesflecker: Die werden – in Vorarlberg sind es etwa 300 –auf das Niveau der Grundversorgung zurückgestuft. Wir versuchen, das unter Ausnützung der Übergangsfristen, die uns noch bis Mitte nächsten Jahres eingeräumt sind, möglichst lang hinauszuzögern. Und natürlich versuchen wir noch möglichst viele am Arbeitsmarkt unterzubringen, aber der ist bekanntlich eingebrochen.

Insgesamt gehen Sie aber im nächsten Jahr von einer Steigerung von zwanzig Prozent im Vergleich zum laufenden Jahr bei der Sozialhilfe aus. Was ist der Grund dafür?
Wiesflecker: Das ist eine Schätzung. Manche Bundesländer gehen sogar von einem Plus von bis zu 30 Prozent aus. Die Steigerungen werden aber verzögert kommen. Wir haben seit Mai Zuwächse bei der Mindestsicherung, aber die sind noch nicht gravierend. Derzeit funktioniert etwa die Kurzarbeit noch gut und natürlich wirken auch die Stützpakete von Bund und Land.

Und dann?
Wiesflecker: Ich rechne damit, dass es zeitverzögert weiterhin erhöhte Arbeitslosigkeit gibt, die sich festigen wird. Sehr große Sorgen mache ich mir – weil ich das auch in meinem Umfeld bei vielen beobachte –, inwieweit Selbstständige, also EPU (Ein-Personen-Unternehmen, Anm.), das schaffen. Denen sind jetzt über Monate hinweg alle Einkünfte weggebrochen und da ist auch kein Eigenkapitel da, um das zu kompensieren. Da gehe ich davon aus, dass viele in die Sozialhilfe kommen.

In Hinblick auf die Covid19-Pandemie wird derzeit auf allen Ebenen versucht, eine sogenannte zweite Welle zu verhindern. Unsicherheit herrscht vor allem in Hinblick auf den Herbst. Wie schauen da die Planungen für die Pflegeheime aus?
Wiesflecker: Wir sind derzeit in einer Phase, in der wir eine „Krisenfestigkeit“ etablieren wollen. Die Zeit über den Sommer müssen wir gut nützen, um aus den Erfahrungen der ersten Welle zu lernen – auch mit dem Bewusstsein, manches vielleicht anders machen zu müssen. Im Rückblick glaube ich schon, dass es in den Pflegeheimen im Großen und Ganzen gut gegangen ist.

Es gab in den Heimen elf Todesopfer, oder?
Wiesflecker: Ja, wir hatten bisher elf Todesfälle in zwei von rund 50 Pflegeheimen zu bedauern. In Spanien waren 15 Prozent der Bewohner von Pflegeheimen als Todesopfer zu beklagen – 15 Prozent! Wenn ich das auf Vorarlberg umrechne, wären das über 300 Menschen. Wir sind bei einer Rate von 0,5 Prozent. Es ist wirklich gut gelungen, aber mit hohem Aufwand. Diesen Einsatz haben vor allem die Pflegefachkräfte in den Heimen geleistet.

Wie kann diese „Krisenfestigkeit“ ausschauen?
Wiesflecker: Wir hatten schon einige sehr intensive Gesprächsrunden mit Systempartnern, damit wir gemeinsam lernen. Wichtig ist es, in den Pflegeheimen Krisenpläne zu haben, inklusive einer Art Checkliste, die beinhaltet, was man etwa macht, wenn ein Verdachtsfall oder eine Infektion auftreten. Damit soll eine gute Grundlage geschaffen werden und Gewissheit, welche Schritte wann zu machen sind. Das Wichtigste ist mir, dass Sicherheit besteht. Ganz anders ist die Situation natürlich auch, was Schutzausrüstung betrifft.

Die war zunächst ja Mangelware, oder?
Wiesflecker: Ja, in der ersten Welle hatten wir am Anfang das Riesenproblem, überhaupt genug und die richtige Schutzausrüstung zu bekommen. Mittlerweile haben wir Krisenlager – in den Heimen, aber auch ein Zentrallager. Dann haben wir natürlich viel gelernt, was Hygiene betrifft und da sind die Heime sehr gut aufgestellt. Es ist schon viel gelernt worden. Mit diesem Wissen kann man jetzt ganz anders umgehen. Prinzipiell wird auch weniger generell verordnet werden, sondern mehr individuell geschaut. Wenn ein Verdachts- oder ein Infektionsfall in einem Heim auftreten, müssen andere Heime nicht gleichzeitig auf diesem Niveau agieren.

Wie groß ist eigentlich die Sorge, dass die Situation noch einmal eskaliert?
Wiesflecker: Die Sorge, dass sie eskaliert, habe ich nicht. Aber wir werden mit Corona umgehen müssen. Das wird uns lange begleiten. Im Moment geht es uns sehr gut, aber es ist wichtig, wieder erhöhtes Bewusstsein zu schaffen. Man nimmt natürlich wahr, dass teilweise schon wieder vergessen wird, dass wir eine Pandemie haben. Es ist viel vernünftiger, jetzt mit gewissen Vorsichtsmaßnahmen wieder in den Herbst zu gehen als die Sache jetzt leger zu handhaben und dann im Herbst wieder Rieseninfektionswellen zu bekommen.

Wie schauen eigentlich Ihre Urlaubsplanungen aus?
Wiesflecker: Ich habe die ersten Wochen im August Urlaub geplant. Ich halte es schon für wichtig, zu versuchen, wenigstens drei Wochen am Stück zu gehen, damit ein gewisser Erholungswert vorhanden ist, Herbst und Winter werden sicher wieder intensiv.

Sie fahren also nicht weg?
Wiesflecker: Ich bin da. Wir verbringen nur ein paar wenige Tage aus familiären Gründen in Wien, aber sonst werden wir dableiben. Das geht heuer aber vermutlich vielen so. Jetzt ist es aber einfach mal wichtig, eine Pause zu machen, und runterzukommen und mit der Familie zusammen zu sein.

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