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Einer, der den Bäumen zuhört

12.08.2020 • 15:00 Uhr / 9 Minuten Lesezeit
Conrad Amber ist Fotograf, Autor, Vortragender und Naturdenker. <span class="copyright">Oliver Brida</span>
Conrad Amber ist Fotograf, Autor, Vortragender und Naturdenker. Oliver Brida

Conrad Amber setzt sich speziell für Wälder und Bäume ein.

Conrad Amber hegt zwei große Leidenschaften. Erstens: die Natur im großen Ganzen und Wälder und Bäume im Speziellen. Zweitens: die Menschen lehren, die Natur und speziell Wälder und Bäume mehr zu achten und zu schätzen.

Nicht nur hier in Vorarlberg, sondern in ganz Europa. Deswegen hat er Bücher geschrieben: „Baumwelten“ und „Bäume auf die Dächer! Wälder in die Stadt!“ Deswegen bringt er seinen Leitspruch regelmäßig bei seinen Vorträgen an: „Pflanze einen Baum. Gib ihm einen Namen. Sorge dafür, dass er dich überlebt. Wann? Jetzt. Wo? Egal!“ Natürlich glaubt Conrad Amber nicht an’s „Egal“, sondern im Gegenteil daran, dass alles zählt, was wir tun.

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Conrad Amber

Positiver Dinge

Er glaubt auch daran, dass wir das hinbekommen mit den Bäumen und den Wäldern im Speziellen und unserem Planeten überhaupt. „Tragisch wäre nur, wenn wir dafür noch mehr Katastrophen und 40 Grad-Sommer bräuchten.“ Ambers Vorstellung zufolge geht es Schritt für Schritt, nach dem Schneeballprinzip. Ein paar tausend Menschen pflanzen Bäume und stecken damit wiederum andere Menschen an.

Einige von ihnen gehen in Conrad Ambers Vorträge und erzählen weiter, was sie gehört haben. Manche kaufen sich seine Bücher und ziehen ernsthaft in Erwägung, ihr Dach begrünen zu lassen. Wieder andere pflanzen einen bienen- und vogelfreundlichen Strauch in ihrem Garten, stellen eine Vogeltränke auf und beobachten danach regelmäßig die Vögel. Einer kommt nach Hause, setzt sich unter die ausladende, breite Buche in seinem Garten und atmet tief aus und ein. Dieser eine ist Conrad Amber.

C<span class="copyright">onrad Amber</span>
Conrad Amber

Bäume mit sozialem Verhalten

„Bei Waldbäumen ist soziales Verhalten nachgewiesen“, beginnt er zu erzählen. „Eine Mutterbuche lässt in einem sogenannten Mastjahr Hunderttausende Bucheckern rings um sich fallen. Wenn der Kindergarten nach ein, zwei, drei Jahren beginnt auszutreiben, reduziert die Mutterbuche ihre Nahrungsaufnahme auf ein Minimum. Sie erhält nur ihre wichtigsten Funktionen aufrecht und bildet kaum Jahresringe, um den Jungpflanzen möglichst wenige Nährstoffe wegzunehmen. Die Mutterbuche gibt außerdem Nährstoffe über ihre Wurzeln an die Nachkommen weiter.

Haben diese eine Höhe von etwa drei Metern erreicht, kehrt die Mutterbuche zu ihrem normalen Verhalten zurück. Und irgendwann verdrängen die Jungbäume den alten Baum, bis dieser abstirbt. Am Ende werden von den Tausenden von Nachkommen zwei überlebt haben – dank der Pflege durch ihren Mutterbaum.“ Bäume als soziale Wesen mit einer Form von Bewusstsein? Das ist für Amber kein ungewohnter Gedanke.

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Conrad Amber

Gespeicherte Informationen

Die Wissenschaft sei noch nicht sicher, wie es einzuordnen sei, aber beobachtet worden sei auch folgendes Phänomen: Wenn der Wurzelstock eines toten Baums im Boden bleibt, stirbt er viele Jahre lang nicht ab, die umgebenden Bäume versorgen ihn mit Nährstoffen. Bei Fichten wird dies oft beobachtet.

Warum tun sie das? Sind im Wurzelstock etwa die Informationen gespeichert, die der Mutterbaum im Laufe vieler Jahrzehnte gesammelt hat, zum Beispiel im Umgang mit Dürren oder Schädlingen, und können die umgebenden Pflanzen diese Informationen abrufen? „Ich weiß es nicht, aber ich finde solche Beobachtungen sehr spannend“, kommentiert Conrad Amber, der auch die „Stimme der Bäume“ genannt wird.

