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Mehr als nur eine Ausstellung

22.08.2020 • 14:00 Uhr / 8 Minuten Lesezeit
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Hartinger

In der inatura werden vielfältige Aufgaben wahrgenommen.

Nur etwa zehn Prozent eines Eisberges sind über der Wasseroberfläche zu sehen. Die restlichen rund 90 Prozent befinden sich unter Wasser. Ähnliches gilt für die inatura in Dornbirn. Diese kennen viele Menschen als Museum. Doch abseits der für alle zugänglichen Ausstellung in der Messestadt tut sich dort noch „sehr, sehr viel mehr“, wie Anette Herburger, Diplombiologin und Teamleiterin im Bereich Forschung weiß.„Jede und jeder ist eingeladen, auf der Homepage der inatura rumzustöbern. Da gibt es sehr viel zu den Tätigkeitsbereichen zu entdecken!“ Denn zu den Aufgaben eines Museums gehört es nicht nur, Wissen zu vermitteln und den Besuchern Schaustücke zu präsentieren. Es wird auch bewahrt, gesammelt und geforscht.

Verbreitungsdatenbank

„Die ina­tura ist das Dokumentationszentrum der Natur in Vorarlberg und Drehscheibe der naturwissenschaftlichen Forschung im Land“, erläutert Herburger. So wird beispielsweise die Verbreitungsdatenbank für Zoologie und Botanik geführt. In 1,1 Millionen Datensätzen ist festgehalten, welche Tier- und Pflanzenarten wo in Vorarlberg gefunden wurden. Die Datenbank wird jedoch nicht nur aus Spaß geführt, sondern sie erfüllt auch einen konkreten Nutzen. So dient sie unter anderem als Grundlage für weitere Forschungsarbeiten. Auch im Zuge von Bauprojekten werden die Daten oft genutzt, um festzustellen, ob seltene Pflanzen oder Tiere gefährdet sein könnten. „Forschung schafft Fakten. Und anhand dieser Fakten werden dann Entscheidungen getroffen“, bringt es Herburger auf den Punkt.

70 Prozent inventarisiert

Neben der Datenbank findet sich in der inatura auch noch eine Sammlung mit 150.000 Präparaten aus den unterschiedlichen Bereichen. Von verschiedenen Tierarten über Pflanzen bis hin zu Fossilien und Mineralien. 70 Prozent davon sind inventarisiert, berichtet die Expertin. Das heißt, die einzelnen Stücke wurden fotografiert, genau dokumentiert und in einem Bestandsverzeichnis erfasst, um sie auch ohne langes Suchen rasch an ihrem Lagerplatz finden zu können. Die Quote von 70 Prozent kann sich dabei nach Angaben von Herburger durchaus sehen lassen. Denn derartige Sammlungen sind schließlich niemals komplett. Es kommen ständig neue Sammlungsobjekte dazu, die dann natürlich wieder erst erfasst werden müssen.

Anette Herburger ist Teamleiterin im Bereich Forschung in der inatura. <span class="copyright">inatura</span>
Anette Herburger ist Teamleiterin im Bereich Forschung in der inatura. inatura

Die inatura nimmt aber auch noch eine wichtige Aufgabe wahr, die der Einrichtung vom Land übertragen worden ist. Denn die Naturschau ist gesetzlich dazu verpflichtet, Rote Listen über bedrohte oder bereits ausgestorbene Tier- und Pflanzenarten zu führen. Vorarlberg nimmt damit eine Vorreiterrolle ein, berichtet die Diplombiologin. Denn in keinem anderen Bundesland gibt es diese gesetzliche Verpflichtung. Wie bedroht eine Art ist, hängt laut Herburger von vielen Faktoren ab. Unter anderem geht es natürlich darum, wie häufig eine Art vorkommt. Ebenso spielt eine Rolle, ob der Lebensraum des Tieres oder der Pflanze bedroht ist. Als Beispiel dafür nennt die Expertin die Wiesenbrüter, die in den Riedwiesen im Rheintal vorkommen. Durch die ständige Veränderung der Natur im Land geht die Arbeit an den Roten Listen nie zu Ende. Denn diese müssen immer wieder auf den neuesten Stand gebracht werden. Derzeit werden zum Beispiel die Roten Listen für Schmetterlinge sowie für Amphibien und Reptilien überarbeitet.

Bei der inatura werden Rote Listen - etwa zu den Schmetterlingen - geführt. <span class="copyright">Stiplovsek</span>
Bei der inatura werden Rote Listen - etwa zu den Schmetterlingen - geführt. Stiplovsek

Die Forschung wird bei der inatura teilweise selbst erledigt, aber meist werden Aufträge an externe Experten vergeben. Für die Vergabe gibt es jedoch strenge Richtlinien. „Es wird ein hohes wissenschaftliches Niveau verlangt“, verdeutlicht Herburger. Momentan laufen bei der Naturschau verschiedene Projekte im Bereich der Roten Listen. Im Hohenemser Hochmoor „Schollaschopf“ betreibt die inatura derzeit ein Monitoring. Denn das Moor ist kürzlich erst renaturiert worden. Nun wird beobachtet, wie sich der Lebensraum weiterentwickelt.

