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Kein Freund der Ich-AG

15.08.2020 • 19:29 Uhr / 7 Minuten Lesezeit

Bernhard Amann will Emser Stadtpolitik doch noch aufmischen.

Seit 25 Jahren ist Bernhard Amann schon politisch aktiv. 1995 schaffte er mit der Bürgerliste „Die Emsigen“ erstmals den Einzug in die Hohenemser Stadtvertretung und war seither immer Teil des Stadtparlaments und auch 15 Jahre lang Stadtrat. 2015 wurde er sogar zum Vizebürgermeister gewählt. Nun sollte jedoch Schluss sein mit dem politischen Engagement. Für den ursprünglichen Termin der Gemeindewahl – den 15. März – war Amann auf keinem Wahlvorschlag vertreten. Die Grünen, die 2010 zu den „Emsigen“ dazugestoßen waren, treten als eigene Gruppierung beim Urnengang an.

Neue Liste: “Ems isch üsr”

Nun vollzog Amann aber den Rücktritt vom Rücktritt. Denn der Noch-Vizebürgermeister wird am 13. September erneut in den Ring steigen – nicht gemeinsam mit den Grünen, sondern mit der neu gegründeten Liste „Ems isch üsr“. 72 Kandidaten aus insgesamt sechs Nationen sind darauf vertreten. Damit spiegelt sich bei der neuen Gruppierung auch die Diversität der Einwohner in der Stadt wider, glaubt der 66-Jährige. Bei den anderen Parteien kommt diese seiner Ansicht nach zu kurz.

Zur Person

Bernhard Amann wurde am 21. Mai 1954 in Hohenems geboren und lebt dort auch. Er ist verheiratet und Vater zweier Töchter. Amann ist selbstständiger Diplomsozialarbeiter und engagiert sich im Bereich der Jugendarbeit, der Kultur und Drogenberatung. 1994 hat er die Bürgerinitiative „Die Emsigen“ gegründet, die bei der Gemeindewahl 1995 den Einzug in die Stadtvertretung schaffte. Insgesamt fungierte Amann 15 Jahre lang als Stadtrat in Hohenems.

Sauer stößt dem streitbaren Sozialarbeiter auch auf, dass lediglich die ÖVP einen Bürgermeisterkandidaten ins Rennen gegen Amtsinhaber Dieter Egger (FPÖ) schickt. Er wertet dies als Zeichen dafür, dass die anderen Parteien bereits vor der Wahl die Flinte ins Korn geworfen haben und sich mit dem Status quo abfinden. Damit will sich Amann nicht zufrieden geben.

Egger erntet die Lorbeeren

Egger sei vor allem ein guter Verkäufer. Der „Emsige“ räumt ein, dass die Stadt sich in den vergangenen Jahren durchaus positiv entwickelt hat. Allerdings habe der frühere Bürgermeister Richard Amann (ÖVP) die Dinge ins Rollen gebracht. Egger ernte dafür jetzt die Lorbeeren. So laufe es auch in anderen Bereichen. Die Arbeit werde auf viele Schultern verteilt, aber in der öffentlichen Darstellung werde dann der Bürgermeister als „Macher“ präsentiert. Bernhard Amann stört dieses Prinzip der „Ich-AG“, wie er es nennt.

Auswirkungen der Corona-Krise

Daneben haben auch die Corona-Krise und deren Folgen einen Teil dazu beigetragen, dass Amann sich doch nicht aus der Politik zurückzieht. Auch in der Grafenstadt würden viele Menschen die Auswirkungen von Kurzarbeit, Jobverlust oder psychischen Belastungen spüren. Den anderen Parteien traut der Vizebürgermeister nicht zu, sich dieser Probleme anzunehmen – nicht einmal dem ehemaligen grünen Bündnispartner. Dieser habe andere Prioritäten, wie etwa „Radeln oder grüne Dächer“. Amann räumt zwar ein, dass dies auch wichtige Themen seien, allerdings sollte aus seiner Sicht die Bewältigung der Herausforderungen im Sozialbereich im Vordergrund stehen.

2015 wurde Amann zum Vizebürgermeister gekürt. Nach der Wahl im Herbst will er in Hhoenems den Takt vorgeben. <span class="copyright">Steurer</span>
2015 wurde Amann zum Vizebürgermeister gekürt. Nach der Wahl im Herbst will er in Hhoenems den Takt vorgeben. Steurer

Als Stadtrat für Soziales, Gesellschaft und Integration weiß er über die Anliegen der Menschen Bescheid. Schließlich hat er eigenen Angaben zufolge in den vergangenen fünf Jahren 120 Sprechstunden abgehalten und sich dabei mit knapp 1000 Menschen unterhalten. Auch in den vergangenen Wochen und Monaten hätten ihn viele Emserinnen und Emser kontaktiert und gebeten, dass er sich doch weiter politisch engagiere: „Das hat mich zusätzlich motiviert, noch einmal anzutreten.“

Intensive Sozialpolitik

Zumal die Stadt aus Sicht des Vizebürgermeisters nicht so gut aufgestellt ist, wie es scheint. Immerhin sei diese als strukturschwache Gemeinde eingestuft. Dazu weise Hohenems das niedrigste Durchschnittseinkommen aller Städte auf und sei dadurch krisenanfälliger. In den kommenden Jahren werde es daher wichtig sein, intensive Sozialpolitik zu betreiben und die Menschen in den Mittelpunkt zu stellen.

Es gibt zwar Bürgerbeteiligung, aber dort werden nur fertige Projekte präsentiert.

Bernhard Amann, Bürgermeisterkandidat in Hohenems

Dazu möchte er die Bevölkerung stärker in Entscheidungen mit einbinden. Denn es gehört zu Amanns Verständnis von Politik, auf die Bürgerinnen und Bürger zu hören. In Hohenems komme dies allerdings noch zu kurz. Der Bürgermeister verfolge eine „Top down“- statt einer „Bottom up“-Strategie. Anstatt gemeinsam mit der Bevölkerung die besten Lösungen zu suchen, werde von oben herab verordnet, was zu tun ist. „Es gibt zwar Bürgerbeteiligung, aber dort werden nur fertige Projekte präsentiert“, echauffiert sich der Vizebürgermeister. Eine kritische Diskussion sei nicht erwünscht und werde abgewürgt. Für Amann gehört diese Art der Auseinandersetzung jedoch zur Politik dazu. Nur wenn verschiedene Ideen und Ansätze diskutiert würden, könnten auch die besten Lösungen gefunden werden.

“Grüne waren am Sand”

Bei der Wahl möchte der 66-Jährige mit seiner Liste „Ems isch üsr“ ein zweistelliges Ergebnis im Bereich von etwa 15 Prozent erreichen.  Dass man sich wohl vor allem mit den Grünen um Stimmen matchen wird, ist dem Politiker bewusst. Es macht ihm allerdings auch nichts aus. Schließlich seien die Hohenemser Grünen „am Sand“ gewesen, als sie sich 2010 den Emsigen angeschlossen hätten. Man habe sich nun zwar nicht im Streit getrennt, betont Amann. Allerdings gibt er auch deutlich zu verstehen, dass es durchaus unterschiedliche Auffassungen gegeben hat, wie Politik betrieben werden soll.

Frau hatte letztes Wort

Die Entscheidung, sich doch weiter in seiner Heimatstadt zu engagieren, ist dem Vizebürgermeister nicht schwer gefallen. Letztendlich hatte aber seine Frau das letzte Wort: „Wenn sie gesagt hätte ‚Politik oder Scheidung‘, wäre ich nicht mehr angetreten“, sagt Amann und lacht.