Bäume schenken Leben

Wälder geben Sauerstoff ab und binden CO2, zum einen in der lebenden Biomasse, zum anderen im Waldboden. Sie filtern Schadstoffe und Feinstaub, kühlen im Sommer und wärmen im Winter. Sie sind ein Wasserregulator: Überschüssiges Wasser bei Überschwemmungen und Starkregen halten sie zurück, speichern es für lange Zeit und geben es nach und nach ab. Das Klima etwa im Sommer ist feuchter und ausgeglichener als außerhalb des Waldes.

Lebensraum Wald. <span class="copyright">Conrad Amber</span>
Lebensraum Wald. Conrad Amber

Dieser ist auch Lieferant für Holz – wobei viele Menschen laut Conrad Ambers Erfahrung den Wald einzig und allein auf diese Funktion beschränkt sehen. Außerdem schützt Wald vor Lawinen, Steinschlägen und Muren und ist ein Windbrecher, ohne den in Tallagen häufiger orkanartige Winde wehen würden. Wald ist für uns ein Erholungsraum, ein Ort der Ruhe und Entspannung. Und ein Lebensraum für Pflanzen, Tiere, Pilze, Flechten, nicht zuletzt auch für Jagdtiere.

Auf-Bäume-Klettern

So hat der junge Conrad Wald entdeckt: mit seinem Vater, der Hobbyjäger war. „Wir waren häufig im Hohenemser Ried, am Alten Rhein, in den Wäldern des Bregenzerwalds und am Arlberg unterwegs. Das Tiere Töten entspricht nicht meiner Natur, und also hatte ich in dieser Zeit stattdessen Gelegenheit, alles um mich herum zu entdecken und zu beobachten. Diese Eindrücke sind in meinem Kopf und Herz hinterlegt. Das Auf-Bäume-Klettern ist in meinem Gedächtnis als elementare Kindheitserfahrung abgelegt.“

Auch während er sich sein „traditionelles bürgerliches Leben“ mit Unternehmen gründen, Haus bauen und Kinder bekommen aufgebaut hat, war sein Ausgleich stets die Natur, das Empfinden von Unbeschwertheit, Abenteuer und einem ganz einfachen Leben. „Nicht Sport oder Flugreisen sind für mich Erholung, sondern das Sein in ursprünglicher Natur.“ Je mehr er sich forschend mit dem Wald, mit Bäumen auseinandergesetzt hat, umso intensiver ist seine Überzeugung geworden, dass wir Teil der Natur sind.

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Conrad Amber

„Dieses Gefühl braucht Ruhe, Zeit, sich zu öffnen, emotionale und seelische Empfindsamkeit, um zu spüren, was gibt mir der Ort? Je länger ich mich der Stille, der Entschleunigung, dem Blätterrauschen und Vogelzwitschern aussetze, umso sensibler werde ich für die Schönheiten dieses Orts.“

Wenige alte Bäume

In Vorarlberg gibt es leider wenige alte Bäume, berichtet der Baumforscher Conrad Amber. „Es gibt hier nur wenige natürliche Wälder und bin daher öfters im Ost-und Südtirol, im Engadin und Wallis unterwegs. Viele Bäume kenne ich schon Jahre, Jahrzehnte. Ich vermesse und fotografiere sie. Ich klettere an ihnen hoch, und alte Erinnerungen steigen auf. Und, ja, ich umarme sie auch“, gesteht er, ohne sich im Geringsten zu schämen. Im Gegenteil: „Auch Erwachsene sollten auf Bäume klettern.

Vielleicht würden sie dann zum Beispiel spüren, dass sie viel weniger bräuchten, um glücklich und gesund zu sein.“

Laut Conrad Amber gibt es in Vorarlberg wenig natürliche Wälder.<span class="copyright"> Conrad Amber</span>
Laut Conrad Amber gibt es in Vorarlberg wenig natürliche Wälder. Conrad Amber

Gerade bei manchen Männern hat er allerdings eher ein konkurrierendes und pubertäres Verhalten Bäumen gegenüber festgestellt. Nach dem Motto: „Was, du willst größer und stärker sein als ich? Wart nur, bis ich mit meiner Motorsäge komme!“ Das Wort „Waldpflege“ sei eine peinliche Erfindung von Förstern, die den Wald nur mit Holznutzungszahlen bewerten.

Amber hat nichts gegen die Nutzung des Waldes als Holzlieferant, solange dies schonend und in Form von Einzelbaumentnahmen passiert, anstatt Flächen zu schlagen und dann mit Monokulturen aufzuforsten, bis der Wald schließlich brennt oder dem Käferbefall anheimfällt.

Heimische Bäume Pflanzen

Wald hat ohne uns 300 Millionen Jahre bestanden, er brauche nicht von uns „gepflegt“ zu werden. So wenig wie möglich eingreifen, wenn doch, dann das geschlagene Holz nachhaltig einsetzen. Und: Heimische Bäume pflanzen. Niemand müsse Bäume umarmen. Aber ein bisschen mehr Respekt und Achtung wären gut, findet Conrad Amber.