Forschung schafft Fakten. Und anhand dieser Fakten werden dann Entscheidungen getroffen.

Anette Herburger

Ein wichtiges Anliegen ist Herburger der Bereich „Citizen Science“. Die wörtliche Übersetzung mit „Bürger-Wissenschaft“ zeigt auch schon deutlich auf, worum es geht: Jeder Interessierte kann sich dabei beteiligen. Der Grad der Beteiligung kann unterschiedlich ausfallen. So kann es sein, dass die Laien lediglich Beobachtungen dokumentieren und melden. Genauso gut gibt es jedoch auch „Citizen Science“-Projekte, bei denen die Hobby-Forscher Messungen durchführen, Daten auswerten oder sogar Forschungsfragen formulieren. Mehrere Projekte nutzen momentan bei der inatura die „Bürgerbeteiligung“. Erst kürzlich wurde ein Aufruf gestartet, Sichtungen der asiatischen Mörtelbiene fotografisch festzuhalten und zu melden. Auf diese Weise soll mehr über das Insekt, das eigentlich in Asien beheimatet ist, aber nach Europa eingeschleppt wurde, erfahren werden. Zudem erhoffen sich die Forscher Erkenntnisse darüber, wie sich die Anwesenheit der Biene auf die heimische Flora und Fauna auswirken könnte.

Kürzlich wurde über ein "Citizen Science"-Projekt zur Asiatischen Mörtelbiene informiert. <span class="copyright">Stiplovsek</span>
Kürzlich wurde über ein "Citizen Science"-Projekt zur Asiatischen Mörtelbiene informiert. Stiplovsek

Um Beobachtung und Dokumentation geht es auch beim Tagfaltermonitoring. An 100 Standorten im ganzen Land wird über vier Jahre lang der Bestand an Schmetterlingen untersucht. Auf diese Weise sollen neue Erkenntnisse gewonnen werden.

“Forschung darf sexy sein.”

„Citizen Science“ bietet aus Sicht der Expertin viele Vorteile. Einer davon ist, dass sich mithilfe der interessierten Laien viel schneller und viel mehr Daten sammeln lassen, als dies für einen Forscher alleine möglich wäre. Ebenso wird den Bürgerinnen und Bürgern ein Einblick in die Wissenschaft geboten. Auf diese Weise könne dem Vorurteil entgegengewirkt werden, dass Forschung im Elfenbeinturm ablaufe und oftmals nebulös sei. „Forschung darf auch sexy sein“, ist daher ein Motto von Herburger.

Die Sammlung der inatura enthält über 150.000 Präparate. <span class="copyright">Hartinger</span>
Die Sammlung der inatura enthält über 150.000 Präparate. Hartinger

Diesem Leitspruch folgt die inatura auch bei zwei neuen Veranstaltungsformaten, die noch im Herbst starten sollen. Beim „inatura Science Café“ wird die Gelegenheit geboten, sich in zwangloser Atmosphäre über Wissenschaft zu unterhalten. Außerdem wird jeweils eine Naturwissenschaftlerin oder ein Naturwissenschaftler eingeladen, die ein Thema aus ihrem Forschungsbereich vorstellen.

“Von der Ursuppe zum Bier”

Der Auftakt zu dieser Veranstaltungsreihe erfolgt bereits am 24. September im Dornbirner Cafesito. Das Treffen steht unter dem Motto „Von der Ursuppe zum Bier“. Dazu gibt es einen Vortrag von Professor Daniel Häuslinger vom Department Chemie der Universität Basel. Zudem gibt es Bierspezia­litäten von Grabhers Sudwerk in Bregenz. Herburger geht es darum, die Neugierde und den Forscherdrang in den Menschen zu wecken und sie für die Wissenschaft zu begeistern. Da dürfen dann durchaus unkonventionelle Wege gegangen werden, indem der Gerstensaft verkostet, aber auch aus wissenschaftlicher Sicht besprochen wird. „Forschung muss nicht weltfremd sein“, betont die Expertin.

Pub Quiz

Das gilt auch für das zweite geplante Format, das derzeit jedoch noch keinen fixen Termin hat. Beim „inatura Science Pub Quiz“ sollen Menschen in einer Kneipe oder einem Gasthaus zusammenkommen, um dann dort in Teams naturwissenschaftliche Fragen zu beantworten. Manche der Fragestellungen sind sogar mit einem Experiment verknüpft. Sieger ist schließlich, wer die meisten richtigen Antworten gibt. Auch hier geht es der Diplombiologin darum, Interessierten die Wissenschaft näher zu bringen – und zwar in einer gemütlichen Atmosphäre. Über die Bühne gehen soll das „Pub Quiz“ im Oktober oder November. Herburger wäre dabei ein Veranstaltungsort im Bregenzerwald, Feldkirch oder Montafon am liebsten. Denn im ganzen Ländle gibt es naturwissenschaftlich interessierte Menschen oder solche, die es noch werden wollen.

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